Kundgebung
500 Massnahmen-Skeptiker in Zug: Unter dem Coronamantel tummeln sich immer mehr Ideen

Die dritte Anti-Corona-Regime-Veranstaltung in Zug verzichtete auf den Umzug und die Trychler. Zu hören war überwiegend Wirres.

Marco Morosoli
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Es gab im Fernsehen der Deutschen Demokratischen Republik die Unterhaltungssendung «Ein Kessel buntes». Das TV-Format überlegte gar die Wiedervereinigung. Im Jahr 1992 war nach 118 Ausgaben endgültig Schluss.

Was nach der Veranstaltung vom Samstag klar ist: Der Event entwickelt sich zusehends zu einem verbalen Gemischtwarenladen, bei dem allerlei Menschen eine Plattform erhalten, um ihre abwegigen Theorien breitzuwalzen.

Die rund 500 Menschen jeglicher Altersklassen auf dem Stierenmarktareal erwartete ein sechsstündiger Marathon der Worte. Dass viele der Rednerinnen und Redner – das war wohl ihrer Nervosität geschuldet – kaum zusammenhängende Sätze zu bilden vermochten, sei ihnen vergeben.

Ein Thema ansagen und dann über anderes reden

Einen anderen Massstab gilt es aber anzusetzen, wenn ein Redner mit dem Pseudonym «Shipi» ankündigt, er würde über Medienmanipulation referieren, aber darüber kein Wort verliert. Die Begründung dafür bleibt «Shipi» schuldig. Dafür wussten die Anwesenden, dass den Kantonen mehr Macht zu geben sei: Die Kleinräumigkeit habe den Vorteil, dass auf äussere Einflüsse viel schneller reagiert werden könnte. «Shipi» skizzierte auch ein neues Bildungsmodell: Es gehe einfach nicht an, dass die Jugend über den gleichen Kamm geschoren werden könne. «Shipis» Staatsmodell ist einfach: Der Staat kümmert sich um die äussere wie auch die innere Sicherheit. Das Konstrukt solle dabei nur die Mittel erhalten, die es für die Erfüllung dieser Aufgaben braucht. Ein anderer Redner betonte später, dass der Wald genug Nahrung hergebe, um bei der Ernährung einen wichtigen Beitrag zu leisten. Das Wort Corona kam aber auch in diesen Voten höchstens in einem Nebensatz vor.

Ein Unterägerer nimmt Oberägeri für sich ein

Einen längeren Auftritt hatte am Samstag auch der gebürtige Unterägerer Stefan Theiler. Er erklärte, dass er in einer Heimatgemeinde gerne etwas zu einer Art Experimentierfeld machen wolle. Verbündete hätte er schon in einer örtlichen Bäckerei und in einem Restaurant auf einem Pass. Dass die letztgenannte Einrichtung auf dem Gemeindegebiet von Oberägeri liegt, haben womöglich nur wenige bemerkt. In der Schweizer Mediendatenbank finden sich ein paar Einträge über Theilers Wirken in der Stadt Bern. Dort habe er verschiedene Male erfolglos für politische Ämter kandidiert und habe dabei bei seinen Aktionen des Öfteren den Bogen überspannt.

Später betrat Christian Frei die Bühne. Er betonte wiederholt, dass sein Nachname Programm sei. Er rief die Anwesenden dazu auf, zu erkennen, dass «die Coronaviren eine Fiktion sind». Frei rief in die Runde: «Geht nicht mehr wählen». In seinen Augen hat der Mensch nur Rechte, aber keine Pflichten. Für Frei ist «die Demokratie die Diktatur der Armen». Immerhin ging Frei in einem Nebensatz auf die Pandemie ein. Nach dem Durchtaufen komme jetzt das Durchimpfen. Die Besucher des von den «Corona Rebellen» organisierten Wortmarathons spendeten beim Gros der Rednerinnen und Redner artig Applaus.

Unter dem Coronamantel haben auch Verschwörungstheoretiker Platz. Eine auf der Bühne erscheinende Referentin stelle sich gleich als solche vor. Sie driftete zwar in ihrem Vortrag in eine Kurzfassung des Satanismus ab. Später liess sie dem Amerikaner William Milton Cooper (1943–2001) via aufgezeichnete Videobotschaft eine längere Redezeit. Dieser habe, so erwähnte die Frau, die Ereignisse rund um den 11. September 2001 vorhergesehen. Cooper starb übrigens am 5. November 2001 nach einem Schusswechsel mit der Polizei.

Dass später am Abend die Gruppe Anonymus – mit Masken – auftrat, hatte eine gewisse Ironie. Wie viele der Besucher sechs Stunden ausgehalten haben, ist unklar. Was alle freut: Die Marathon-Versammlung blieb bis am Schluss friedlich. Bei 500 Besuchern ist das Ausrasten von Teilnehmern eben weniger wahrscheinlich als bei den angekündigten 3000 Besuchern.

Video: Tele 1

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