Vorsorge
Trendwende bei den Pensionskassen: Die Guthaben dürften wieder besser verzinst werden

Gute Nachrichten von der zweiten Säule: Doch hinter den erfreulichen Durchschnittswerten entsteht in der Pensionskassenwelt eine Zweiklassengesellschaft.

Florence Vuichard
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Drohende Zweiklassengesellschaft: Nicht alle Altersguthaben profitieren gleich stark von den höheren Zinsen.

Drohende Zweiklassengesellschaft: Nicht alle Altersguthaben profitieren gleich stark von den höheren Zinsen.

Keystone

2021 war ein gutes Jahr für die Pensionskassen, ein sehr gutes, wie aus der neuesten Pensionskassenstudie von Swisscanto hervorgeht. Sie erwirtschafteten im vergangenen Jahr eine durchschnittliche Rendite von 8,4 Prozent. Das ist gemäss der Tochtergesellschaft der Zürcher Kantonalbank (ZKB) das zweitbeste Resultat der vergangenen zehn Jahre und liegt deutlich über dem in dieser Zeit ausgewiesenen Schnitt von 5,4 Prozent. Diese Ausgangslage verschaffe den Pensionskassen «nun mehr Handlungsspielraum, insbesondere bei der Verzinsung der Altersguthaben». Oder anders gesagt: Pensionskassen könnten die Altersguthaben nun wieder besser verzinsen.

Es ist eine Trendwende bei der zweiten Säule, die seit Jahren eigentlich nur mit Leistungsabbau für Schlagzeilen sorgt. Eine Trendwende, die sich auch in den Swisscanto-Zahlen widerspiegelt: Aktiv Versicherte profitierten von einer höheren Verzinsung. «Über alle Kassen gesehen, lag diese 2021 mit durchschnittlich 4,25 Prozent so hoch wie letztmals im Jahr 2001.» Ein Rekordwert, der deutlich über dem Durchschnittswert der vergangenen 20 Jahren von 2,56 Prozent liegt.

Eine Trendwende prognostiziert Swisscanto auch beim technischen Zins, also bei jenem Wert, der ausdrückt, mit welchen langfristigen, finanziellen Verpflichtungen die Vorsorgeeinrichtungen rechnen. 2021 hat die Schweizerische Kammer der Pensionskassenexperten empfohlen, diesen Satz angesichts der steigenden Zinsen anzuheben. Der Umwandlungssatz hingegen dürfte auch in Zukunft weiter sinken.

Nicht alle Kassen sind gleich gut aufgestellt

Doch der erfreuliche Durchschnittswert überdeckt die grossen Differenzen zwischen den Kassen. Bei den Vorsorgeeinrichtungen hat sich gemäss Swisscanto «eine Zweiklassengesellschaft herausgebildet» – und zwar zwischen jenen Kassen, die «ihre Hausaufgaben gemacht» hätten, sprich ihren technischen Zins sowie den Umwandlungssatz gesenkt und Wertschwankungsreserven geäufnet hätten, und ebenjenen, die das nicht getan hätten. Die Folge: «Pensionskassen mit Wertschwankungsreserven von bereits über 75 Prozent vermochten die Altersguthaben ihrer Versicherten doppelt so hoch zu verzinsen wie Kassen mit tieferen Reserven.»

Das heisst folglich: «Für Versicherte spielt es eine entscheidende Rolle, bei welcher Kasse sie über ihren Arbeitgeber versichert sind.» Die Differenz bei der Verzinsung zwischen den 10 Prozent der Kassen mit der tiefsten respektive höchsten Verzinsung liegt bei knapp 10 Prozentpunkten. Oder anders gesagt: Während die knauserigsten Kassen die Altersguthaben der Versicherten gerade mal mit knapp 1 Prozent verzinsen, liegt dieser Wert bei den grosszügigsten Kassen bei fast 11 Prozent.

Vorsichtige Anlagestrategie zahlt sich nicht unbedingt aus

Die Zweiklassengesellschaft bei den Vorsorgeeinrichtungen zeigt sich auch bei der erzielten Performance. Die beste Kasse lieferte im vergangenen Jahr eine Rendite von knapp 16 Prozent ab, die schlechteste nur gerade gut 1,3 Prozent. Über die vergangenen fünf Jahre gesehen, erwirtschafteten die besten 10 Prozent im Schnitt Renditen von über 7 Prozent, während die schlechtesten 10 Prozent klar unter der 4-Prozent-Hürde blieben.

Entscheidend für die Performance der Pensionskassen ist ihre Anlagestrategie. Das ausserordentlich gute Jahr 2021 ist auf die «rekordhohe Aktienquote» zurückzuführen, wie Swisscanto festhält. Trotz grosser Marktturbulenzen, gestörter Lieferketten und Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine stehen Kassen mit aggressiver, sprich aktienlastigerer Anlagestrategie gleich gut respektive gleich schlecht abgeschnitten wie die Übervorsichtigen, welche vor allem auf Obligationen gesetzt haben. Anleihen hätten «als vermeintlich sichere Anlageform ihre defensiven Qualitäten zu Jahresbeginn nicht ausspielen können». Das Fazit von Swisscanto: «An Aktien führe im Anlagemix kein Weg vorbei.»

Und eines ist gemäss Macher der Swisscanto-Studie klar, welche Daten von 475 Kassen mit einem Anlagevermögen von 806 Milliarden Franken und insgesamt knapp 3,8 Millionen Versicherten ausgewertet hat: Die Kassen könnten eigentlich noch besser sein. «Die Frage ist, ob sie ihr Risikopotenzial auch wirklich ausschöpfen», sagt Iwan Deplazes, Leiter Asset Management bei der ZKB. Diese Frage leitet er aus dem erstaunlichen Befund ab, dass Kassen mit überdurchschnittlich mehr Pensionierten eine bessere Performance hingelegt haben als solche mit einem tieferen Pensioniertenanteil – obwohl diese eigentlich weniger Risiko eingehen können. Und das wiederum lässt den Schluss zu, dass jene, die mehr Risiko eingehen könnten, dies nicht tun.

Die insgesamt guten Nachrichten könnten sich mittel- bis langfristig aufs Rentenniveau auswirken. Heini Dändliker, Leiter Firmenkunden Schweiz bei der ZKB, formuliert es vorsichtig: «Höhere Renten könnten in Sichtweiten geraten.»