OC Oerlikon

Vekselbergs neuer Hoffnungsträger Fischer: «Werden selber 3D-gedruckte Teile verkaufen»

Der ehemalige Siemens-Manager Roland Fischer sagt, er spüre im Alltag keinen Einfluss von Hauptaktionär Vekselberg.

Der ehemalige Siemens-Manager Roland Fischer sagt, er spüre im Alltag keinen Einfluss von Hauptaktionär Vekselberg.

Roland Fischer ist der CEO von OC Oerlikon. Im Interview sagt er, wie er den Industrie-Konzern stabilisieren und den 3D-Druck erobern will.

Im Industriekonzern OC Oerlikon gaben sich CEO und Präsidenten lange die Klinke in die Hand. 2008 musste der Mehrheitsaktionär, der Milliardär Victor Vekselberg, neues Geld einschiessen über das Investment-Vehikel Renova. Seit eineinhalb Jahren hat OC Oerlikon nun Roland Fischer als CEO und hofft auf ruhigere Zeiten.

Herr Fischer, wie sehr prägt die Vergangenheit noch OC Oerlikon?

Roland Fischer: Die vielen Wechsel waren nicht ideal, das ist klar. Aber das Unternehmen durchlief auch verschiedene Phasen. Schon bevor ich kam, hat unser Verwaltungsrat damit begonnen, den Konzern zu stabilisieren und neu auszurichten. Dies war notwendig für alle: Mitarbeiter, Investoren, Kunden.

Ist es vorbei mit der Wechselei?

Das wünschen wir uns, aber das kann nur die Zeit zeigen. Wir konzentrieren uns darauf, unsere Strategie umzusetzen. Dabei arbeitet jedes Quartal für uns. So signalisieren wir: Jawohl, die haben einen Plan, den setzen sie um, die Ergebnisse sind erkennbar. Nur so kommt das Vertrauen.

Sie kamen vom deutschen Industrie- Konzern Siemens, warum?

Weil mich dieser Plan begeistert hat.

Ihre Vorgänger waren nach zwei Jahren weg. Bleiben Sie länger?

Davon gehe ich aus. Weil ich sehe: Das Unternehmen wandelt sich; es weiss, wohin es gehen will; es hat alles, um seine Ziele zu erreichen.

Sie meinen die nötige Finanzkraft?

Das auch, aber nicht nur. Wir haben tolle Technologien, Know-how, Reputation und geniessen grossen Respekt in unseren Märkten. Diese Märkte wachsen. Unser Fokus liegt auf funktionalen Beschichtungen und modernen Werkstoffen. Da sind wir Weltmarktführer.

Den Mischkonzern OC Oerlikon gibt es nicht mehr?

Wir bewegen uns weg von der Holding. Einst hatten wir sieben Divisionen. Die vierte haben wir vor neun Monaten erfolgreich verkauft. Die dritte, die Getriebe-Sparte, geben wir zum richtigen Zeitpunkt in die richtigen Hände.

Dadurch werden Sie nur kleiner.

Zunächst einmal, ja, aber gleichzeitig wachsen wir im Kerngeschäft. Und da hilft uns, dass Beschichtung ein Wachstumsmarkt ist. Wie sind Sie zum Interview gekommen, mit der Bahn?

Ja.

Da gehe ich jede Wette ein, dass da Beschichtungen von uns drin waren. Egal, ob Zug, Flugzeug oder Auto: Die Chance, dass Technologien von Oerlikon an Bord sind, ist sehr gross.

Was schliessen Sie daraus?

Das gibt mir die Zuversicht zu sagen: Die OC Oerlikon von heute hat nichts mehr zu tun mit der OC Oerlikon von damals. Der Name ist noch da, das Image ein Stück weit, aber inhaltlich ist das eine neue OC Oerlikon.

Sie wollen in den 3D-Druck einsteigen. Kommen Sie nicht etwas spät?

Nein. Man fing ja damit an, weil man rasch Prototypen herstellen wollte. Rapid-Prototyping hiess das, das Grundmaterial war Plastik. Das ist einige Jahre her. Was aber kürzlich passierte, ist der Übergang auf ein neues Grundmaterial: Metallpulver. Da sind wir erst in einer frühen Phase. Erst vor etwa zehn Jahren begannen in Deutschland einige wenige mittelständische Unternehmen mit der Herstellung von 3D-Druckern.

Warum begann es in Deutschland?

Das Fraunhofer-Institut trug entscheidend zum Übergang auf Metalle bei. Danach stand die mittelständische Industrie dahinter.

Waren Schweizer Institute beteiligt?

Sicher auch, aber das meiste entstand in Deutschland, soweit ich weiss. Die führenden Hersteller von 3D-Druckern sind heute in Deutschland angesiedelt. Das ist kaum ein Zufall.

Zurück zu OC Oerlikon. Wie wollen Sie gegen die riesige Konkurrenz im 3D-Druck bestehen?

Das Geschäft liegt sehr nahe bei unseren Wurzeln. Wir sind führend im Bereich metallbasierte Materialien und auch bei der Oberflächentechnologie. Für uns gilt es, von Anfang dabei zu sein. 3D-Druck ermöglicht neue Formen des Designs, die mit herkömmlichen Verfahren nicht möglich sind. 3D-Druck braucht weniger Material, bis zu 50 Prozent weniger, und dadurch werden die Teile leichter. Nun arbeiten alle daran, wirklich alle, dieses 3D-Drucken von Metallen auf neue Industrien anzuwenden.

Wer ist am weitesten?

Die Medizin. Einzelne Implantate werden heute schon 3D-gedruckt und eingesetzt, etwa Hüftgelenke. Dann kommt die Luftfahrt. Airbus, Boeing, Triebwerks-Hersteller: Alle wollen leichtere Teile bauen. Prototypen gibt es, aber etwas in Serien zu bauen, was Tausende Stunden hält – das kommt erst. Danach ist der Automobil-Sektor dran.

Warum warten Sie nicht bis klar ist, wie sich die Technik entwickelt?

Weil wir zu spät kämen. Die Kuchenstücke wären verteilt.

Welche Stücke wollen Sie?

Die 3D-Druck-Wertschöpfungskette umfasst drei Stufen. Am Anfang steht das Metallpulver. Das wollen wir liefern. Wir verarbeiten bereits welches in der Beschichtung, wenn auch mit einer anderen Technik, Dünnfilm etwa. Und bereits heute wird unser Metallpulver im 3D-Druck eingesetzt. Das ist nichts Neues für uns, das ist ein sehr naheliegendes Geschäft.

Und die anderen zwei Stufen?

Die zweite Stufe ist der Druck. Wir glauben, dass 3D-Drucker mit der Zeit zu einem Standardprodukt werden, das man extern einkaufen kann. Den Zugang dazu sichern wir uns etwa mit einer Zusammenarbeit mit GE. Eine Absichtserklärung ist unterschrieben.

Und die dritte Stufe?

Das ist dann die Nachbearbeitung, etwa das Beschichten. Das ist ebenfalls unser angestammtes Geschäft. Zwei von drei Stufen gehören also heute schon zu unserem Kerngeschäft. Und Pulver dürfte die wichtigste Stufe sein: 70 Prozent des Endergebnisses.

Sie werden selber 3D-gedruckte Teile verkaufen?

Richtig. Wir werden nicht nur das Pulver verkaufen; sondern eigene Teile drucken im Auftrag von Kunden. Wir haben hierfür mit Citim den drittgrössten 3D-Auftragsfertiger gekauft. Ein Quantensprung für uns, weil die bereits zehn Jahr im Geschäft sind. Und wir bauen eine zweite Fabrik in den USA

Sie sind nun gut aufgestellt, weitere Zukäufe braucht es nicht?

Natürlich schauen wir uns genau an, welche Möglichkeiten sich bieten, aber wir müssen auch ohne Übernahmen wachsen. Allzu viele Akteure gibt es nun nicht mehr auf dem Markt. Hingegen werden wir immer einmal Technologie zukaufen, wie nun mit Scoperta.

Ein Startup aus Kalifornien. Was bringt der Ihnen?

Scoperta analysiert mit Algorithmen weltweit unstrukturierte Daten und liefert so neue Zusammensetzungen für Metalle mit besseren Eigenschaften. Und dies in einem Bruchteil der Zeit, die es sonst braucht, um ein neues Material zu entwickeln. Das bringt neue Möglichkeiten in der Beschichtung, also im traditionellen Geschäft, und in der 3D-Auftragsfertigung.

Wie wollen Sie im 3D-Druck wachsen, wenn nicht mit Übernahmen?

Wir werden etwa 300 Millionen in den 3D-Druck investieren über fünf Jahre, etwa in unsere Produktion von Metallpulver. Wir werden Metallpulver eigens für den 3D-Druck entwickeln und herstellen. Heute wird dort ja primär Pulver verbraucht, das für andere Zwecke hergestellt wurde, nicht für 3D. Wir entwickeln diese gemeinsam mit unseren Kunden, das sind die gleichen, wie in der Beschichtung. Die wollen auch wissen, wie sie 3D-Druck nutzen können. Und wir haben in vielen Märkten sehr hohe Anteile: Von uns kommen etwa fast 40 Prozent aller Maschinen in der Dickfilmbeschäftigung.

Wie viel Umsatz wollen Sie haben?

Bis im Jahr 2020 rund 300 Millionen. Das wären 15 Prozent Marktanteil.

Wie wichtig wäre das Geschäft dann für OC Oerlikon?

Nur 10 Prozent des Gesamtumsatzes. Daher gilt: 3D-Druck ist toll, die technologischen Grenzen werden verschoben, das freut den Ingenieur, aber Oerlikon ist viel mehr als das.

Was erhoffen Sie sich für die Beschichtung, Ihr Hauptgeschäft?

Wir wollen unseren Umsatz jährlich im hohen einstelligen Prozentbereich steigern. Viele Industrien könnten mit funktionaler Beschichtung noch einiges mehr für sich herausholen. Und wir expandieren in neue Länder. Wir haben gerade einen Deal mit einem bekannten japanischen Automobilhersteller abgeschlossen. Nun investieren wir in ein neues Werk in Japan, weil der Kunde natürlich eine Lieferkette nahe bei seiner Produktion haben will.

Was ist mit Russland? Früher hiess es, Ihr Mehrheitsaktionär Victor Vekselberg könne da Türen öffnen.

Russland ist attraktiv, aber auch kein einfacher Markt. Wir arbeiten daran, mehr in Russland zu tun. Aber beim Geschäften halten wir uns strikte an die Governance. Ich rapportiere an den Verwaltungsrat, dort stellt Renova drei von sechs Mitgliedern. Das ist es.

Dann spüren Sie keinen Einfluss von Vekselberg im Unternehmen?

Im Alltag nicht, nein. Aber es hilft natürlich sehr, einen stabilen Anker-Investor zu haben. Renova ist seit elf Jahren nachhaltig in OC Oerlikon engagiert. Sie hat in kritischen Zeiten auch Geld nachgeschossen. Ohne Renova würde es OC Oerlikon gar nicht mehr geben.

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