Am Morgen noch sagte Präsident Donald Trump: Er halte an seiner Reise nach Davos fest, obwohl in Washington derzeit doch über die Finanzierung einer Grenzmauer gestritten wird und der Betrieb der Bundesregierung teilweise stillsteht. Schliesslich sei seine Reise ans Weltwirtschaftsforum letztes Jahr «sehr erfolgreich» gewesen, sagte Trump, und er wolle erneut die Werbetrommel für die amerikanische Volkswirtschaft rühren. Kurz nach dem Mittag dann hatte er seine Meinung geändert. Auf dem Flug nach Texas, wo sich der Präsident am Donnerstag ein Bild der (in seinen Worten) «humanitären und sicherheitspolitischen Krise» an der US-Südgrenze machte, sonderte Trump folgende Nachricht ab: Weil die Demokraten beim Thema Grenzsicherung nicht kompromissbereit seien und wegen der «grossen Wichtigkeit» der Sicherheit der Nation sage er seine «sehr wichtige» Reise nach Davos «respektvoll» ab. Damit verzichtet der Präsident auf eine erneute Teilnahme am WEF, das am 22. Januar beginnt. Unklar war, ob diese Absage auch für den Rest der US-Delegation gilt, der unter anderem Finanzminister Steven Mnuchin, Aussenminister Mike Pompeo und der Handelsbeauftragte Robert Lighthizer angehören sollen.

Der Fokus verschiebt sich

Die Absage kam zwar überraschend, politisch ist diese Entscheidung aber wohl klug. Derzeit wird in Washington darüber spekuliert, dass Trump alsbald den «Nationalen Notstand» ausrufen werde, um das Patt zwischen Republikanern und Demokraten zu beenden und die notwendigen Mittel für den Bau der Grenzmauer aus einer anderen Kasse als derjenigen des Sicherheitsministeriums zu beschaffen. Dieser Schritt wäre politisch und rechtlich höchst umstritten, nicht nur unter Demokraten. Und es wäre wohl nicht gerade hilfreich gewesen, hätte Trump eine solche Entscheidung aus der Schweiz heraus verteidigen müssen.

Denn bereits jetzt gibt es Anzeichen dafür, dass das Weisse Haus

im rhetorischen Ringen um die Vorherschaft über die Stammtische in den Rückstand gerät. Je länger der Teil-«Shutdown» andauert, desto mehr rückt das Schicksal der betroffenen 800 000 Angestellten der Bundesregierung ins Zentrum der Medienberichterstattung, die derzeit ohne Lohn arbeiten müssen.

Zum Beispiel Cher Muzyk. Sie wohnt eine Autostunde von Washington entfernt. Dennoch hat sie sich an diesem kalten Wintertag in die amerikanische Hauptstadt aufgemacht, um gegen den Präsidenten zu demonstrieren. Sie wolle Präsenz markieren, sagt die 44-jährige Mutter, und dem Rest des Landes zeigen, dass sich hinter abstrakten Begriffen wie «Shutdown» und Budgetstreit menschliche Schicksale befänden. Beispielsweise das Schicksal ihrer Familie. Ihr Gatte, sagt Muzyk im Gespräch, arbeite für die Bundesregierung im Bereich der nationalen Sicherheit. Weil er essenzielle Arbeit leistet, muss er trotz der Teilschliessung der Amtsstuben, die nun schon seit drei Wochen andauert, jeden Tag von Nokesville in die Hauptstadt pendeln. Einen Lohn bekommt er dafür aber nicht. «Und deshalb», sagt Muzyk, «sehen wir uns mit einer familiären Krise konfrontiert.» Sie und ihr Mann hätten Ersparnisse, seien aber nicht reich. Nun müssten sie den Gürtel enger schnallen.

An der Demonstration am Hauptsitz des Gewerkschaftsbundes AFL-CIO – der bloss einen Steinwurf vom Weissen Haus entfernt liegt – nimmt auch Denise Johnson teil. Die 49-Jährige hat ihr persönliches Budget bereits einer Überprüfung unterzogen. Für die finanziellen Zustüpfe an ihre erwachsene Tochter und ihre Mutter hat sie derzeit kein Geld. «Das Netflix-Abo habe ich umgehend gekündigt», sagt Johnson. Auch habe sie sich in Verbindung mit zwei Kreditoren gesetzt, denen sie Geld schulde. Sie hangle sich zwar nicht von einer Lohnzahlung zur nächsten durch, ohne Geld auf die Seite zu legen, sie könne aber auch nicht wochenlang ohne Einnahmen leben. Nach 30 Jahren Dienst für die Bundesregierung, zuletzt im Landwirtschaftsministerium, spiele sie deshalb mit dem Gedanken, in die Privatwirtschaft zu wechseln. «Ich arbeite leidenschaftlich gerne für die Bundesregierung», sagt sie. Sie mache sich aber sorgen über «die Ignoranz» im Weissen Haus und die Verachtung, die Staatsbediensteten wie ihr entgegenschlage. «Es ist schlicht und einfach frustrierend», sagt Johnson.

USA schaden sich selbst

Frustriert ist auch Nick Paulter, der für das National Institute of Standards and Technology arbeitet, das für den Normungsprozess zuständig ist. Paulter sagt, er habe seit Beginn des Teil-«Shutdown» keinen Zutritt mehr zu seinem Büro; auch sein Geschäfts-E-Mail sei gesperrt. Dies bedeute, dass er mit seinen Gesprächspartnern in aller Welt über seine private E-Mail kommunizieren müsse. «Ich hätte an eine Konferenz in China reisen müssen», sagt er, «aber ich musste diese Reise absagen», die Mittel stünden nicht zur Verfügung. Das sei «peinlich».

Zu stärkeren Worten greift Michael Gonzales, der als Gewerkschafter die Angestellten der Federal Aviation Administration vertritt. Seine Leute, sagt Gonzales, seien unter anderem für die Inspektion von Flugzeugen und Drohnen zuständig. Da die FAA ebenfalls vom Teil-«Shutdown» betroffen sei, ruhe diese Arbeit derzeit. Der Streit zwischen dem Präsidenten und dem Parlament um die Finanzierung einer Grenzmauer werde damit letztlich auf dem Buckel der amerikanischen Flugzeugpassagiere ausgetragen. Gonzales: «Dabei würden wir doch nötigenfalls auch ohne Bezahlung arbeiten.»