Interview

Schindler-Schweiz-CEO: «Fachkräftemangel hat sich verschärft»

Schindler-Schweiz-CEO Patrick Hess.

Schindler-Schweiz-CEO Patrick Hess.

Das Geschäft von Schindler Schweiz läuft auf Hochtouren. Besonders in der Montage und dem Service fehlt es jedoch an Personal. Der neue Chef von Schindler Schweiz, Patrick Hess, probiert deshalb kreative Rekrutierungsmethoden aus.

Patrick Hess, der Immobilienmarkt in der Schweiz brummt weiter. Ein gutes Zeichen für Schindler, nehme ich an.

Auf jeden Fall. Der Markt Schweiz wächst noch immer. Neuanlagen, Modernisierung, Wartung und Reparaturen – sämtliche Bereiche haben in den letzten Jahren zugelegt. Das Neuanlagegeschäft ist seit dem Jahr 2013 auf einem Höchststand. Diese Entwicklung ist natürlich gut für uns, aber auch anspruchsvoll, da wir stetig neue und gut ausgebildete Mitarbeiter benötigen. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Angestellten bei Schindler Schweiz um 400 Personen gewachsen. Selbst als sehr beliebter Arbeitgeber haben wir jedoch zunehmend Mühe bei den Stellenbesetzungen.

Die lokale Überhitzung im Immobiliensektor macht sich in Ihrem Geschäft also noch nicht bemerkbar?

Wir beobachten Baugesuche und Baubewilligungen ganz genau, diese sind nach wie vor auf einem sehr hohen Niveau. Der Bauboom hält an. Was wir aber feststellen, ist, dass die Durchlaufzeit eines Immobilienprojekts in den letzten zwei Jahren deutlich länger geworden ist. Gerade das verdichtete Bauen stellt hohe Ansprüche, und es dauert heute länger von der Planung bis zur Realisierung. Zudem hat es auch geografisch zu Verschiebungen geführt. Wir brauchen derzeit mehr Mitarbeiter im urbanen Raum. Das ist eine Herausforderung.

Weshalb?

Neuer Schindler-Schweiz-CEO: «Wir finden nicht genügend Leute» | Luzerner Zeitung Insbesondere in der Montage finden wir nicht genügend Leute. Aktuell haben wir rund 40 offene Stellen. In den letzten zwei Jahren hat sich der Fachkräftemangel für uns verschärft. Wir führen dies auf den wirtschaftlichen Aufschwung in Europa, insbesondere in Deutschland zurück. Es hat deutlich weniger Subunternehmer, aber auch weniger feste Mitarbeitende aus Deutschland auf dem Schweizer Arbeitsmarkt. Damit sind wir nicht alleine, im Baugewerbe kämpfen viele Betriebe mit dieser Problematik.

Wie gehen Sie damit um?

In unseren «Liftcamps» bilden wir Leute mit einem anderen Berufsabschluss aus, so dass sie nachher bei uns in der Montage oder im Service arbeiten können. Das sind beispielsweise Automechaniker oder Landmaschinenmechaniker. Wir bilden pro Jahr auf diesem Weg über 110 Aufzugsmonteure und über 120 Servicetechniker aus. Diese erhalten am Ende der Ausbildung eine Zertifizierung. Natürlich ist auch die Lehrlingsausbildung, mit 300 Lernenden, sehr wichtig. Wir haben vor zehn Jahren die Polymechaniker-Lehre mit Fachrichtung Aufzugsmontage aufgebaut. Hier steigern wir die Zahl der Lernenden und versuchen, diese nach Möglichkeit alle zu übernehmen. Zudem probieren wir in der Rekrutierung Neues aus.

Neuer Schindler-Schweiz-CEO: «Wir finden nicht genügend Leute» | Luzerner Zeitung Was zum Beispiel?

Wir haben kürzlich einen Whats­App-Schnuppertag-Tag durchgeführt. Da konnten sich Interessenten via SMS mit unseren Leuten über den Beruf, die Arbeitsbedingungen etc. austauschen. Das war spannend und hat gut funktioniert. Zudem versuchen wir verstärkt, via Mund-zu-Mund-Propaganda an Kollegen und Freunde von bestehenden Mitarbeitenden heranzukommen. Das ist eine vielversprechende Strategie. Auch haben wir herausgefunden, dass viele unserer Monteure Motorradfans sind, die gerne in ihrer Freizeit an ihrer Maschine arbeiten. Aus diesem Grund haben wir vor kurzem an einer Motorradmesse Flyer verteilt. Wir müssen einfach viel innovativer sein, um das gesuchte Personal zu finden.

Haben die nicht besetzten Stellen Folgen für allfällige Aufträge?

Es ist sehr wichtig, ein Gleichgewicht zwischen Verkauf und Ausführungskapazität zu haben. Es ist eine permanente Herausforderung, den Verkauf mit der Rekrutierung von neuem Personal in Einklang zu bringen. Durch das starke Wachstum in der Schweiz ist es für uns aber nichts Neues, dass wir stark in die Ausbildung investieren müssen.

Neuer Schindler-Schweiz-CEO: «Wir finden nicht genügend Leute» | Luzerner Zeitung Sie müssen wegen dem Fachkräftemangel aber nicht auf Aufträge verzichten?

Nein, das ist bis jetzt noch nie vorgekommen. Aber der Anspannungsgrad in gewissen Jobkategorien ist sehr hoch, und ich schliesse nicht aus, dass ein solcher Entscheid in Zukunft einmal getroffen werden muss.

Monteurinnen wären die Lösung.

Bei Schindler Schweiz haben wir einen Frauenanteil von 12 Prozent. Das ist natürlich ein Mix zwischen Berufszweigen wie Marketing, Personal, Finanzen, IT mit traditionell hohem Frauenanteil und den Bereichen wie Montage und Service mit sehr tiefem Frauenanteil. Aber für uns ist eindeutig klar: jeder Beruf und jede Aufgabe bei uns kann von einer Frau oder einem Mann wahrgenommen werden. Wir hatten bereits einige Monteurinnen – da gibt es keine Hürden.

Neuer Schindler-Schweiz-CEO: «Wir finden nicht genügend Leute» | Luzerner Zeitung Was tun Sie, um den Frauenanteil zu erhöhen?

Wir haben eine Diversitäts-Initiative, die das Ziel hat, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu steigern. Das ist aber nicht nur ein Frauenthema, wir haben viele junge Männer, die sich dafür interessieren. Inzwischen gibt es bei Schindler Teilzeit-Vorgesetzte, Jobsharing, Homeoffice, Ferienkauf etc. Auch schreiben wir alle Stellen in einem Pensum von 80–100 Prozent aus.

Apropos Stellen: Wie sieht es mit den Arbeitsplätzen in Ebikon nach dem Stellenabbau vor zwei Jahren aus?

Wir haben in der Schweiz auch während dieser Zeit mehr Stellen geschaffen als abgebaut. Wir hatten ursprünglich ja den Abbau von 120 Stellen angekündigt, aber nur 85 Stellen haben wir schliesslich reduziert. Einen Grossteil davon konnten wir via Frühpensionierungen lösen. Und von den restlichen Mitarbeitern haben alle bis auf zwei Personen bei anderen regionalen Firmen eine neue Anstellung gefunden. Darüber sind wir sehr glücklich.

Neuer Schindler-Schweiz-CEO: «Wir finden nicht genügend Leute» | Luzerner Zeitung Die Produktion in Ebikon hat sich vor allem auf Spezialanfertigungen konzentriert. Geht diese Strategie auf?

Die Strategie geht auf. Ebikon ist heute auf spezielle Produkte ausgerichtet. Beispielsweise Einzelanfertigungen, aussergewöhnliche Kabinen oder grosse Antriebe. Die grössten Antriebe für Hochleistungsaufzüge sind über 10 Tonnen und werden alle hier in Ebikon hergestellt. Sie werden weltweit in Hochhäusern ab 250 Metern verbaut – also auch in China oder den USA. Das sind pro Jahr etwa 30 Stück. Das sind technisch hochausgefeilte und sehr leistungsfähige Antriebe, welche Doppeldeck-Kabinen mit einer Höhe von bis 18 Meter bewegen.

Und für Spezialanfertigungen rechnet sich der teure Produktionsstandort Schweiz?

Wir arbeiten kontinuierlich an der Wettbewerbsfähigkeit. Beispielsweise durch die Mechanisierung. Wir haben mehrere Millionen ins Werk selber investiert – in neue Maschinen und in die Produktionsabläufe.

Neuer Schindler-Schweiz-CEO: «Wir finden nicht genügend Leute» | Luzerner Zeitung Das heisst, in Ebiworks soll noch lange gearbeitet werden.

Bei Schindler denken wir immer langfristig. Diese Investitionen sind ein klares Bekenntnis zum Standort. Und Ebiworks ist ja nur ein Teil davon. Insgesamt haben wir hier in Ebikon und Hergiswil knapp 200 Millionen Franken investiert. Dieses Geld floss praktisch in jeden Bereich – ins Besucherzentrum, ins Management-Gebäude mit dem Hauptsitz, in ein neues Personalrestaurant sowie in das neue Parkhaus. Diese grossen Investitionen können wir nur dank unserer globalen Präsenz tätigen.

Patrick Hess (41) ist Chef von 2800 Angestellten und 300 Lernenden. In Kontakt mit Schindler kam Hess bereits als Schüler: Während der Kantonsschule Alpenquai hat er eine Arbeit über Schindler geschrieben. Nach seinem Studium in Betriebswirtschaft stieg er 2001 als Financial Controller beim Liftbauer ein. 2009–2012 ging er mit seiner Familie nach England, wo er Finanzchef von Schindler UK war. Nach seiner Rückkehr leitete er die Region Bern. 2014 wurde Hess Finanzchef von Schindler Schweiz. Mitte Jahr übernahm er den Posten als CEO von Schindler Schweiz. Patrick Hess ist verheiratet und Vater zweier Buben. (rom)

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