Übernahmekampf
Wie ticken eigentlich die Sika-Käufer?

Der französische Konzern Saint-Gobain will den Schweizer Baukonzern Sika übernehmen. Doch wie ticken die Käufer überhaupt? Ein Besuch bei Saint-Gobain in den Vororten von Paris.

Andreas Schaffner, Paris
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Baumarkt Outiz von Saint-Gobain: Der Online-Shop mit einem mobilen Aussendienst und aktuell vier Abholstellen im Raum Paris wurde 2014 eröffnet.

Baumarkt Outiz von Saint-Gobain: Der Online-Shop mit einem mobilen Aussendienst und aktuell vier Abholstellen im Raum Paris wurde 2014 eröffnet.

Laurent Villeret

Es war 2010, als der Konzernchef von Saint-Gobain, Pierre-André de Chalendar, sein Auge auf die Schweizer Industrieperle Sika warf. Es gab erste Gespräche, Annäherungen. Der damalige Sika-Präsident Walter Grüebler, skeptisch ob der Avancen, soll de Chalendar sogar in seinem Hauptquartier in Paris besucht haben. «Für einen Franzosen sind Sie in Ordnung», soll Grüebler damals gesagt haben. Ein Kompliment aus dem Mund des kernigen Industrie-Chefs aus der Schweiz.

Doch der Sika-Mann hat dem Franzosen gesagt, eine Heirat funktioniere aus einem einfachen Grund nicht: Die Gründerfamilie Schenker-Burkard denke nicht daran, ihren Anteil zu verkaufen. Dies soll später auch Familienmitglied und Sika-Verwaltungsrat Urs Burkard höchst persönlich bestätigt haben. Die Zustimmung der Familie ist entscheidend. Mittels sogenannter Stimmrechtsaktien hält sie nämlich die Stimmenmehrheit.

Inzwischen ist die Welt eine andere. Clan-Chefin Franziska Burkard starb 2013. Die Bindung der neuen Generation an die Firma liess nach. Urs Burkard hat de Chalendar schliesslich letzten Oktober per Mail signalisiert, die Familie möchte ihre Anteile am Baarer Bauchemiehersteller verkaufen.

Zahlreiche Gerichtsverfahren hängig

Man wurde bei einem Kaupreis von 2,75 Milliarden Franken rasch handelseinig. Doch die Geschäftsleitung und der Verwaltungsrat wurden nicht eingeweiht. Sie wiegten sich lange noch im Glauben, dass die Burkards zur Firma stünden.

Was die Verbuchung des Gewinns verrät

Der Kaufpreis von 2,75 Milliarden Franken für die Sika-Anteile wurde im Dezember 2014 vereinbart. Einen Monat bevor die Schweizerische Nationalbank den Mindestkurs zum Euro aufgehoben hat. Seither hat sich der Franken um 10 bis 15 Prozent aufgewertet. Glück für Saint-Gobain: Sie haben die Franken rechtzeitig gewechselt. Saint-Gobain hat auf einen Schlag einen Buchgewinn von rund 400 Millionen Euro gemacht. Pikant ist nun die Frage, wie der Gewinn verbucht wird. Wollen die Franzosen trotz juristischen Verzögerungen am Sika-Teilkauf festhalten, dürften sie den Währungsgewinn laut Experten nicht vor dem Kauf verbuchen. Erste Stimmen aus dem Saint-Gobain-Lager zeigen, dass man sich dessen bewusst ist. Den Aufwertungsgewinn aber nicht erfolgswirksam verbuchen will. Mit anderen Worten: Man rechnet mit einem erfolgreichen Abschluss des Deals. (asc)

Im letzten Dezember platzte dann die Bombe. Seither ist Feuer im Dach: Verwaltungsratspräsident Paul Hälg protestiert zusammen mit der Mehrheit des Verwaltungsrats gegen das Vorgehen und den Teil-Verkauf an die Franzosen. Auch die Publikumsaktionäre haben sich dem Protest angeschlossen. Kein Wunder, denn diese gingen beim Deal aufgrund der besonderen Aktionärsstruktur leer aus.

Dadurch wird der Verkauf des Burkard-Pakets, welches über die Firma Schenker-Winkler Holding (SWH) gehalten wird, möglicherweise auf Jahre hinaus blockiert. Ausserdem sind zahlreiche Gerichtsverfahren hängig. Gegen Entscheide von Generalversammlungen wird gerichtlich vorgegangen und zahlreiche Verwaltungsräte sind eingeklagt. Weitere Verfahren sind gewiss. Etwa eine Klage eines Grossaktionärs gegen die Familie Burkard. Begleitgeräusche einer unschönen Übernahmeschlacht, die Mitarbeiter, Kunden und Publikumsaktionäre von Sika verunsichert und Millionen an Anwalts- und Beraterkosten verschlingt. Am 24. Juli findet eine ausserordentliche Generalversammlung statt, an der die Familie die unliebsamen Verwaltungsräte abwählen will.

Am Donnerstag nun führte de Chalendar Schweizer Medienvertreter durch sein «Reich». Dabei machte er klar, dass er trotz den Verzögerungen nach wie vor am Kauf festhält. «Wir haben Zeit. Unsere Firma ist 350 Jahre alt», hielt er in Anspielung auf die Geschichte der Firma, die einst für den französischen König Ludwig XIV. Spiegel produzierte und beispielsweise den bekannten Spiegelsaal in Versailles ausstattete.

Gleichzeitig wurde klar, dass SaintGobain nach wie vor die Vorschläge des Verwaltungsrats ablehnt, die entweder auf die volle Ausbezahlung der Publikumsaktionäre oder den Abtausch des Mörtelgeschäfts von Saint-Gobain zielen.

1000 Tochtergesellschaften

Eine der zentralen Botschaft des Franzosen war, dass seine Firma eine weitgehend dezentralisierte Gruppe bildet, die ähnlich wie Sika vom globalen Bauboom profitiert. Tatsächlich hält der Konzern, der 41 Milliarden Euro Umsatz macht, weltweit mehr als 1000 Tochtergesellschaften. In der Schweiz gehören unter anderem Vetrotech, Rigips oder Sanitas Troesch dazu.

Die zweite Botschaft, welche die SaintGobain-Führung zu vermitteln versuchte, ist die starke Ausrichtung auf den Vertrieb. Zum Konzern gehören 4400 Verkaufsniederlassungen in 27 Ländern – die meisten richten sich direkt an Handwerker. In Frankreich sind es Baumarkt-Ketten wie «Point P.», «La Plateforme du Bâtiment» oder der 2014 gegründete Online-Shop «Outiz». 40 Prozent des Umsatzes macht Saint-Gobain heute schon mit diesen Fachmärkten, die weitgehend frei sind in der Gestaltung ihres Sortiments. Diese verkaufen heute schon Sika-Produkte.

Diese interne Konkurrenz von unabhängigen Firmen, dies der letzte Punkt de Chalendars, sei eines der grundlegenden Eigenschaften des Konzerns. Das unabhängige Weiterbestehen der Schweizer Sika, so die Folgerung, sei in einer solchen Umgebung möglich. Weitergehende Pläne, die Firma auseinanderzunehmen und zu schwächen, bestritt de Chalendar. Solche werden ihm von Sika-Seite unterstellt.

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