Der amerikanische Hedge-Funds-Manager Daniel Loeb hat sich am Sonntagabend als neuer Nestlé-Grossaktionär angekündigt. Mit seiner Mitteilung hat er selber dafür gesorgt, dass die Nachricht schnell um die Welt geht. Rund 40  Millionen Aktien im Wert von mehr als 3,5 Milliarden Dollar hat er mit seinem Hedge Fund Third Point und einem eigens geschaffenen Anlagevehikel in den Schweizer Lebensmittelkonzern investiert. Die Firma verfüge über eine «exzellente» Stellung in den stark wachsenden Schwellenländern und sie besitze das «wohl am besten positionierte Geschäftsportefeuille» in der Konsumgüterindustrie, heisst es in einer Mitteilung.

Der Einstieg bei Nestlé ist Loebs bislang grösste Wette auf ein einzelnes Unternehmen. Angezogen fühlt sich der Investor jedoch nicht durch die gute Positionierung des Konzerns. Vielmehr sieht er noch grosses Verbesserungspotenzial. Das Communiqué liest sich wie eine Handelsanleitung an das neue Nestlé-Führungsduo unter Präsident Paul Bulcke und Konzernchef Ulf Mark Schneider. Es gebe nur wenige Unternehmen vom Kaliber einer Nestlé mit so vielen unterschiedlichen Möglichkeiten, die Leistung zu steigern. Wenn Schneider Erfolg haben wolle, müsse er einen Aktionsplan entwickeln, der auf von der Kultur der Entwicklung durch kleine Schritte abrücke. Mit dieser Strategie habe der Konzern zwar die weltweite Marktführerschaft errungen. Sie sei aber auch dafür verantwortlich, dass die Firma seit langer Zeit nur noch unterdurchschnittliche Leistungen zeige. Nestlé verharre in alten Mustern, kritisiert der US-Investor.

Aktienkurs lahmt

Loeb achtet primär auf den Aktienkurs und findet, dass die Nestlé-Valoren in verschiedenen Mehrjahresvergleichen hinter den Titeln anderer Konsumgüterhersteller nachhinken. Diese Beobachtung ist in der Tat nicht an den Haaren herbeigezogen. So gesehen, kommt die Kritik auch nicht ganz überraschend. Nestlé stagniert seit 2012 beim Gewinn und Umsatz. Die Aktien haben über diesen Zeitraum 47 Prozent zugelegt, der Swiss Market Index aber 52 Prozent. Die Differenz mag gering erscheinen, doch sie wird grösser, wenn man sich die frühere Überlegenheit der Nestlé-Valoren vor Augen führt. In einem Vergleich über 20 Jahre legten die Aktien mehr als 200 Prozent zu, während der SMI gerade mal einen Anstieg von gut 30 Prozent schaffte.

Loeb glaubt, dass sich das vom früheren Nestlé-Präsidenten Peter Brabeck 1996 ins Leben gerufene Nestlé-Modell mit einigen führungsmässigen «Kunstgriffen» wieder aktiveren lässt. Das Nestlé-Modell sieht eine Steigerung des organischen Wachstums um jährlich 5 bis 6 Prozent vor, und dies bei gleichzeitig steigenden Gewinnmargen. Das Modell ist seit 2012 ausser Kraft. Ohne Wachstum seien längerfristig auch die hohen Dividendenzahlungen aus der Vergangenheit gefährdet, folgert Loeb zu Recht. Ob seine Forderung nach einer Steigerung der Gewinnmargen von rund 15 Prozent auf 18 Prozent bis 20 Prozent vernünftig ist, steht freilich auf einem anderen Blatt.

Nestlé müsse das eigene Markenportefeuille straffen und etwa doppelt so viel Barmittel wie bisher aus dem operativen Geschäft herauspressen. Es sei auch an der Zeit, die restlichen 23 Prozent am französischen Kosmetikhersteller L’Oréal im Wert von rund 27 Milliarden Franken zu veräussern. Mit diesen Massnahmen könne Nestlé den Gewinn pro Aktien bis 2020 um 50 Prozent erhöhen. In Erwartung, dass Loeb mit seinen reichlich hochtrabend anmutenden Aussagen auf breite Gefolgschaft unter anderen Investoren stossen könnte, haben gestern sowohl die Nestlé- als auch die L’Oréal-Aktien um mehr als 4 Prozent zugelegt.

Idealer Zeitpunkt

Zwei Monate nach dem Ende der Ära Brabeck und sechs Monate nach Schneiders Ernennung zum ersten Firmenchef, der nicht aus den eigenen Reihen stammt, scheint der Zeitpunkt für einen Angriff auf die Nestlé-Führung ideal. Loeb hat sein resolutes Vorgehen schon in vielen Firmen demonstriert und nicht selten auch Änderungen erzwungen.

Der Investor steht selber unter Erfolgsdruck. 2016 konnte er mit seinem Fonds eine Rendite von lediglich etwas über 6 Prozent ausweisen – halb so viel wie der allgemeine Kursanstieg des US-Aktienmarkts. Mit 1,25 Prozent ist Loeb zudem auch bei Nestlé noch ein kleiner Grossaktionär. Er muss die Wette wohl noch deutlich erhöhen, um das Management auf seinen radikalen Kurs zu zwingen. Dafür könnte Loeb noch ein zu kleiner Investor sein. Das Vermögen von Third Point betrug per Ende März 10,3 Milliarden Dollar – verteilt auf 51 Einzelinvestments.