Luftfahrt

Schweizer Flughäfen fliegen der europäischen Konkurrenz davon – doch nun droht das Aus wichtiger Airlines

Am Flughafen Zürich fehlen derzeit drei von vier Gästen (27. Juli 2020).

Am Flughafen Zürich fehlen derzeit drei von vier Gästen (27. Juli 2020).

Die Luftfahrt erholt sich langsam aus der Krise. Die Schweizer Flughäfen können gute Zahlen aufweisen. Doch das könnte sich ändern. Ein deutscher Flughafen hat ein gutes Argument im Wettstreit mit Zürich.

Kein Gedränge, keine Warteschlangen, keine aufgeregte Kinder vor ihrem ersten Flug: Am Flughafen Zürich lässt sich derzeit erleben, wie viel Ruhe ein Flughafen ohne Gäste ausstrahlt. Die wenigen Reisenden verteilen sich an diesem Mittwoch im riesigen Gebäude. Die Läden sind offen, doch in vielen wartet das Personal alleine auf Kunden. Kein Wunder: Die Luftfahrt steckt wegen Corona in der tiefsten Krise, die sie je erlebt hat. In Zürich fehlten im Juli im Vergleich zum Vorjahresmonat 78 Prozent der Fluggäste.

Eine Auswertung dieser Zeitung zeigt nun: Damit kam der Flughafen noch gut davon. Unter den vier Lufthansa-Drehkreuzen Frankfurt, München, Wien und Zürich erholte sich der Hub der Swiss im Juli gar am besten. Dasselbe Bild zeigt sich bei der Entwicklung der ersten sieben Monate: Zusammen mit Frankfurt sind die Passagierrückgänge in Zürich am tiefsten. Selbst im Vergleich zu den 15 grössten Flughäfen Europas, zu denen Zürich letztes Jahr gehörte, schlägt der grösste Schweizer Airport fast alle. Doch wie nachhaltig ist diese Entwicklung?

Flughafen Zürich sieht sich gut positioniert

Andreas Wittmer, Aviatik-Experte der Universität St. Gallen, ist nicht überrascht. Schweizer reisten im internationalen Vergleich sehr häufig. «Kommt hinzu, dass sie sich wohl aufgrund der eher hohen Einkommen weniger Sorgen um die persönliche, finanzielle Zukunft machen als andere Europäer. Sie leisten sich eher Ferien im Ausland. Der Puffer ist hier für viele grösser als anderswo.»

Auch der Flughafen Zürich selbst sieht sich mittelfristig gut positioniert. Das liege einerseits an der Nachfrage, sagt Sprecherin Raffaela Stelzer: «Die Schweizer Wirtschaft erholt sich in der Regel schneller von Krisen, als dies andernorts der Fall ist.»

Alles hängt am Langstreckennetz

Andererseits dürfte sich das Angebot der Swiss gut entwickeln – glaubt der Flughafen: «Die Lufthansa hat zwar angekündigt, die Flottengrösse zu reduzieren. Nach unserem Verständnis wird die Swiss aber nur marginal betroffen sein, weil sie über eine sehr junge Flotte verfügt.» Eine zuverlässige Prognose sei aber kaum möglich. Zu gross sind die Unsicherheiten über den weiteren Verlauf der Krise. Als Flughafen, der stark von der Swiss abhängig ist und diese wiederum vom Funktionieren ihres Langstreckennetzes, sind die Unwägbarkeiten gross.

Mit den Hilfskrediten, für die der Bund bürgt und die diese Woche bewilligt wurden, hat der Bund zwar sichergestellt, dass das Angebot der Swiss gleich stark wieder hochgefahren werden muss wie jenes der Lufthansa in München und Frankfurt. Doch wenn die Schweiz wegen ihrer derzeit vergleichsweise hohen Corona-Fallzahlen von anderen Ländern auf eine Quarantäneliste gesetzt wird, würde das auch die Flughäfen treffen — genauso wie neue Einreisebeschränkungen.

München hängt Zürich ab

Hinzu kommt: Wie stark ein Hub ist, hängt nicht zuletzt von der Anzahl der Umsteiger ab. Die Swiss ist darauf angewiesen, dass ausländische Passagiere in Zürich auf ihre Langstreckenflugzeuge umsteigen. Sonst lässt sich ihr grosses Netz nicht langfristig profitabel betreiben. Bei dieser Kennzahl aber lag München zuletzt deutlich vor Zürich. Im Juli betrug der Umsteigeanteil in München 27,6 Prozent, in Zürich nur 17,5 Prozent. Das zeigt eine Auswertung des Flughafen München für diese Zeitung. «Die Hubfunktion eines Flughafens bemisst sich am besten am Umsteigeranteil, der in München immer noch deutlich höher ist als in Wien, aber auch als in Zürich», sagt eine Sprecherin.

Dass München im Juli erstmals sogar weniger Passagiere zählte als Zürich, liege an einem zeitlichen Zufall. In Bayern hätten die Sommerferien erst am 27. Juli begonnen. In der Schweiz war dies früher der Fall. München dürfte demnach für den August deutlich bessere Zahlen vorlegen als Zürich oder der Flughafen Frankfurt. Letzterer hatte laut dem Portal airliners.de bereits mitgeteilt, dass sich die Erholung im August nicht fortgesetzt habe.

Sind Billigflieger Fluch oder Segen?

Das Rennen der Lufthansa-Hubs ist also weiterhin offen. Sie alle sind auf die Erholung des Langstreckenverkehrs angewiesen. Ganz anders sieht das an den Flughäfen Basel und Genf aus, die zuletzt ihre grösseren Konkurrenten in den Schatten stellten (siehe Grafik). Das soll so weitergehen: Der Basler Euroairport rechnet auch für den August mit einer weiteren Zunahme des Flugbetriebs, wie eine Sprecherin sagt. Der Flughafen ist stark abhängig von Billigfliegern. Ein Problem sei das nicht: «Airlines wie Easyjet und Wizz Air bieten ein Punkt-zu-Punkt Netzwerk an. Sie sind nicht von Langstreckenflügen abhängig, um Routen profitabel zu machen», sagt die Sprecherin. 90 Prozent der Passagiere in Basel buchten Direktflüge ohne Anschlussflüge. «Das ist im Moment umso mehr von Vorteil, da es kaum Langstreckenflüge gibt.» Ähnlich tönt es in Genf, wo der Anteil der Passagiere mit Zielen in Europa 95 Prozent ausmacht.

Doch mittelfristig könnten Flughäfen mit viel Billigfliegern leiden, sagt Aviatik-Fachmann Andreas Wittmer. «Die Airlines werden dafür büssen, dass sie in den letzten Jahren das Fliegen zu einem notwendigen Übel gemacht haben, bei dem der Komfort und die Sitzabstände immer kleiner wurden.» Viele europäische Länder investierten nun in komfortable Züge. «Ein gewisser Anteil auf einigen kurzen Flügen wird langfristig verloren bleiben.» Billigairlines, die auf europäische Kurzstrecken fokussiert sind, «werden es besonders schwer haben», so Wittmer. «Anfangs wird es noch Preisdumping geben. Aber Schritt für Schritt werden danach gewisse Airlines aus dem Markt scheiden.»

© CH Media

Meistgesehen

Artboard 1