Coronanothilfe

Swiss-Life-Präsident Rolf Dörig: «Die Politik muss jetzt aufhören, Geld zu sprechen»

«Es braucht eine Verzichtsplanung. Ein Vaterschaftsurlaub und die Überbrückungsrente sind nicht mehr opportun»: Swiss-Life-Präsident Rolf Dörig.

«Es braucht eine Verzichtsplanung. Ein Vaterschaftsurlaub und die Überbrückungsrente sind nicht mehr opportun»: Swiss-Life-Präsident Rolf Dörig.

Angesichts der massiven staatlichen Coronanothilfe fordert Rolf Dörig eine Verzichtsplanung. Die Öffnung der Wirtschaft geht ihm zu langsam voran. Es brauche nun wieder Zuversicht in die eigenen Stärken und Mut zum Risiko.

Rolf Dörig kommt alleine zum Interview – ohne die sonst übliche Begleitung durch einen Mediensprecher. Er habe genügend Zeit für das Gespräch, weitere Termine stünden an diesem Tag nicht an. «Ich möchte den Blick nach vorne richten», sagt der Swiss-Life-Präsident zu Beginn des Interviews. Er wolle darüber reden, was mit der Krise auf die Schweiz zukomme und wie das Land damit umgehen wolle.

Sie schlugen vor, das Interview nicht über Skype, sondern hier in unserem Newsroom zu führen. Sind Sie nicht der Homeoffice-Typ?

Rolf Dörig: Weder persönlich noch aus unternehmerischer Sicht bin ich ein Freund des Homeoffice-Konzepts. Für einen kleineren Teil des Pensums finde ich es sinnvoll, wenn Mitarbeiter von zu Hause arbeiten. Deswegen nun aber langfristig die Heimarbeit als das dominierende Arbeitsmodell zu zelebrieren– da bin ich sehr skeptisch.

Warum?

Der direkte, persönliche Austausch ist unglaublich wichtig. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wenn wir nur noch digital arbeiten, wird man austauschbar und die Unternehmenskultur leidet. Wer meint, hauptsächlich aus dem Homeoffice arbeiten zu können, verkennt, wie wichtig für eine Firma der persönliche Austausch am Arbeitsplatz ist.

Es ist auch eine Kostenfrage. Mit Homeoffice können Büroflächen eingespart werden.

Da bin ich nicht sicher. Die Coronakrise könnte auch eine andere Folge haben: dass wir tendenziell von den Grossraumbüros und den sterilen und unpersönlichen Kleinstarbeitsplätzen wegkommen. Der Arbeitsplatz muss wieder persönlicher werden. Ein gutes Umfeld hilft der Arbeitsqualität und der Motivation der Mitarbeitenden.

Als Versicherer ist der Umgang mit Risiken Ihr tägliches Geschäft. Ist es zu verantworten, dass jetzt die Wirtschaft wieder schnell auf breiter Front geöffnet wird?

Mir geht es eher zu langsam. Wir sind noch sehr weit von der Normalität entfernt. Angesichts der seit längerem tiefen Infektionszahlen müssen wir möglichst rasch vom Zustand der Angst wegkommen. Angst und Unsicherheit sind Gift für den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt. Es braucht nun wieder Zuversicht in die eigenen Stärken und Mut zum Risiko, das gilt sowohl für die Menschen als auch für die Wirtschaft.

Immerhin erfolgt am 8. Juni eine weitere Lockerung. Bergbahnen, Kinos und Zoos dürfen dann wieder öffnen.

Es ist höchste Zeit. Viele Leute unterschätzen den wirtschaftlichen Ernst der Lage. Die Kosten sind riesig, die jeder zusätzliche Tag mit Einschränkungen mit sich bringt. Und unser Land kann und soll sich auf Dauer eine zusätzliche Verschuldung nicht leisten.

Normalität dürfte erst zurückkehren, wenn ein Impfstoff verfügbar ist, also wohl erst im Verlauf des nächsten Jahres.

Es wäre falsch, die Wirtschaft noch länger zurückzubinden und weiter in einem staatlichen Korsett operieren zu lassen. Das würde zu noch grösseren wirtschaftlichen Schäden führen, und letztlich die Arbeitslosigkeit weiter erhöhen.

Die Landesmütter und -väter sollen sich wieder zurückziehen und das Feld der Wirtschaft überlassen?

Ja. Der Bundesrat hat Führung gezeigt und Verantwortung übernommen. Aber jetzt ist es an der Zeit, dass die Wirtschaft wieder ihre Handlungsfreiheit zurückbekommt. Die Politik sollte sich jetzt erst recht auf ihre Kernaufgaben konzentrieren, für die Wirtschaft optimale Rahmenbedingungen zu schaffen, damit unser Land möglichst schnell aus der Krise findet.

Sollen ab dem 8. Juni wieder ­Veranstaltungen erlaubt sein?

Ja. Auch Grossveranstaltungen über 1000 Personen sollten ab Spätsommer grundsätzlich wieder möglich sein. Insbesondere Sportanlässe wie etwa Fussball und Eishockey brauchen Zuschauer. Notfalls halt mit Maskenpflicht, auch andere Massnahmen sind denkbar. Sport ohne Zuschauer funktioniert einfach nicht.

Der Bund will Profivereine im Eishockey und Fussball mit 350 Millionen Franken unter­stützen. Was halten Sie davon?

Jeder Club tut gut daran, eigenständig zu handeln und Lösungen zu finden. Darlehen bedeuten ja immer zusätzliche Schulden, die in vielen Fällen nicht zurückbezahlt werden können. So sind etwa die Bedingungen, die im Eishockey an ein Darlehen geknüpft sind, ein Witz. Um ein Beispiel zu nennen: Die Clubs, die ein Darlehen beziehen, haften solidarisch auch für die Rückzahlung der Darlehen der anderen Clubs.

Beim ZSC und bei GC, wo sie sich engagieren, kommen diese Darlehen nicht in Frage?

Ich finde es richtig, wenn der Breitensport vom Bund unterstützt wird. Im Spitzensport dagegen setze ich Fragezeichen: Denn gerade im Spitzensport sollten wir die Krise zum Anlass nehmen, um an gesunden Strukturen zu arbeiten – und auch die Löhne der ­Spitzenclubs anzupassen. Zusätzliche Millionenbeiträge des Bundes sind ­diesem Vorhaben nicht zuträglich.

Sind Sie auch gegen das milliardenschwere Nothilfepaket des Bundes für die Unternehmen?

Die Notkredite waren absolut richtig. Das wurde sehr gut aufgegleist und umgesetzt: Es geht darum, Konkurse abzuwenden, vor allem von Klein- und Mittelbetrieben. Ich unterstütze dieses Konzept. Aber jetzt sollten keine weiteren staatliche Kredite mehr gesprochen werden. Wenn das Parlament weiter Geld verteilen will nach dem Prinzip «Wer hat noch nicht, wer will nochmal?» schaden wir letztlich allen in unserem Land. Und es werden all jene Unternehmen bestraft, die selber vorgesorgt haben und nicht von der Hand in den Mund leben.

Nicht jede Firma hat eine «Kriegskasse» für solche Krisen.

Deshalb waren diese ausserordentlichen Notkredite richtig. Aber im Grundsatz muss die Wirtschaft ihre Probleme selber lösen und sich nicht vom Staat abhängig machen. Die Politik hat jetzt definitiv genug Geld gesprochen – jetzt muss sie damit aufhören! Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen.

Mit einer Begrenzung der Hilfe ist es nicht getan?

Der Staat wird mit einer zusätzlichen Verschuldung von bis zu 100 Milliarden Franken aus dieser Krise kommen. Diese Schulden müssen wieder abgebaut werden. Das geht nicht ohne die Schuldenbremse. Und es braucht eine Verzichtsplanung. Wir müssen – wie nach einem Gewitter – die Schäden besichtigen und uns dann fragen: Worauf müssen wir in Zukunft verzichten, damit nicht spätere Generationen die Zeche zahlen?

Heisst das, dass vor der Krise aufgegleiste Vorhaben – etwa der Vaterschaftsurlaub – gestoppt werden sollten?

Sicher. Angesichts des Schuldenberges sollte die Sicherung der sozialen Errungenschaften im Zentrum stehen und kein weiterer Ausbau. So ist nicht nur der Vaterschaftsurlaub, sondern insbesondere auch die vom Bundesrat vorgeschlagene Überbrückungsrente nicht opportun. Wir müssen – ganz generell– wieder bescheidener werden. Auch das lehrt uns diese Krise.

Inwiefern bescheidener?

Ich meine das in persönlicher, politischer und unternehmerischer Hinsicht. Immer alles grösser, höher und teurer– das ist nicht nachhaltig. Ich bin da für die Schweiz aber zuversichtlich. Wir haben eine enorm leistungsorientierte Volkswirtschaft. Wenn es uns gelingt, mit der uns eigenen Schaffenskraft den Schuldenberg zu Gunsten der jüngeren Generationen möglichst klein zu halten und über Zeit abzubauen, dann stehen wir im Wettbewerb mit anderen Ländern immer noch sehr gut da.

Auch die Altersvorsorge ist von den Turbulenzen betroffen. Swiss Life ist einer der grössten Akteure in der zweiten Säule. Wie beurteilen Sie deren finanzielle Lage?

Sie hat sich nochmals verschärft. Die Altersvorsorge leidet unter der demografischen Alterung, die Schere zwischen den Aktiven und den stark zunehmenden Rentnern öffnet sich immer mehr. Auch die Lebenserwartung steigt weiter. Pensionskassen kämpfen zudem mit fallenden Anlageerträgen und tiefen Zinsen. Zusätzlich wird nun die Rezession und die steigende Zahl der Arbeitslosen dazu führen, dass die Prämienbeiträge sinken. Das wird die AHV besonders hart treffen, aber auch in der zweiten Säule wird insgesamt noch viel mehr Geld fehlen als bisher schon.

Darum wollen Sie alte Forderungen durchbringen: Tieferer Umwandlungssatz, höheres Rentenalter?

Gerade wegen der Krise ist die Reform der Altersvorsorge noch wichtiger und dringlicher geworden. Es ist breit anerkannt, dass für Frauen und Männer dasselbe Rentenalter von 65 gelten soll– diesen Schritt muss man nun endlich vollziehen. Bald werden wir zudem nicht mehr um eine generelle Erhöhung des Rentenalters herumkommen.

Was ist mit dem Umwandlungssatz?

Eine Senkung war schon vor Corona überfällig, nun ist sie es erst recht. Die vorgesehenen sechs Prozent müssen schnell kommen. Wir müssen die bestehenden Renten sichern und für die Übergangsgeneration eine Lösung ohne Renteneinbussen anstreben. Es geht um die langfristige Sicherheit für alle. Diese ist nach dieser Krise doppelt wichtig. Dazu kann auch die Nationalbank einen Beitrag leisten.

Sie wollen, wie die Linken und Teile der SVP, das Nationalbankgeld anzapfen?

Nur die Gewinne der Nationalbank aus den Negativzinsen. Eine Bemerkung vorweg: Die Unabhängigkeit der SNB ist zentral. Aber die aktuelle Geldpolitik mit den Negativzinsen hat einen Preis. Unter den Folgen der Negativzinspolitik leidet auch die berufliche Vorsorge. Allein den Pensionskassen werden dadurch 500 Millionen Franken pro Jahr entzogen. Ich finde, dieses Geld gehört korrekterweise den Versicherten. Heute fliesst es von der SNB in die allgemeine Bundeskasse. Mit diesem Geld kann man einen Teil der Reform der zweiten Säule finanzieren. Insbesondere kann so verhindert werden, dass die Übergangsgeneration Renteneinbussen erleidet.

Wie stellen Sie sich das konkret vor?

Der jährliche Beitrag von bis zu 4 Milliarden Franken der Nationalbank sollte nicht voll in die allgemeine Bundeskasse gehen. Vielmehr müssen eben jährlich 500 Millionen davon direkt dafür verwendet werden, die Renteneinbussen der Übergangsgeneration auszugleichen. Ich denke, diese Idee wäre politisch breit abgestützt.

Mehr Einnahmen braucht auch die AHV...

Es ist schlicht unrealistisch, hierfür Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusätzlich belasten zu wollen. Die Angleichung des Rentenalters für Frau und Mann in der anstehenden Reform ist dagegen überfällig.

Swiss Life ist nicht nur in der ­Vorsorge tätig, sondern auch ein grosser Vermieter. Warum wehren Sie sich gegen politische Vorstösse, die einen Erlass von Geschäfts­mieten verlangen?

Das halte ich für grundfalsch. Das widerspricht unserem rechtsstaatlichen Grundverständnis. Es nicht am Staat, in privatrechtliche Verhältnisse einzugreifen. Wir sollten unsere bewährten Prinzipien wie Rechtsstaatlichkeit, direkte Demokratie, Föderalismus, Subsidiarität, ja überhaupt unsere Freiheit generell nicht wegen einer mehrmonatigen Krise über Bord werfen.

Die Politik schreitet nur ein, weil mancher Vermieter stur auf den Mietzahlungen beharrt.

Ich kann nur für Swiss Life sprechen. Wir zeigen uns als Vermieter seit Anfang der Krise kulant. Bei Mieten bis 5000 Franken haben wir nicht nur Mieten gestundet, sondern auch erlassen. Aber wenn die Politik jetzt nach dem Giesskannenprinzip einfach alle geschuldeten Mieten bis zu einem Betrag von 20000 Franken Monatsmiete stark reduzieren will, ist das nicht in Ordnung. Damit profitieren auch Geschäfte, die gut laufen, oder Konzerne, die in guten Zeiten gutes Geld verdient haben. Und das auf Kosten jetziger und künftiger Rentner.

Die Mieterlasse würden Swiss Life 10 Millionen Franken kosten. Das ist doch ein Klacks.

Ob zehn, zwanzig oder dreissig Millionen macht in der Tat kaum einen Unterschied. Es ist aber immer einfach, das Geld anderer auszugeben. Dieses Geld gehört grösstenteils unseren Versicherten. Wir sprechen hier von Grundsätzen. Es geht nicht an, dass die Politik in private Vereinbarungen eingreift – auch wenn es gut gemeint ist. Welches wäre dann der nächste Eingriff?

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