Medizin
Wie ein Spital mit Generika Geld sparen wollte – und kläglich scheiterte

Um Kosten einzusparen, hat ein Schweizer Spital entschieden, von einem Originalmedikament auf eine Kopie umzustellen. Doch die Umstellung von teuren Biotech-Medikamenten auf günstigere Kopien verläuft schleppend.

Andreas Möckli
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Mit der Umstellung von teuren Biotech-Präparaten auf günstige Kopien lässt sich viel Geld sparen.

Mit der Umstellung von teuren Biotech-Präparaten auf günstige Kopien lässt sich viel Geld sparen.

Keystone

Da will einer für die Allgemeinheit Geld sparen, doch man lässt ihn nicht. So lässt sich die Geschichte des Spitalapothekers Enea Martinelli kurz umschreiben. In seiner Funktion ist er für die Spitalgruppe Frutigen, Meiringen, Interlaken unter anderem für den Einkauf der Medikamente zuständig.

Um Kosten einzusparen, hat das Spital entschieden, von einem Originalmedikament auf eine Kopie umzustellen. Während das Originalpräparat pro Jahr rund 41 000 Franken kostet, sind es bei der Kopie rund 29 000 Franken. Das wären immerhin 12 000 Franken pro Jahr weniger.

Martinelli will dieses Geld auch bei einem Patienten einsparen, der bei der Krankenkasse Agrisano versichert ist. Der Spitalapotheker unternimmt drei Anläufe, wird aber jedes Mal an eine andere Stelle verwiesen. Verärgert gibt er auf: «Warum sollten wir in Zukunft noch irgendeinen Finger krumm machen, wenn wir am Schluss selbst die Deppen sind?», schreibt Martinelli auf dem Karriere-Netzwerk Linkedin.

Doch der Reihe nach. Beim Medikament handelt es sich um Remicade. Das Präparat wird unter anderem gegen rheumatoide Arthritis eingesetzt. Es handelt sich um ein biotechnologisch hergestelltes Mittel. Diese werden in einem aufwendigen Verfahren mittels gentechnisch veränderter Zellen produziert.

Entsprechend ist auch die Herstellung der Kopien, im Fachjargon Biosimilars genannt, komplizierter. So müssen im Unterschied zu gewöhnlichen Generika etwa klinische Studien durchgeführt werden, um zu zeigen, dass sie vergleichbar wirken wie das Original.

Frustriert aufgegeben

Seit dem Sommer 2016 ist eine Kopie von Remicade namens Inflectra in der Schweiz erhältlich. Wie bei anderen teuren Medikamenten ist auch hier eine Einwilligung der Krankenkasse nötig, damit die Kopie abgegeben werden darf. Martinellis Antrag an die Agrisano wird vom Schweizerischen Verband für Gemeinschaftsaufgaben der Krankenversicherer (SVK) beantwortet.

Dieser kümmert sich für zahlreiche Krankenkassen etwa um teure Medikamente. Martinelli blitzte jedoch mit seinem Gesuch ab. Der Grund: Der SVK habe nur einen Vertrag mit dem Hersteller des Originals abgeschlossen, aber nicht mit der Firma, welche die Kopie produziert. Dies soll erst im nächsten Jahr soweit sein, wie der SVK auf Anfrage sagt.

Der Verband verweist Martinelli an die Agrisano. Die Krankenkasse mit Sitz in Brugg bittet den Spitalapotheker, sich an den hauseigenen vertrauensärztlichen Dienst zu wenden. Dieser wiederum verlangt einen neuen Antrag.

Martinelli gibt frustriert auf. «Ich setze mich gerne ein, um Geld zu sparen. Aber irgendwann reicht es.» Die Umstellung auf die Kopie ein Verlustgeschäft für die Spitalgruppe. Die Marge bei der Abgabe von Medikamenten richtet sich nach der Höhe des Preises eines Präparats. Profiteure sind die Krankenkassen und die Prämienzahler, die durch die tieferen Arzneimittelkosten weniger stark belastet werden.

Agrisano spielt den Ball an Martinelli zurück. «Unser vertrauensärztlicher Dienst hatte Mitte April telefonischen Kontakt mit dem Apotheker der Spitalgruppe», sagt Sprecher Patrik Hasler-Olbrych. Dabei sei festgehalten worden, dass ein Wechsel auf dieses Medikament lediglich noch von einem Arzt zu bestätigen sei. Der Vertrauensarzt sei mit Martinelli so verblieben, dass Agrisano diese ärztliche Verordnung abwarte. «Darauf warten wir bis heute», sagt Hasler-Olbrych.

Falscher Anreiz

Sehr erstaunt über den Fall zeigt sich Gesundheitspolitikerin Ruth Humbel. «Es ist kaum zu glauben, dass die Anstrengung, Geld zu sparen, torpediert wird», sagt die Aargauer CVP-Nationalrätin. Die Suche nach Sparpotenzial dürfe nicht durch administrative Hürden behindert werden.

Der Arzneimittelreport der Helsana zeigt das Ausmass. Würde allein beim Medikament Remicade konsequent auf die Kopie statt das Original gesetzt, so liessen sich über 31 Millionen Franken sparen, rechnet die Krankenkasse vor.

Doch die Umstellung läuft generell gemächlich ab. Bisher machen die Kosten der Kopien gerade mal 0,6 Prozent aller Kosten für die neuen Biotech-Medikamente aus. Humbel möchte deshalb Anreize schaffen, dass Spitäler, Ärzte und Apotheker vermehrt vom Original auf die Kopie umstellen. Sie hat dazu einen Vorstoss eingereicht.

Humbel fordert, dass die Vertriebsmarge künftig nicht mehr am Preis eines Medikaments ausrichtet. Es dürfe nicht sein, dass Ärzte und Apotheker mit einer geringen Marge bestraft würden, wenn sie auf die günstigere Kopie umstellen.

Humbels Vorstoss wurde im Parlament noch nicht behandelt, der Bundesrat lehnt ihn jedoch ab. Die Landesregierung möchte zwar auch gegen die Fehlanreize vorgehen. Dies soll jedoch im Rahmen einer Systemänderung bei den Generika passieren. Anhand eines Referenzpreissystems soll künftig pro Wirkstoffgruppe nur noch der tiefste Preis der betroffenen Medikamente vergütet werden.

Der Widerstand dagegen ist jedoch gross. Pharma- und Chemieindustrie, Ärzteschaft und Apotheker haben sich gegen Referenzpreise zusammengeschlossen. Kommentar Meinungsseite

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