Königliche Projekte

Waffendeal mit Katar: Zahlungen an Zuger Briefkastenfirma werfen Fragen auf

Leopard 2: Der deutsche Hersteller Krauss-Maffei Wegmann lieferte Katar 62 Stück der Panzer. Imago Images

Leopard 2: Der deutsche Hersteller Krauss-Maffei Wegmann lieferte Katar 62 Stück der Panzer. Imago Images

Der Verkauf von 62 Leopard-Panzern nach Katar wird von Zahlungen an eine Briefkastenfirma überschattet. Zu ihrer Höhe will Hersteller Krauss-Maffei Wegmann nichts sagen.

Die Spur der Kampfpanzer für Katar führt in die Schweizer Berge. Vogelgezwitscher liegt in der Luft, als Henriette Maler* ihre Haustür öffnet. Hier, am Hang, reicht der Blick weit über das glänzende Wasser des Ägerisees. Eigentlich sprechen sie und ihr Mann Jakob nicht mit der Presse. Aber wo der Journalist nun schon mal vor der Tür steht – bitte. Maler steckt voller Anekdoten. In der nächsten Stunde erzählt die Seniorin von der Naivität deutscher Politiker, den Gepflogenheiten arabischer Milliardäre und den Schwierigkeiten bei deutschen Waffenlieferungen in den Nahen Osten. Bei einem der grössten Deals, einem 1,9 Milliarden Euro schweren Auftrag aus Katar für den Panzerhersteller Krauss-Maffei Wegmann (KMW), ging etwas schief. Die Malers reichten eine Klage ein. Nun sind Details bekannt, die über Rüstungsgeschäfte sonst nie bekannt werden.

Deutschland ist der viertgrösste Waffenexporteur der Welt. Den Geschäften haftet leicht ein Hauch von Korruption an. Sie ist üblich in der Branche, wie Unterlagen von Konzernen wie Ferrostaal, Airbus oder Thyssenkrupp belegen. Bewiesen sind Schmiergelder beim Verkauf von U-Booten und Raketen. Stehen neue Waffenexporte an, betonen alle Beteiligten deshalb stets höchste Vorsicht und Sauberkeit. Die Geschäfte müssen lang vorbereitet werden und laufen nie ohne Zustimmung der Regierung. Im Fall der Panzer, Haubitzen und Militärtransporter für Katar hatte die deutsche Bundesregierung 2013 schnell grünes Licht für den Export signalisiert. Ein Branchenkenner erinnert sich: «Von einer Zurückhaltung wie bei Waffengeschäften mit anderen Ländern des Mittleren Ostens war hier nichts zu spüren.»

Die nebulöse Firma aus Katar

Umso fragwürdiger wirkt, was dann geschah. Ein 1,9 Milliarden Euro schwerer Waffendeal ist eine Angelegenheit für die höchste Führungsebene. Politisch werden die Spitzen der deutschen Politik eingebunden, bei KMW kümmerte sich Geschäftsführer Frank Haun persönlich um die Verhandlungen. Trotzdem wurde dann eine Firma eingeschaltet, von der selbst Insider weder damals noch seitdem je gehört haben: Kingdom Projects. Mindestens 28 Millionen Euro scheint KMW an die Gesellschaft aus Doha gezahlt zu haben. Dies geht aus Gerichtsunterlagen aus dem Kanton Zug hervor. Damit konfrontiert, antwortet der deutsche Waffenhersteller zurückhaltend. Es sei eine Vergütung für lokale Unterstützung vereinbart worden, sagen Vertreter des Unternehmens.

Zu dieser lokalen Unterstützung gehören branchentypisch Fahrdienste und Dolmetscher – nichts also, was in Millionen abgerechnet wird. Interessanter ist deshalb das Erfolgshonorar, das laut Verhandlungskreisen an Kingdom Projects floss. Die Firma habe eine Garantie geleistet, dass die Katarer wirklich zahlen. KMW äussert sich mit Verweis auf eine vereinbarte Vertraulichkeit nicht zum Vertragsinhalt.

Der Lieferant KMW, die Scheichs und die deutsche Bundesregierung waren sich alle einig über den Milliardendeal. Warum brauchte es dabei eine nebulöse Drittfirma? Von Kingdom Projects sind weder Umsatz noch die Zahl der Mitarbeiter bekannt. Auf der Internetseite findet sich nur Berater-Kauderwelsch. Als Adresse ist ein Briefkasten angegeben. Wie sollte so ein Partner sicherstellen, dass Mitglieder der Königsfamilie pünktlich Hunderte von Millionen Euro überweisen? KMW klärt diese Rätsel nicht auf. Bekannt ist, dass KMW später ein Joint-Venture mit Kingdom Projects einging. Kingdom Logistic Service (KLS) bietet Instandsetzung, Konstruktionsarbeiten, Bau und Wartung an. Angaben zur Muttergesellschaft, der Kingdom Projects, finden sich auch bei KLS nicht.

Der Mangel an Information nährt Misstrauen. Der inzwischen verstorbene Unternehmer und Rohrleitungsspezialist Eginhard Vietz sagte beispielsweise gegenüber dem «Handelsblatt» im Jahr 2010, dass er schon oft Schmiergelder gezahlt habe. «Weil es nun einmal Länder gibt, in denen es nicht anders geht.» In der Regel würden Manager in Staatsfirmen bestochen. «Da kommt dann eine Rechnung, auf der steht: Vermittlungsprovision. Und dann ist da ein Konto in der Schweiz angegeben, und dahin wird das Geld überwiesen.» Der Bestechungsbetrag werde natürlich vorher auf das Angebot draufgeschlagen. KMW bestreitet, dass beim 1,9-Milliarden-Deal für Katar etwas Illegales lief. Direkte Entscheidungsträger aus Katar seien nicht aufseiten von Kingdom Projects involviert gewesen.

Die Klage der Malers

Ausserdem habe man den Geschäftspartner umfassend geprüft. Auffälligkeiten habe es nicht gegeben. Ist damit gesichert, dass keine Vertreter des Königshauses oder der Regierung an Kingdom Projects beteiligt waren? Ausschliessen kann das niemand, auch nicht KMW. Eine Transparenz wie in Deutschland oder den Vereinigten Staaten gibt es in Katar nicht.

Gar nichts sagt KMW zu der Frage, warum ihr Geschäftspartner Kingdom Projects seinerseits wohl Zahlungen an eine Schweizer Firma leistete. Die Malers seien in Gesprächen immer mal wieder aufgetreten, heisst es aus dem Umfeld der Verhandlungen. Aber niemand habe einen Grund erkennen können. Aus dem zurückliegenden Rechtsstreit der Malers mit Kingdom Projects geht hervor, dass sie im Rahmen des Rüstungsdeals zwischen KMW und Katar Millionen erhalten sollten. «Die Forderung der Beklagten gegenüber der Firma Krauss-Maffei Wegmann auf Bezahlung von noch nicht ausbezahlten Vermittlungskommissionen aus dem Verkauf militärischer Güter an das katarische Militär» solle zu 50 Prozent auf die Schweizer übergehen, steht in der Klage.

Was geschah weiter mit all den Millionen? Gab es Kanäle, auf denen Geld doch an Würdenträger in Katar floss, ohne Wissen von KMW? Niemand gibt Auskunft, niemand schliesst es aus. Querüberweisungen in ein Drittland würden von deutschen Staatsanwälten besonders aufmerksam beobachtet werden. In der Regel dürfen keine Provisionen in andere Länder als dem Zielstaat überwiesen werden.

Für das Reporterteam ermittelte das Delegiertenbüro der Deutschen Wirtschaft in Katar den Geschäftsführer der Kingdom Projects: Herrn Omar. Auf Nachfrage stellt er alles, was KMW zuvor sagte, in Abrede. «Wir arbeiten nicht mit Krauss-Maffei Wegmann zusammen», sagt Omar. Die anderen Namen, nach denen er gefragt wird, seien ihm nicht bekannt. Dann beendet er das Gespräch: «Schreiben Sie doch eine Mail.» Geantwortet hat er nie. So führt die Suche nach dem ominösen Partner für den Rüstungsauftrag zurück ins Wohnzimmer von Henriette Maler. Wohl nichts über Kingdom Projects wäre je bekannt geworden, hätten die Malers nicht im Dezember 2018 eine Klage eingereicht.

Wie verschlug es das deutsche Ehepaar in diese Szene? Jakob Maler arbeitete einmal beim deutschen Unternehmen Heckler & Koch, berühmt für Gewehre und Pistolen. Später machte er sich selbstständig. Bei einer Orientreise hatte er bemerkt, dass man dort beim Ende des muslimischen Fastenmonats Ramadan Salut-Schüsse aus alten Vorderlader-Kanonen abfeuerte. Das war gefährlich. Maler bot an, professionelle Salut-Kanonen zu liefern. Man kam ins Geschäft. Später lieferte er auch scharfe Munition. Geschosse der Ruag landeten 2011 im Umfeld libyscher Rebellen. Maler hatte sie nach Katar exportiert, ganz legal mit Ausfuhrgenehmigung, wie er versichert.

Diskretion gehört zum Geschäft

«Es stimmt, wir waren da Vermittler», sagt Maler zum Leopard-Deal von KMW. «Das ist alles ordentlich und genehmigt gelaufen.» Details möchte er nicht nennen. Warum die Klage, warum ihre Rücknahme? Maler schweigt. Die Gerichtsunterlagen lassen ahnen, dass ein Geschäft unter Gleichen angedacht war – die Hälfte aller Provisionen, die KMW an Kingdom Projects zahlte, forderten die Schweizer für sich. Dabei waren die 28 Millionen Euro nur ein Minimalbetrag. Eigentlich ging es um 2,5 Prozent des gesamten Auftragsvolumens für die Malers – das wären fast 50 Millionen Euro. Im Februar 2019 zog Maler die Klage wieder zurück. Den Grund nennt das Paar nicht. Welche Leistung stand dem Geld gegenüber, das eingeklagt wurde? Konkretes ist nicht zu erfahren. Aber wenn sich die Beteiligten beim Milliarden-Deal für den Leopard 2 auch sonst in fast allem widersprechen – in diesem Punkt sind sich alle einig: Diskretion gehört zum Geschäft.

*Namen von der Redaktion geändert. Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit dem deutschen «Handelsblatt».

Meistgesehen

Artboard 1