Kultur
Zuger Sinfonietta: Nach dem Barock zur frühen Romantik

Die Zuger Sinfonietta unter Daniel Huppert erfreute ein zahlreiches Publikum mit Werken im ausklingenden Barock und der Romantik. Sonderapplaus erhielt der Solo-Trompeter Romain Leleu.

Jürg Röthlisberger
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Die Zuger Sinfonietta im Lorzensaal Cham mit dem Solisten Romain Leleu und dem Dirigenten Daniel Huppert.

Die Zuger Sinfonietta im Lorzensaal Cham mit dem Solisten Romain Leleu und dem Dirigenten Daniel Huppert.

Bild: Matthias Jurt (Cham, 12. Dezember 2021)

Wie Intendant Lion Gallusser schon bei der Konzerteinführung im Chamer Lorzensaal betonte, hatte Johann Baptist Georg Neruda (1711–1776) sein «Trompetenkonzert» ursprünglich für Horn und Streicher geschrieben. Der dafür vorgesehene Solist (Johann Georg Knechtel) war in der Lage, mit der sogenannten Clarintechnik auf dem Ventil-losen Naturhorn bis zum 24. Naturton hochzusteigen. Das ergab eine enge Tonfolge, welche Melodien über blosse Dreiklangmotive hinaus ermöglichte. Da diese Intervalle aber weder den heutigen noch den damaligen Vorstellungen einer Dur-/Moll-Tonleiter entsprachen, muss die Solostimme «falsch» geklungen haben. Erst die Überschreibung auf eine nach Tonumfang und Intonation viel geeignetere moderne Ventiltrompete entriss die Komposition vor wenigen Jahrzehnten der Vergessenheit.

Eine perfekte, moderne Interpretation

Die Wiedergabe durch den international bekannten Solisten Romain Leu erfüllte alle Wünsche einer perfekten modernen Interpretation. Durch das ganze Werk gelangen präzise, saubere und stets stilgerecht wirkende Einsätze, und auch die Kadenzen fügten sich nahtlos ins Geschehen ein. Die äussere Form entsprach den auch durch die technische Funktion des Instruments gegebenen Rahmenbedingungen: relativ kurze Spieldauer, zwischen den Einsätzen des Solisten immer längere Zwischenspiele des Orchesters, Thematik meist in Es-Dur und in der Nähe von Dreiklangsmotiven.

Noch mehr Beifall erhielten die beiden Zugaben: Die weltbekannten Melodien des Libertango (nach Astor Piazzolla) und «I like to be in America» (nach Leonard Bernstein) ermöglichten dem Solisten die Präsentation weiterer Teilaspekte seines vielfältigen Könnens. Auch das Streicherensemble wusste sich sofort auf eine veränderte Stilschicht umzustellen.

Begonnen hatte man mit einer Sinfonie in B-Dur von Carl Philipp Emanuel Bach. Zu Lebzeiten berühmter als sein Vater Johann Sebastian, hatte der zweitälteste Bach-Sohn die barocken Stilprinzipien nur noch teilweise weitergeführt. Das Cembalo aus der Generalbass-Epoche pausierte oft längere Zeit, besonders auffallend im zweiten Satz. Stark betonte Daniel Huppert bei der Interpretation die Kontraste. Durch Tempowechsel wurden die unterschiedlichen Notenwerte noch deutlicher hervorgehoben.

Eher Sinfonie denn Serenade

Als der junge Antonín Dvořák sein Opus 22 schrieb, galt die Serenade bereits als veraltete Musikform. Mit dieser Bezeichnung kaschierte er eher eine Art Sinfonie. Mit fast 30 Minuten Spieldauer überzog sie auch den zeitlichen Rahmen der ursprünglich als unverbindliche Unterhaltung verstandenen Serenade. Ihr innerer Gehalt wurde vor allem auch von Johannes Brahms erkannt, was Dvořák den Weg zum Verleger Simrock und zum späteren Weltruhm öffnete. Die Qualität und Originalität der musikalischen Erfindung sollen Brahms zum Ausruf veranlasst haben:

«Aus seinen Abfällen könnte sich jeder andere die Hauptthemen zusammenklauben.»

Die Interpretation durch die Zuger Sinfonietta liess alle Vorzüge des Werks voll zur Geltung kommen. Angemessen gelang die Synthese mit einer heiteren Grundstimmung, die aber immer wieder von Tonart-Wechseln in Frage gestellt wurde. Transparent erlebte man den Einschub von Elementen böhmischer Volksmusik. Dies geschah stets formbewusst und unaufdringlich – eine Fähigkeit, welche Dvořák schliesslich zur Meisterschaft der unsterblichen Spätwerke verdichtete.

Das überaus zahlreiche Publikum musste auch nach bestandener Zertifikatskontrolle die Maske weiter tragen – genau gleich wie die Mitglieder der Sinfonietta, inklusive Dirigent. Angesichts der Bedrohungen sind die Veranstalter vielleicht sogar froh, dass die nächste Chamer Aufführung erst am 19. März 2022 stattfindet.

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