Wirtschaft

Warum es an den Börsen immer extremer zu und her geht

(Symbolbild)

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Die Welt schlittert in eine Jahrhundertrezession und die Aktienmärkte scheints kaum mehr zu kümmern. Das zunehmende Auseinanderdriften von Real- und Finanzwirtschaft hat System und eine lange Vorgeschichte.

Die Wirtschaft kann die Aufhebung des Lockdowns kaum mehr erwarten. Kein Wunder, denn vielen Akteuren steht das Wasser schon jetzt bis zum Hals. Das renommierte Münchner Konjunkturforschungsinstitut Ifo hat soeben eine Umfrage unter deutschen Unternehmen veröffentlicht. Nach dieser können 30 Prozent der befragten Firmen die pandemiebedingten staatlichen Einschränkungen höchstens noch drei Monate durchhalten. Bei 53 Prozent der Unternehmen wäre spätestens nach sechs Monaten Schluss.

Das sind dramatische Zahlen, mit denen vor wenigen Wochen noch kaum jemand ernsthaft zu rechnen wagte. Doch seither ist auch dem letzten Optimisten klar geworden, dass die Welt gerade in eine Jahrhundertrezession eintaucht. In der Schweiz dürfte das Bruttoinlandprodukt 2020 um mehr als sechs Prozent schrumpfen, schätzte unlängst das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Anderen Industrieländern wird es nach den jüngsten Prognosen des Internationalen Währungsfonds nicht besser ergehen. In den USA haben sich seit Mitte März rund 30 Millionen Menschen als arbeitslos gemeldet.

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Regierungen und Notenbanken sorgen für Gegenbewegung

Derweil hat die amerikanische Börse einen Rekordmonat hinter sich. Elf Prozent legte der Dow Jones im April zu, so viel wie nie in einem einzelnen Monat seit 1987. Der coronabedingte Kurseinbruch zwischen dem 6. Februar und dem 23. März ist als einer der schärfsten und schnellsten Crashs in die Börsengeschichte eingegangen. Der Dow Jones verlor 35 Prozent, der Swiss-Market-Index 21 Prozent. Jetzt ist die schnellste Erholung im Gang: Fast 33 Prozent hat der Dow Jones in den vergangenen sechs Wochen zugelegt, der SMI steht 18 Prozent im Plus.

Das Auseinanderdriften von Real- und Finanzwirtschaft hat System. Das Bild zeigt einen Bullen und Bären vor der Frankfurter Börse.

Das Auseinanderdriften von Real- und Finanzwirtschaft hat System. Das Bild zeigt einen Bullen und Bären vor der Frankfurter Börse.

Ausschlaggebend für die Gegenbewegung ist selbstredend die Erwartung der Investoren, dass sich die Wirtschaft vielleicht schon in der zweiten Jahreshälfte oder spätestens im kommenden Jahr erholen wird. Das ist das typische Muster, das den Verlauf der Märkte auf neue ökonomische Daten spiegelt. Gründe für eine gewisse Zuversicht gibt es durchaus. In vielen Ländern verlangsamt sich der Anstieg der Covid-19-Infektionen merklich. Die Aussichten für baldige Lockerung der Schutzmassnahmen sind gut.

Für die Wucht der Gegenbewegung sorgen hingegen vor allem die Regierungen und die grossen Notenbanken, die den Absturz der Wirtschaft mit beispiellosen Hilfsprogrammen zu dämpfen versuchen. Die grössten Zentralbanken dürften gemäss Schätzungen von Bankökonomen heuer frisches Geld im Wert von gegen fünf Billionen Dollars schöpfen, um damit auf den Kapitalmärkten dieser Welt alle Arten von Schuldpapieren aufzukaufen. So kommen die Währungshüter der schwachen Nachfrage zuvor und verhindern damit einen Anstieg der Zinsen.

Konjunkturplanung als Disziplin

Beispiellos sind auch die Dimensionen der staatlichen Rettungsprogramme. In Amerika, in Europa und in der Schweiz wird geklotzt wie nie zuvor. Der geistige Vater dieses staatlichen Interventionismus ist der englische Ökonom John Maynard Keynes, der sich aufgrund der Erfahrungen aus der Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren auf den Standpunkt stellte, dass Regierungen solche Depressionen durch einen rechtzeitigen Eingriff verhindern oder mindestens lindern können.

Konjunkturplanung ist in der Schweiz seit 1947 ein in der Verfassung verankerter Regierungsauftrag. Doch so richtig in Schwung kam die staatliche Konjunktursteuerung erst ab den 1970er-Jahren, als das weltweite System fester Wechselkurse (Bretton Woods) auseinanderbrach und die Macht der Notenbanken grösser wurde. Fortan liessen sich diese in ihren geldpolitischen Entscheidungen vermehrt von Konjunkturmodellen leiten. Die Notenbanken erhoben die Feinsteuerung der Konjunktur nach keynesianischem Vorbild zu einer neuen Disziplin.

Lange Zeit schien diese Steuerung zu gelingen. So lässt sich gut zeigen, dass die Amplituden der Konjunkturausschläge zwischen 1980 und 2008 stark abgenommen haben. Im Februar 2004 verkündete der ehemalige amerikanische Notenbankchef Ben Bernanke denn auch das Ende der grossen Wirtschaftskrisen. Doch auf die «Great Moderation», wie die Ökonomen diese stabile Phase zu nennen pflegen, folgte 2008 prompt die «Great Depression».

Nebenwirkungen dieser Politik sind heute sichtbar

Mit dem Eintritt der Finanzkrise mussten die Währungshüter zur Kenntnis nehmen, dass bei der vermeintlichen Domestizierung der Konjunkturzyklen vielleicht doch mehr Glück als Können im Spiel gewesen war. Sichtbar geworden sind inzwischen auch die schädlichen Nebenwirkungen dieser Politik. Die Wirtschafts- und Geldpolitik der vergangenen Jahrzehnte basierte auf einem schuldenfinanzierten Wachstumsmodell, dem möglicherweise falsche Annahmen über konjunkturelle Dynamiken zugrunde lagen. Daraus ist eine Finanzblase entstanden, die jetzt für die zunehmend extremen Kursauschläge der Finanzmärkte verantwortlich ist.

Wer die Marktbewegungen von heute mit den Marktbewegungen von damals vergleicht, könnte deshalb gefährlichen Täuschungen erliegen. Mag sein, dass die Aktienmärkte mit heftigen Gegenreaktionen, wie wir sie seit sechs Wochen erleben, in früheren Zeiten einigermassen zuverlässig den Beginn einer neuen, besseren Periode ankündigten. Doch heutzutage müssen solch heftige Kursausschläge nicht mehr viel bedeuten. Sie sind allein schon deshalb schneller möglich, weil viel mehr Liquidität als je zuvor in den Märkten vorhanden ist.

Autor

Daniel Zulauf

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