Nicht so in der Schweiz. Hier geschieht «international sehr Aussergewöhnliches», wie die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) feststellt: Die Lohnquote blieb über Jahrzehnte mehr oder weniger konstant, zuletzt stieg sie gar in «ungekannte Höhen». Ein Sonderfall.

Die Schweiz hat sich einem internationalen Trend widersetzt: dem «Aufstieg der Superstar-Firmen». Denn der phänomenale Erfolg von Tech-Konzernen wie Amazon, Facebook, Google oder Apple soll mitverantwortlich sein für das international schwache Lohnwachstum. Den Aufstieg der Superstar-Firmen hat der Zürcher Professor David Dorn in einer Studie untersucht, zusammen mit Berufskollegen von US-Elite-Universitäten. Das Fazit: «In den USA und in vielen Ländern Westeuropas hat das Erstarken der Superstar-Firmen dazu geführt, dass der Anteil der Arbeitnehmer am Gesamteinkommen zurückgegangen ist.»

Die Grossen werden noch grösser

Die Erklärung sind die gewaltigen Überschüsse, die jedes Jahr angehäuft werden von Amazon, Google oder Facebook. Ihre Börsenbewertungen sind explodiert. Apple hat Cash-Reserven von 250 Milliarden Dollar angehäuft. Die Eigentümer zählen zu den reichsten Menschen der Welt. Amazon-Gründer Jeff Bezos etwa soll bald 100 Milliarden Dollar schwer sein. Diese Mega-Gewinne haben eine Kehrseite: Gemessen an ihren Umsätzen zahlen Superstar-Firmen ihren Arbeitnehmern tendenziell weniger als kleine und mittlere Betriebe.

Superstar-Firmen sind zwar nicht alle eher knausrige Arbeitgeber, wie es Amazon zu sein scheint. Gegen den amerikanischen Online-Händler haben die deutschen Gewerkschaften wieder zum Streik aufgerufen, dieses Mal aus Anlass des Ausverkaufstages «Black Friday». Apple, Facebook oder andere Superstar-Firmen hingegen zahlen ihren Mitarbeitern häufig deutlich mehr Lohn als das Unternehmen an der Ecke, die Mitarbeiter werden mit Goodies überhäuft.

Aber die Umsätze der Superstar-Firmen sind gigantisch. Nach Abzug der Lohnkosten bleiben weit grössere Gewinne übrig als bei gewöhnlichen Unternehmen. Und die Superstars erobern grössere Marktanteile, in echter «the winner takes all»-Manier (Der Gewinner bekommt alles; Anm. d. Red.). Normalsterbliche Unternehmen werden an den Rand gedrängt. Im US-Detailhandel etwa kontrollieren nur vier Konzerne volle 30 Prozent des Gesamtumsatzes. Anfang der 80er-Jahre hatten sie nur 15 Prozent. Ähnliches spielte sich ab in der Industrie, im Energiesektor, im Transport oder in der Finanzbranche. Weniger Unternehmen erobern immer mehr Marktanteile für sich.

Die Superstar-Firmen könnten ihren Aufstieg der Digitalisierung verdanken. «In vielen Branchen des Technologiesektors bestehen starke Netzwerkeffekte, die den grössten Anbietern einer Branche bedeutende Vorteile verschaffen», schreiben Dorn und seine Co-Autoren in der Studie. So hat Herr Schweizer statt einer neuen Social-Media-Website lieber Facebook, weil es dort schon viele Nutzer hat. Amazons Such-Algorithmen werden noch präziser, wenn Frau Schweizer dort ihre Produkte sucht und findet. Die Grossen werden noch grösser.

In der Schweiz hingegen ging vieles ein wenig langsamer. Lange wurde die Digitalisierung verschlafen, die andernorts den Aufstieg der Superstars ermöglichte. Diesem Umstand könnte die Schweiz paradoxerweise ihre heutige Ausnahmestellung bei der Entwicklung der Lohnquote verdanken, wie eine Studie der KOF-Ökonomen Michael Siegenthaler und Tobias Stucki zeigt.

Die langsame Digitalisierung schlug sich statistisch in einer schleppenden Verbreitung von Computern und Internet nieder. Die Schweiz investierte lange deutlich weniger in neue Informations- und Kommunikationstechnik als andere westliche Industriestaaten. Zögerlich reagierten insbesondere Binnenbranchen, die ausländische Konkurrenz weniger zu fürchten brauchten. Nicht von ungefähr warnt das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) noch heute, es fehle im Binnenmarkt an Wettbewerb.

Wie ein Tsunami

Das Hinterherhinken war ein Nachteil: Viele Unternehmen verpassten Chancen, dank den neuen Technologien produktiver zu werden. Die grossen Internetkonzerne entstanden anderswo, nicht in der Schweiz. Doch mussten die Arbeitnehmer oft froh sein über die Schweizer Trägheit. Die neuen digitalen Technologien ermöglichen oftmals die Auslagerung von Arbeitsplätzen, wodurch wiederum die Löhne unter Druck geraten. «Der Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien ist international der Haupttreiber für die sinkenden Lohnanteile nach 1980», sagt KOF-Ökonom Siegenthaler im Gespräch.

Doch der Sonderfall Schweiz ist nicht gottgegeben. Die Digitalisierung wird die Wirtschaft hierzulande zwangsläufig stärker beeinflussen, die Schweiz hat bereits etwas aufgeholt mit ihren Investitionen in Informations-Technologien. Diese Woche wurde zudem bekannt, dass Amazon kurz vor dem Eintritt in die Schweiz steht. Normale Detailhändler werden unter Druck geraten. Die Digitalisierung komme nun wie ein «Tsunami» auf die Schweiz zu, sagte Bundesrat Johann Schneider-Ammann diese Woche am Digitalisierungs-Tag. Damit könnte der Lohnanteil zu sinken beginnen.

KOF-Ökonom Siegenthaler sagt: «Das ist möglich, ist aber beileibe keine Zwangsläufigkeit.» Entscheidend sei, ob die Schweizer Arbeitnehmer dank den neuen Technologien ihre Arbeitsleistung erhöhen können – oder von ihnen ersetzt werden. Dafür wird wiederum die Ausbildung ausschlaggebend sein. Siegenthaler: «Es sollten Fähigkeiten gelehrt werden, mit denen Arbeitskräfte zu Nutzern und Gestaltern der neuen Technologien werden können – sodass sich Arbeitskräfte und Technologie ergänzen.»