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Wenn Frauen in der Moschee zum Gebet aufrufen

Vor fünf Jahren wurde in Berlin die erste liberale Moschee Deutschlands eröffnet, wo heute Frauen und Männer gemeinsam beten und predigen können. Treibende Kraft hinter diesem Projekt ist die Imamin Seyran Ateş.

Benno Bühlmann
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Es ist Freitagnachmittag, kurz nach zwei Uhr. An der Fassade der Ibn Rushd-Goethe Moschee im Berliner Moabit-Quartier prangt eine grosse Regenbogen-Fahne. «Liebe ist halal» heisst die Botschaft, welche die erste liberale Moschee Deutschlands unübersehbar verkündet. Damit bringt sie zum Ausdruck, dass hier alle Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung willkommen sind, weil sie alle als Geschöpfe Gottes von Allah geliebt werden.

Als erste Frau nimmt Seyran Ateş in Berlin die Funktion einer Imamin in einer liberalen Moschee wahr.

Als erste Frau nimmt Seyran Ateş in Berlin die Funktion einer Imamin in einer liberalen Moschee wahr.

Bild: Benno Bühlmann/PD

Freitagsgebet mit Gesprächskreis

Beim Betreten der Innenräume vernimmt man die Stimme einer Frau, die als Muezzinin den traditionellen Gebetsruf singt und mit ihrer schönen Stimme die Besucherinnen und Besucher in ihren Bann zieht. Die hier anwesenden Muslime sprechen das eröffnende Gebet «Al Fatiha» in arabischer Sprache mit den traditionellen Körperbewegungen, während die Predigt auf Deutsch gehalten wird.

Ein nicht unwichtiges Unterscheidungsmerkmal zu herkömmlichen Moscheen gibt es trotzdem: Im Anschluss an Predigt und Gebet findet jeweils ein Gesprächskreis statt, bei dem die Anwesenden ihre persönlichen Kommentare zum Thema der Predigt einbringen und mit anderen ihre Meinung austauschen können.

Heilsamer Perspektivenwechsel

Die weit über Berlin hinaus bekannte Ibn-Rushd-Goethe-Mosche ist – wie andere muslimische Gebetsstätten – mit Gebetsteppichen ausgestattet und hat auch eine Gebetsnische (arabisch «Mihrab» genannt), welche die Gebetsrichtung nach Mekka anzeigt.

Der Mihrab in dieser Moschee präsentiert sich allerdings in einer modernen Ausgestaltung als halbkreisförmiges künstlerisches Gebilde mit Holzstäben, die den Besucherinnen und Besuchern je nach Perspektive in blauer oder weisser Farbe erscheinen.

Die Symbolik dieser Installation ist zugleich Programm: Damit werde gezeigt, dass in dieser Gebetsstätte sehr vielfältige Sichtweisen erwünscht und die Bereitschaft zum «Perspektivenwechsel» für ein friedliches Zusammenleben von gleichberechtigten Menschen unabdingbar sei, wie Seyran Ateş betont.

Neue Moschee als «Erfolgsgeschichte»

Die 59jährige Frauenrechtlerin aus Istanbul war die Hauptinitiatorin für die Gründung der liberalen Moschee, die vor fünf Jahren in Berlin eröffnet wurde. «Was wir in diesen fünf Jahren auf die Beine stellen konnten, ist für mich eine Erfolgsgeschichte», meint die Imamin:

«Länger als ein paar Wochen hältst du das eh nicht durch, haben mir damals viele Menschen gesagt.»

Doch die gelernte Rechtsanwältin, die später auch noch eine Ausbildung zur Imamin absolvierte, hat einen langen Atem. Die unermüdliche Kämpferin für die Gleichberechtigung von Mann und Frau liess sich in den vergangen Jahren auch durch Morddrohungen nicht von ihrer Vision eines modernen und aufgeklärten Islam abbringen. Sie bezahlt dafür allerdings einen hohen Preis, denn seit 2006 ist sie dauernd auf Personenschutz angewiesen und kann sich in Berlin nicht mehr frei bewegen.

Streit um das Kopftuch

Während des Freitagsgebetes in der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee gibt es auch vereinzelt Frauen, die während den Niederwerfungen ein Kopftuch tragen, aber die Mehrheit nimmt hier ohne Kopftuch am Gebet teil.

Seyran Ateş ist der Meinung, dass in der Öffentlichkeit der Kopftuch-Frage viel zu grosse Bedeutung zugemessen werde: «So entsteht der Eindruck, als ob das Tragen eines Kopftuches als sechste Säule des Islam gelten würde, was aber absolut nicht der Fall ist», meint die Imamin. Vor allem ist es unhaltbar, wenn sich Frauen verhüllen müssen, um von Männern nicht sexuell belästigt zu werden.»

Imaminnen in der Schweiz wohl «undenkbar»

Wäre eine ähnliche Moschee, wie sie in Berlin von Seyran Ateş initiiert wurde, auch in der Schweiz denkbar? – «Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen», meint Izeta Šarić, die sich seit vielen Jahren aktiv in der bosnischen Moschee in Emmenbrücke engagiert.

Šarić setzt sich zwar schon seit etlichen Jahren für die Anliegen der Frau in der muslimischen Gemeinschaft ein. Doch die Einsetzung einer Imamin als Leiterin einer Moschee wäre aus ihrer Sicht eine Grenzüberschreitung, die letztlich «kontraproduktiv wäre und der Sache der Frau nur schaden würde», weil das in der muslimischen Gemeinschaft «mit Sicherheit als Grenzüberschreitung und Provokation wahrgenommen wird».

Frauen könnten zwar in einer reinen Frauenmoschee problemlos als Vorbeterinnen fungieren, aber niemals vor einer gemischten Glaubensgemeinschaft (von Männern und Frauen) als Imamin auftreten. Für Izeta Šarić ist das nicht eine Frage der Gleichberechtigung, denn die Frauen seien nicht weniger wert, wenn sie nicht einer Moschee vorstehen könnten. Vielmehr habe das mit unterschiedlichen Aufgaben zu tun, die auch biologisch begründet seien.