Gesetz
«Swiss Made» spaltet Uhren-Branche

Die verschärften Ursprungsregeln beschleunigen die Klassenteilung.

Daniel Zulauf
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Der Uhrenhersteller Mondaine kämpft mit den neuen Swissness-Regeln. Nick Soland/Keystone

Der Uhrenhersteller Mondaine kämpft mit den neuen Swissness-Regeln. Nick Soland/Keystone

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Die Schweizer Uhrenindustrie ist eine geteilte Branche. Edle Boutiquen zeigen ihre glamouröse Seite in eleganten Einkaufsvierteln in allen Metropolen dieser Welt. Aber hiesige Uhren werden rund um den Globus auch in gewöhnlicheren Warenhäusern, Fachgeschäften und zunehmend auch auf Onlineplattformen einem weniger betuchten Publikum angeboten. In diesen gegensätzlichen Verkaufskanälen laufen die Geschäfte nie wirklich synchron.

«Das SwissnessGesetz hat der Schweiz als Produktionsstandort für kleine und mittelgrosse Firmen in der Uhrenbranche und der gesamten Schweizer Wirtschaft geschadet.» André Bernheim, Verwaltungsratspräsident und Mitinhaber von Mondaine Watch.

«Das SwissnessGesetz hat der Schweiz als Produktionsstandort für kleine und mittelgrosse Firmen in der Uhrenbranche und der gesamten Schweizer Wirtschaft geschadet.» André Bernheim, Verwaltungsratspräsident und Mitinhaber von Mondaine Watch.

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Spätestens seit dem letzten Frankenschock vor drei Jahren ist klar: die Schweizer Uhren ticken unterschiedlich schnell. Während die Uhrenexporte in den ersten zwei Jahren nach dem Wechselkursschock durchs Band einbrachen, weisen die Ausfuhren der teureren Zeitmesser seit einigen Monaten wieder deutlich aufwärts. Die Zahl der exportierten Uhren aus dem mittleren und oberen Preissegment (500 Franken bis 3000 Franken ab Fabrik) hat 2017 um mehr 110'000 Stück zugenommen. Bei den Luxusuhren der obersten Preisklasse (über 3000 Franken) wurden gut 23'000 Stück mehr exportiert als im Jahr 2016.

Das Bild kontrastiert hart mit den Exportzahlen günstiger Uhren, die weniger als 200 Franken kosten. Seit 2014 sind die Ausfuhren rückläufig. Im vergangenen Jahr schrumpften die Exporte der untersten Preisklasse um 1,4 Millionen Stück. Für André Bernheim, Verwaltungsratspräsident und Mitinhaber von Mondaine Watch, ist klar: «Die verschärften Ur- sprungsregeln helfen mit, die Klassenteilung in der Schweizer Uhrenindustrie zu beschleunigen.» Der Hersteller der «Bahnhofsuhr» für das Handgelenk gehört zu den grösseren Produzenten preisgünstiger Uhren in der Schweiz.

Automatisierung kein Thema

Seit Anfang 2017 ist das «Swissness»Gesetz scharf gestellt. Wer nicht nachweisen kann, dass die Herstellkosten einer Uhr nicht zu mindestens 60 Prozent schwerischen Ursprungs sind, darf nicht mehr mit «Swiss Made» werben. Davor genügte schon ein inländischer Wertanteil von 50 Prozent am Uhrwerk sowie Montage und Schlusskontrolle in der Schweiz. «Das Leben für Marken im unteren und mittleren Preisfeld, wie wir es sind, wird es schwieriger», sagt Bernheim. Er war einer der Protagonisten im langen Kampf gegen das Swissness-Gesetz.

Jetzt muss er sich wohl oder übel mit der Situation arrangieren. «Man könnte sich mit dem Einkauf billigerer Einzelteile in Asien behelfen», sagt er. «Statt eines Saphirglases aus China kommt einfach ein gewöhnliches Mineralglas aus der gleichen chinesischen Fabrik auf die Uhr. Damit steigt automatisch der Wertanteil der im Inland produzierten Teile. Aber letztlich verliert das Produkt an Qualität.» Selbstredend kann sich der Patron mit einer solchen Lösung nicht zufriedengeben. Ein paar Modelle, deren Kalkulation durch die neuen Ursprungsregeln an der 60-Prozent-Hürde gescheitert sind, hat er inzwischen still und leise aus dem Sortiment gekippt. Für eine harte Automatisierungsstrategie, mit der sich die Stückkosten in der Schweiz auf ein international konkurrenzfähiges Niveau drücken liessen, seien die Produktionsmengen auch bei Mondaine zu klein, sagt Bernheim.

Für ihn steht deshalb fest, dass die Schweiz mit dem neuen Gesetz ein Stück Uhrenindustrie verlieren wird. «Ich weiss nicht, ob es politische Absicht oder nur fehlende Weitsicht war. Auf jeden Fall hat dieses Swissness-Gesetz der Schweiz als Produktionsstandort für kleine und mittelgrosse Firmen in der Uhrenbranche und der gesamten Schweizer Wirtschaft geschadet. Eine verpasste Chance.»

Viele Uhrenmarken verschwinden

Vehement gegen diese Analyse argumentiert der Verbandsfunktionär und FH-Geschäftsführer Jean-Daniel Pasche. Seine Organisation vertritt unter anderen grosse Uhrenhersteller wie die Swatch Group, die sich mächtig für die Swissness-Vorlage ins Zeug gelegt hatten. Mondaine Watch ist kein FH-Mitglied. Pasche sagt, die Exportstatistiken liessen keine Aussage zu, ob das Swissness-Gesetz kleinere Hersteller von günstigen Uhren und deren Zulieferer dazu zwingt, aufzugeben oder auszuwandern. Pasche verweist auf Firmen, die erst mit dem Swissness- Gesetz in die Schweiz gekommen sind.

Ein Beispiel ist die Firma Wolf Manufacture in Biel, die im Februar 2017 eine hochautomatisierte Fabrik in Biel in Betrieb genommen hat. Sie verfügt über eine Kapazität von 600'000 Uhrengehäuse pro Jahr, und das gerade mal mit sechs Mitarbeitern. Geschäftsführer Patrick Tresch sagt: «Wir sind da, um Teile, die wir früher in China gefertigt haben, wieder in der Schweiz zu produzieren.» Ob solche Zulieferfabriken das Problem der kleinen Schweizer Uhrenhersteller lösen werden, bleibt abzuwarten.

Vorerst deutet vieles darauf hin, dass sich der Konzentrationsprozess fortsetzt. René Kamm, Chef des Messebetreibers MCH und Veranstalter von «Baselworld», klagt im Interview mit «Finanz und Wirtschaft»: Die Vielfalt der Uhrenmesse sei infrage gestellt. Am 22. März beginnt sie mit halb so vielen Ausstellern wie im Vorjahr. Der Schrumpfungsprozess scheint unaufhaltsam weiterzugehen: Kamm glaubt, dass es in Schweiz bald nur noch 50 Uhrenmarken geben wird. Es waren einmal mehr als 600.

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