Analyse
Über den Wolken: Darum können sich Bankmanager wie António Horta-Osório Skandale ohne Konsequenzen leisten

Credit-Suisse-Präsident António Horta-Osório missachtete die Quarantäneregeln. Das dürfte ihm kaum zum Schaden gereichen. Gibt es tatsächlich keine Bankmanager mit weisser Weste?

Daniel Zulauf
Daniel Zulauf
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Welche Grenzen sollen für CS-Manager gelten?

Welche Grenzen sollen für CS-Manager gelten?

Keystone

Welches Lied dem Credit-Suisse-Präsidenten António Horta-Osório durch den Kopf ging, als er am ersten Dezember in Zürich das Flugzeug in Richtung des heimatlichen Iberiens bestieg, wird wohl für immer sein Geheimnis bleiben.

Vielleicht war es tatsächlich Reinhard Meys Klassiker. Obschon, der Song ist ja aus der Perspektive eines Menschen geschrieben ist, der die Wolkenformationen nur von unten kennt. Wie auch immer. Das Lied ging ab 1974 um die Welt. Zu einer Zeit als Portugal dank der Nelkenrevolution gerade dabei war das Träumen neu zu erlernen. Zu einer Zeit auch, als der kleine António kurz vor dem Übertritt ins Gymnasium stand, um später den Weg in die globale Hochfinanz zu schaffen.

Das Verständnis der Kollegen ist sicher

Die Idee von der «grenzenlosen Freiheit», wie sie das unvergessene Chanson preist, ist für die meisten Menschen nach zwei Jahren Pandemie zu einer ziemlich entrückten Vorstellung geworden. Im globalisierten Bankermilieu scheint sie aber so lebendig zu sein wie damals in den 1970er Jahren, als die Demokratisierung des Himmels gerade ihren Anfang nahm.

Ob der 57-jährige Credit-Suisse-Präsident bei seinem vorzeitigen Abflug aus der Schweiz nur das britische und das schweizerische Quarantäneregime verwechselt hatte, wie er seinen Kollegen im Verwaltungsrat ein paar Tage später auf einer Sitzung in New York erklärt haben soll, ist eigentlich belanglos. Auf das Verständnis seiner Kollegen für die zahllosen Zwänge im Leben eines vielbeschäftigten Top-Managers kann sich Horta-Osório auf jeden Fall verlassen.

Musste es so plump sein?

Nur hätte er sich bei der Verletzung eines Gesetzes, das für alle Schweizerinnen und Schweizer gilt, nicht so plump erwischen lassen dürfen. Aber auch dieser Fauxpas, mit dem sich der Banker bei seinen eigenen Mitarbeitenden ja nicht eben als leuchtendes Vorbild für regelkonformes Verhalten outet, wird man ihm unter seinesgleichen rasch verzeihen. Das ist nun mal einfach «Usanz», wie es in der Geschäftssprache so schlicht und treffend heisst.

Beispiele dafür gibt es selbst in der kleinen Schweiz in genügend grosser Zahl. Für den neuen Raiffeisen-Präsidenten Thomas Müller war dessen Vorleben als Finanzchef der tief in den Cum-Ex-Skandal verwickelten Bank Sarasin ebenso wenig ein Hindernis für die Wahl, wie die gravierenden Versäumnisse der niederländischen Grossbank ING in der Geldwäsche-Abwehr eine zu grosse Hypothek für die Berufung des damaligen ING-Chefs Ralph Hamers an die Spitze der UBS gewesen war.

«Sturm in der Teetasse»

Die Liste an unverwüstlichen Bankmanagern lässt sich fast beliebig verlängern, wenn man sie auf die ganze Welt ausdehnt. Jamie Dimon lenkt die Geschicke der grössten US-Bank-JP Morgan Chase seit 2005 und der Mann sitzt so fest im Sattel wie noch nie. Im vergangenen Jahr wischte er den scheuen Versuch eines Aktionärs, die grassierende Lohn- und Bonuskultur an der Wall Street im Blick auf die mit Steuergeldern finanzierte Anti-Krisenpolitik der Regierung etwas einzugrenzen mit dem Satz vom Tisch: «Wir haben einen freien Markt und darüber sollten wir uns alle freuen.»

Dimon kassierte im vergangenen Jahr ein Gehalt von 31,5 Mill. Dollar. Er sagt: «Wir brauchen diese hohen Löhne, um das beste Team im Feld zu halten.» Als 2012 der Grossverlust eines JP-Morgan-Traders in London erstmals ruchbar wurde, qualifizierte Dimon das Problem zunächst als «Sturm in der Teetasse». Als bekannt wurde, dass die fehlgeleiteten Geschäfte des «London Whale» die Bank um 6 Mrd. Dollar erleichtert hatten, lenkte Dimon zu einer kurzfristigen Halbierung seines Riesengehalts ein. Die grenzenlose Freiheit hat er aber offensichtlich schnell zurückgewonnen.

Die Aktionäre sind in der Pflicht

Auch Goldman-Sachs-Chef David Solomon musste im vergangenen Jahr auf 10 Millionen Dollar von seinem 28-Millionen-Dollar-Gehalt verzichten, nachdem die Bank 2020 vor einem US-Gericht zugeben musste, umfangreiche Geschäfte mit dem hochkorrupten Staatsfonds 1MDB des früheren malayischen Staatspräsidenten Najib Razak mit Hilfe von Bestechungszahlungen in Höhe von mehr als einer Milliarde Dollar erschlichen zu haben.

Solomon war zum Zeitpunkt der kriminellen Vorgänge Chef der Goldman-Sachs-Investmentbank, welche die Geschäfte verantwortet hatte. Trotzdem konnte er 2018 an die Spitze der US-Grossbank aufsteigen. Es gibt das Argument, dass Bankmanager mit viel Erfahrung und blütenweissen Westen kaum zu finden sind.

Da ist offensichtlich etwas dran. Das Argument gewinnt an Gewicht, je länger die Aktionäre bereit sind es widerspruchslos hinzunehmen. Auf den ersten Blick scheint die Passivität der Eigentümer eine gewisse Logik zu haben. Schliesslich sind dreiste Manager oft erfolgreicher als Brave -wenigstens solange sie nicht über den Wolken schweben. Die Credit-Suisse-Aktionäre haben leider etwas spät gelernt, dass sie ihren Managern die Grenzen der Freiheit erklären sollten, bevor diese das Flugzeug besteigen.