KOLUMNE «SCHNEE VON GESTERN»
Die Geschichte von Franz und der verhängnisvollen Fürsorge

Unser Autor hat kürzlich einen alten Bekannten wieder mal getroffen und dabei minim sein Leid geklagt. Das hätte er besser unterlassen, denn nun klingelt sein Telefon gefühlt täglich.

Hans Graber
Hans Graber
Drucken

Franz ist ein lieber Mensch. Eigentlich. Aber Franz geht mir auf den Wecker. Zugleich nerve ich mich über mich, weil es Franz ja nur gut meint. Eigentlich. Es ist deshalb blöd von mir, mich über ihn aufzuregen. Eigentlich. Aber ich kann nicht anders.

Franz (Name geändert, klar) ist eine Bekanntschaft aus der Zeit, als ich mal in Zürich gearbeitet habe. Er wohnt weit weg und liest diese Zeilen nicht. Franz ist etwa ein Jahrzehnt älter als ich, verheiratet, ich glaube glücklich. Er ist ein sehr korrekter Mensch. Wir hatten und haben nur ungefähr dieselbe Wellenlänge, privat kam es nur zu wenigen Kontakten, aber ein bisschen freundschaftlich mit ihm verbunden fühle ich mich trotzdem.

Vor einiger Zeit habe ich Franz wieder einmal getroffen, zufällig, am Bahnhof Winterthur. Ich war damals etwas angeschlagen, Nachwehen eines Velounfalls mit neuneinhalb Rippenbrüchen. Bis man da den aufrechten Gang wieder beherrscht, dauert es. Ich erzählte Franz vom Unfall und von den Mühen, wieder richtig Tritt zu fassen.

Meist versuche ich, kein Jammerlappen zu sein, und die beim Unfall ebenfalls erlittene Hirnerschütterung hat keinen Dachschaden hinterlassen, so meine ich wenigstens. Aber offenbar habe ich bei jenem Treffen einen recht elenden, ja, besorgniserregenden Eindruck hinterlassen. Denn seither erkundigt sich Franz regelmässig nach meinem Befinden. Sehr regelmässig. Gefühlt täglich.

Sag's doch schnell per Telefon!

Sag's doch schnell per Telefon!

Bild: Donato Caspari

Wenn ich von jemandem gefragt werde, wie es mir gehe, vermeide ich Übertreibungen. Ich antworte oft so etwas in der Art von «es geht ordentlich». Das entspricht einerseits in der Regel der Wahrheit, denn es gibt immer Gründe, weshalb es einem nicht «super» geht.

Andererseits finde ich, dass selbst bei tadelloser Verfassung immer noch eine Steigerung möglich sein muss. Franz allerdings interpretiert meine Zurückhaltung so, dass es mir nach wie vor mies geht. Deshalb ruft er an und fragt nach. Auch ein Strategiewechsel bringt nichts. Wenn ich Franz sage, es gehe mir blendend, glaubt er es nicht.

Franz ruft aufs Festnetz an. Das nutzen sonst fast nur noch unerwünschte Anrufer, die einem etwas andrehen wollen. Ich könnte Franz mit einem Tastendruck dauerhaft sperren. «Der gewünschte Teilnehmer möchte nicht gestört werden», bekäme er dann von der Swisscom-Stimme zu hören. Aber in diesem Fall würde Franz wohl das Schlimmsten befürchten, Matthäi am Letzten. Er käme sicher persönlich vorbei. Also lasse ich ihn anrufen. Unsere Gespräche dauern meist nicht lange, und sie enden immer mit Franzens Bitten «heb Sorg» und/oder «lueg guet zue der». Ja doch, gopfertelisiech.

Irgendwie ist es ja rührend, wenn sich jemand so um einen sorgt. Es beginnt freilich auch an einem zu nagen. Je mehr ich darüber nachdenke, ob es mir gut geht, desto schlechter geht es mir. Man kann es nämlich übertreiben mit der Fürsorge. Wissenschaftler haben mal untersucht, was mit Kranken passiert, für deren Heilung gebetet wird. Jenen, die Kenntnis davon hatten, dass sie in die Gebete anderer eingeschlossen waren, ging es fortan schlechter als jenen, für die ebenfalls gebetet wurde, ohne sie aber darüber zu informieren. Ob Franz auch für mich betet? Zuzutrauen ist es ihm. Even­tuell ruft er deshalb so häufig an, weil er wissen möchte, ob es endlich etwas genützt hat.

Ich habe mir schon überlegt, ob ich ihm sagen soll, dass mir seine Nachfragerei auf den Geist geht. Aber vor den Kopf stossen möchte ich ihn trotz allem auch wieder nicht. Es könnte allerdings ja auch sein, dass es Franz ähnlich geht. Er möchte vielleicht schon längst aufhören mit diesen Anrufen, hat aber das Gefühl, ich würde mich im Stich gelassen fühlen. Und so dreht sich denn diese verhängnisvolle Spirale … – pardon, ich muss Schluss machen. Das Telefon klingelt. Wer mag es wohl sein? Dreimal darf ich raten: unerwünschter Anrufer. Franz. Oder beides.

Aktuelle Nachrichten