Umfrage in Verwaltungsräten
Zu wenig Frauen in den Teppichetagen: Das ist die Schuld der Frauen, sagen die Männer

Eine neue Umfrage zeigt, was die Verwaltungsrätinnen und Verwaltungsräte in der Schweiz beschäftigt – und worin sie sich unterscheiden.

Florence Vuichard
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Frauen sind noch immer eine Seltenheit in Unternehmensspitzen.

Frauen sind noch immer eine Seltenheit in Unternehmensspitzen.

Bild: Keystone

Cherchez la femme! Oder besser gesagt: les femmes. Denn der Anteil der Frauen in den obersten Führungsgremien von Unternehmen wird in den nächsten drei Jahren stark zunehmen – oder zunehmen müssen: in Verwaltungsräten von heute 26 auf 35,5 Prozent und in Geschäftsleitungen von gut 14 auf 25,5 Prozent. So jedenfalls lautet das Fazit der neusten, im Auftrag vom Spitzenpersonalvermittler Knight Gianella durchgeführten Verwaltungsratsumfrage. Darin sind sich alle einig. Doch bei der kniffligeren Frage, wie dieses Ziel denn erreicht werden soll, und bei der Benennung der Gründe, weshalb die Frauen in den obersten Führungsgremien derart untervertreten sind, gehen die Meinungen dann doch signifikant auseinander. Namentlich zwischen den Geschlechtern.

Männer erkennen ganz grundsätzlich weniger Hemmfaktoren und orten die Ursachen für die wenig ausgeglichenen Geschlechterverhältnisse in den Teppichetagen bei den Frauen selbst: Als grösstes Problem nennen 67 Prozent den «fehlenden Wille der Frauen», 62 Prozent bezweifeln, ob Frauen die für ein Verwaltungsratsmandat «geforderte zeitliche Verfügbarkeit» aufbringen können. Die befragten Verwaltungsrätinnen freilich schätzen die Situation ganz anders ein: Sie orten als Hauptprobleme die fehlenden Frauennetzwerke (87 Prozent) und spärlichen Vorbilder von Frauen in Führungspositionen (83 Prozent). Und sie erleben offensichtlich eine gewisse Form von Diskriminierung – etwa über die «gesellschaftlichen Wertvorstellungen über Frauen in Führungspositionen» (65 Prozent) und die «kritischen Einstellungen zu den Fähigkeiten von Frauen als Führungskräften» (59 Prozent).

Das Aktienrecht setzt Richtwerte

Die verstärkten Bekenntnisse zur besseren Frauen-Vertretung in den obersten Leitungsgremien von Firmen kommen nicht von ungefähr. Schliesslich schreibt das neue Aktienrecht grösseren, börsenkotierten Gesellschaften vor, dass der Frauenanteil im Verwaltungsrat auf mindestens 30 Prozent Frauen ansteigen sollte, in der Geschäftsleitung immerhin auf mindestens 20 Prozent. Wobei es sich hier nicht um verpflichtende Quoten, sondern nur um wünschenswerte Richtwerte handelt. Firmen, welche die neuen Anforderungen nicht einhalten, werden nach einer gewissen Übergangsperiode einfach erklären müssen, wieso sie es nicht schaffen.

Diversität wird denn auch in der Verwaltungsratsumfrage von nur gerade 10 Prozent als eine Topherausforderung fürs oberste Strategiegremium genannt. Und auch hier widerspiegelt sich die geschlechterspezifisch unterschiedliche Wahrnehmung. Während immerhin knapp 17 Prozent der befragten Verwaltungsrätinnen darin eine gewisse Herausforderung erkennen, sind es bei ihren männlichen Kollegen keine 8 Prozent.

Topthema Digitalisierung und Cyber Security

Einig sind sich die Verwaltungsratsmitglieder, wo die allergrössten Herausforderungen liegen: bei der Digitalisierung und der Cyber Security, auch wenn die Frauen diesen Themen gar noch etwas mehr Gewicht beimessen. Entsprechend orten die Befragten hier die grösste Notwendigkeit, in den nächsten zwei Jahren mehr Fachwissen in den Verwaltungsratsgremien aufzubauen.

Nachholbedarf orten die Verwaltungsrätinnen und Verwaltungsräte hier auch bei den Behörden: 89 Prozent verlangen von ihnen bei der Digitalisierung einen «Quantensprung» – die diesbezüglichen Mängel sind während der Covid-Krise mehr als offensichtlich geworden. Trauriger Höhepunkt war hier die Faxkommunikation im Bundesamt für Gesundheit.

Trendthemen wie Nachhaltigkeit gewinnen an Bedeutung

Mehr Bedarf nach Fachwissen orten 85 Prozent der befragten Verwaltungsratsmitglieder auch bei den Fragen rund um die sogenannten ESG-Standards, zu welchen sich die Unternehmen bei Umwelt, Sozialem und der Unternehmensführung verpflichtet haben, und bei den firmeneigenen Aktivitäten zur Corporate Social Responsabilty (CSR), die helfen sollen, die gesteckten Ziele zu erreichen. Und die heute bei vielen zu einem wichtigen Bestandteil der Unternehmensstrategie geworden sind. Für drei Viertel der befragten Verwaltungsrätinnen und Verwaltungsräte steigert CSR gar den Unternehmenswert, rund 70 Prozent erkennen darin ein dienliches Hilfsmittel zur Kundengewinnung, knapp 60 Prozent wollen in diesem Bereich «substanzielle» Investitionen tätigen.

Hingegen wollen die Verwaltungsratsmitglieder nicht einfach Geld für gut gemeinte Aktivitäten und hehre Ziele ausgeben. 68 Prozent betonen, dass bei CSR-Investitionen – wie bei allen anderen Investitionen auch – der ökonomische Nutzen messbar sein muss. Ein Punkt, der den Verwaltungsrätinnen gar noch etwas wichtiger ist als ihren männlichen Kollegen.

Einen grossen Gendergap gibt es hier nicht, doch bewerten Frauen den Wert von CSR-Aktivitäten grundsätzlich leicht positiver als Männer. Letztere wiederum befürchten, dass bei solchen «Trendthemen» zu früh, zu viel und falsch investiert wird und dass in einer Krise – wie etwa jetzt während der Pandemie – andere Themen wichtiger werden.

Die Covid-Krise übrigens ist für die Verwaltungsrätinnen eigentlich schon praktisch vorbei: Nur noch 12,5 Prozent erkennen darin eine grosse Herausforderung für die strategische Unternehmensführung. Anders ist die Situation bei ihren Kollegen: Noch knapp 30 Prozent sehen in Covid eine grosse Herausforderung für die Verwaltungsratsgremien.

Die Verwaltungsratsumfrage

Die Umfrage wurde im Auftrag von Knight Gianella von der Lausanner Managementschule IMD im Herbst 2021 durchgeführt. 210 Verwaltungsrätinnen und Verwaltungsräte haben daran teilgenommen, die im Schnitt je 3,64 Mandate halten – vornehmlich in börsenkotierten Unternehmen, aber auch in familienkontrollierten Firmen oder in staatsnahen Betrieben. Ein Viertel jener, die an der Umfrage teilgenommen haben, sind Frauen. (fv)

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