Uhrenindustrie
Warum die Swatch Group diesmal nicht über den teuren Franken klagt

Die Strategie der integrierten, industriellen Produktion in der Schweiz erlebt gerade eine Renaissance. Dabei ist die hierzulande noch tiefe Inflation ein Vorteil.

Daniel Zulauf
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Konzernchef Nick Hayek.

Konzernchef Nick Hayek.

Keystone/Marcel Bieri

Für ein Industrieunternehmen sei es noch nie eine gute Idee gewesen, sich in die Abhängigkeit eines Lieferanten zu begeben, erklärte Swatch-Group-Chef Nick Hayek anlässlich der Jahresmedienkonferenz am Donnerstag in Biel. Nicht zufällig machte der Patron die Unterbrüche in den globalen Lieferketten zu einem zentralen Thema des Anlasses.

Unverstandenes industrielles Leitmotiv

Die Swatch Group versteht sich seit ihrer Gründung beziehungsweise seit dem Zusammenschluss der beiden Vorgängerfirmen SSIH und Asuag im Jahr 1983 als vollintegrierter Uhrenhersteller. Aus dem ursprünglichen Leitmotiv, das Monopol auf die Fertigung mechanischer Uhrwerke zu erringen, ist eine Art industrielle Philosophie entstanden.

Gerade im Finanzmarkt sei man damit oft aber auf Unverständnis gestossen, sagt Hayek. Man habe ihm geraten, gewisse Teile des Konzerns abzutrennen und zu verkaufen, um die Spezialisierung voranzutreiben und die Gewinnmargen zu steigern.

Lieferkettenunterbrüche erzeugen starke Nachfrage in Swatch-Fabriken

Von den vielfältigen industriellen Leistungen, die der Konzern primär in der Schweiz erbringt, werden manche tatsächlich schon seit vielen Jahren von Abnehmern fernab vom Uhrensektor nachgefragt. Das gilt zum Beispiel für Automobilindustrie, die sich bei der Swatch Group mit Niederspannungshalbleitern eindeckt.

Die Nachfrage nach solchen Leistungen sei im Zug der pandemiebedingten Lieferkettenprobleme stark gewachsen. Mit elektronischen Komponenten erzielte die Swatch Group im vergangenen Jahr einen Umsatz von 314 Millionen Franken. Das ist zwar nur ein sehr geringer Teil der Gesamtverkäufe, die sich 2021 von einem stark gedrückten Vorjahresniveau erholen und wie schon im Januar mitgeteilt um 30 Prozent auf 7,3 Milliarden Franken zulegen konnte.

Doch für das laufende Jahr geht Hayek davon aus, dass das Komponentengeschäft für einmal im Gleichschritt mit dem Uhrengeschäft expandieren und eine Wachstumsrate im zweistelligen Prozentbereich erreichen wird. Hayek sieht in der aktuellen Entwicklung auf den Liefermärkten eine klare Bestätigung der Strategie, wie sie sein Vater schon vor langer Zeit begründet hatte.

Diesmal ist der Franken kein Hindernis: Preiserhöhungen im Euro-Raum

Im Unterschied zu früheren Jahren war heuer auch der teure Franken für die Swatch-Group-Führung nicht der Rede wert. Gewiss, die Entwicklung der Wechselkurse machten dem Uhrenkonzern 2021 keinen Strich durch die Rechnung. Vielmehr spielte ihm die Aufwertung des Dollar und des an die US-Währung geknüpften chinesischen Renminbi eher in die Hände. Doch die rasche Abwertung des Euro, der 2021 zum Franken mehr als vier Prozent an Wert verloren hat und seither zwischenzeitlich bis auf die Parität gefallen ist, hätte die Swatch-Leute in früheren Jahren mit einiger Sicherheit zu einer Notenbank-Kritik bewogen.

Die Produkte der Swatch Group haben allerdings längst das nötige Profil im Konsumentenmarkt, dass das Unternehmen negative Wechselkursentwicklungen durch Preiserhöhungen wettmachen kann, ohne Kundinnen und Kunden zu verlieren. Anfang Jahr habe man im Euro-Raum die Preise um durchschnittlich rund vier Prozent erhöht, gab das Unternehmen auf Nachfrage bekannt.

Tiefere Inflationsrate verbessert preisliche Wettbewerbsfähigkeit

Sogar «glücklich» mit dem Franken zeigt sich Konzernleitungsmitglied Peter Steiger insofern, als dessen Aufwertung für eine im internationalen Vergleich deutlich geringere Inflationsrate in der Schweiz von aktuell rund zwei Prozent sorgt. Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit des Schweizer Industriestandortes ist auch für Hersteller von hochwertigen Gütern von einigem Belang. Die Swatch Group betreibt landesweit mehr als 100 Produktionsstätten, in denen ein Grossteil der über 16’000 Mitarbeitenden in der Schweiz tätig sind.

Keine Eintrübung der Konsumentenstimmung in Sicht

Besonders erfreulich dürfte für die Swatch Group mit ihrer breiten Produktionsbasis die markante Zunahme der Exporte von Uhren im mittleren und tieferen Preissegment sein, wie sie seit Anfang Jahr in den Statistiken des Uhrenverbandes zu beobachten ist. Die Swatch Group hat eine ganze Palette von traditionsreichen Marken aus diesem Bereich im Sortiment. Auch geografisch sorgt eine starke Zunahme der Verkäufe in den USA seit Anfang 2021 für einen willkommenen Ausgleich zum dominanten China-Geschäft.

Von einer Eintrübung der globalen Konsumentenstimmung sei trotz der Russland-Invasion in der Ukraine noch nichts zu spüren, sagt Hayek. Er bekräftig die bereits Ende Januar mit der Bekanntgabe der Geschäftszahlen ausgegeben Prognose eines zweistelligen Wachstums in Lokalwährungen im laufenden Jahr.