Kolumne «Schnee von gestern»
Volle Ladung im halben Zug

Personalmangel wohin man blickt - auch bei den SBB. Am Ende retteten ein paar Tessiner Tomaten die Heimreise unseres Autors.

Hans Graber
Hans Graber
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Das Perron in Bellinzona war am heissen Donnerstag proppenvoll. Alle wollten in den von Lugano herkommenden Zug einsteigen. Die Normalbelegung des Zuges liegt laut Online-Fahrplan im roten Bereich («sehr hoch»). Entsprechend stark besetzt waren die Wagen bereits bei der Einfahrt in Bellinzona. Zwar ist es immer wieder verblüffend, was so alles in einen Zug hineingequetscht werden kann. Einer geht noch, einer geht noch rein. Immer. Wir entschlossen uns trotzdem, eine halbe Stunde zu warten und den nächsten Schlitten zu nehmen, mit nur «hoher» Durchschnittsbelegung. Ich nutzte die Zeit, um Tessiner Tomaten einzukaufen.

Als die halbe Stunde schon fast um war, wurde zunächst eine kleine Verspätung verkündet. Dann – obwohl der Zug ja bereits unterwegs war – eine «fehlende Fahrbereitschaft». Schliesslich erfolgte die Ansage, dass die Hälfte des Zuges wegen «Personaldisposition» geschlossen sei. Die ganze Komposition war extrem lang, so lang, dass es auch bei sehr vielen Passagieren noch Platz hat. Im Normalfall. Fällt aber die Hälfte der Wagen weg, wird es eng. Enger als im Zug, den wir ausgelassen hatten.

Von Personalmangel sind viele Branchen betroffen. Gastgewerbe, Spital, IT, Bau, Maschinenbau, ÖV, Schule. Für Letztere werden nun auch Lehrkräfte angeworben, die keine entsprechende Ausbildung haben. Das muss nicht zwingend ein Nachteil sein. Möglicherweise werden die Schüler bei der Bewältigung des Lernstoffes etwas mehr Mühe bekunden als eh schon, aber allenfalls kriegen sie dafür lebendigen Anschauungsunterricht, wie man es nicht machen sollte, was im Leben auch von Nutzen sein kann.

Zurück in «unseren» Zug. Den Run auf die halbierten Waggons kann man sich denken. Wir erspähten zwei freie Plätze in einem Viererabteil. Das heisst, frei waren die Plätze nicht, sondern mit Taschen belegt. Unsere Frage, ob wir uns setzen dürfen, parierte die hochdeutsch sprechende Frau mit einem gequälten Blick und den Worten, es habe doch «überall noch viele schöne Plätze». Der zum reifen Drachen gehörende Mann schaute gar nicht erst hoch, konnte also auf meiner Backe auch das dicke Pflaster nicht sehen, das ich aufgrund einer kleinen Unpässlichkeit zwei Tage tragen musste. Vielleicht hätte ich sonst mit einem Versehrten-Bonus rechnen dürfen. Aber nichts da. Ich hätte mich gerne in eine giftige Diskussion eingelassen und zog, wenn’s hart auf hart gehen sollte, in Erwägung, die Tomaten aus der Tasche zu holen und sie der dummen Gans an den Kopf zu schmeissen. Aber meine Frau war wieder einmal die Vernünftigere und plädierte fürs mühselige Weitersuchen.

Dass im ÖV ein Viererabteil von zwei oder gar nur einer Person in Beschlag genommen und für andere quasi zur verbotenen Zone erklärt wird, hat seit Corona markant zugenommen. Halbwegs kann ich das verstehen. Ich glaube aber, dass Corona oft nur Alibi ist, um seine eklatante Dreistigkeit ausleben zu können. Die Angst vor dem Virus ist sekundär. Am selben Tag waren wir im Centovalli-Bähnchen gefahren. Auf der italienischen Seite ist noch Maskenpflicht, was – scharf beäugt vom Wachtdienst – alle brav befolgten. Auf Schweizer Seite trug niemand mehr Maske. Im selben Zug mit denselben dicht an dicht sitzenden Leuten. Komisch.

Wir haben im Halbzug noch zwei Plätze gefunden. Schöne sogar. Im unbedienten Speisewagen. Vielleicht steht der Koch jetzt vor einer Schulklasse, oder er assistiert in einem Operationssaal. Aber obwohl nichts serviert wurde, waren wir fein raus. Tomaten helfen recht gut gegen Durst.