Lenzburg
Wenn es an der Türe klingelt

Lenzburg und zehn weitere Gemeinden in der Region beteiligen sich am kantonalen Pilotprojekt «Sozialhilfe Aussendienst». Ziel ist es, dem Missbrauch von Sozialgeldern mit präventiven Mitteln entgegenzuwirken.

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Sozialarbeiter Michael Gruber

Sozialarbeiter Michael Gruber

Stadtanzeiger

Die einen setzen auf Sozialdetektive, der Kanton Aargau bevorzugt den proaktiven Weg. Das Ziel bleibt jedoch immer das gleiche: Dem unrechtmässigen Bezug von Sozialhilfegeldern den Riegel zu schieben.

Aus diesem Grund bearbeitet seit August 2008 ein Aussendienstmitarbeiter des Kantons Aargau sämtliche bei den sozialen Diensten der am Pilotprojekt beteiligten Gemeinden in der Region eingereichten Gesuche um materielle Hilfe. Bevor Geld gesprochen wird, besucht er die Gesuchsteller zu Hause und erhält so einen Eindruck von der Lebenssituation des Antragstellers.

Persönliches Umfeld kennen

Hans Müller* möchte anonym bleiben, ist jedoch bereit, über seine Arbeit zu sprechen. «Ich gehe unangemeldet bei den Leuten vorbei. Mit dem Antrag auf Sozialhilfe wurde ihnen mein Besuch angekündigt, und sie haben schriftlich ihr Einverständnis dazu gegeben. In diesem Sinne werde ich also erwartet», erzählt er.

Zuerst nehme er einen Augenschein des äusseren Umfeldes. Dazu gehören der Briefkasten und die Türklingel. Wie sind sie angeschrieben, welche Namen stehen darauf? «Die Gesuche um materielle Hilfe konzentrieren sich in den Gemeinden oft auf einzelne Quartiere mit eher einkommensschwachen Bewohnern», weiss Müller aus Erfahrung.

Anschliessend lässt er sich in einem persönlichen Gespräch mit den Antragstellern anhand einer detaillierten Checkliste die Richtigkeit des Antrages bestätigen. Die Frage, ob er Polizist sei, verneint Müller. Es gehe vielmehr darum, abzuklären, ob die tatsächlichen Verhältnisse mit den Angaben auf dem Gesuch um Sozialhilfe übereinstimmen. «Es kommt vor, dass die Leute tatsächlich noch über Vermögenswerte verfügen, deren sie sich gar nicht bewusst sind.»

Positive Entwicklung

In den vergangenen Monaten hat sich der Aussendienst in die organisatorischen Abläufe bei den Sozialen Diensten Lenzburg gut eingefügt. Amtsvorsteher Michael Gruber attestiert ihm sowohl eine präventive als auch eine Kontrollwirkung. «Es ist unsere Aufgabe, da Hilfe zu leisten, wo sie wirklich nötig ist. Klares Ziel bleibt jedoch, dass die Menschen nicht von uns abhängig, sondern materiell raschmöglichst wieder selbstständig werden.»

In den nächsten Tagen will der Kanton zum Projekt «Sozialhilfe-Aussendienst» eine erste Zwischenbilanz ziehen. Auch Stadträtin Heidi Berner beurteilt das Projekt grundsätzlich als positiv und begrüsst das Engagement der Stadt Lenzburg in dieser Sache.

Sich für die Zukunft rüsten
Trotz strikteren Kontrollen. Der Ansturm auf die Sozialämter dürfte in der kommenden Zeit zunehmen. Die Wirtschaftsmeldungen, die uns täglich in den Medien erreichen, malen bezüglich der Beschäftigungsentwicklung ein eher düsteres Bild.

Die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) sind dabei, ihr Personal mit Fachleuten kräftig aufzustocken. Wie stehen die diesbezüglichen Erwartungen der Sozialen Dienste der Stadt Lenzburg und welche Vorkehrungen haben sie getroffen?

Dazu Michael Gruber: «Die Vergangenheit hat gezeigt, dass ein Grossteil der temporär stellenlosen Personen mit Unterstützung des RAV wieder eine Beschäftigung finden, bevor ihr Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung erlischt und sie möglicherweise auf Hilfe angewiesen wären.» Aber auch in Lenzburg erwarte man eine Zunahme der Menschen mit materiellen Notsituationen. Doch der Sozialamtsvorsteher rechnet mit einer Dossiererhöhung nicht vor 2010.

*Name der Redaktion bekannt

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