Das Schweizer Pensionskassensystem. Es ist international hochgelobt. Und doch führt es seit Jahren zu einer systemwidrigen Umverteilung zwischen Jung und Alt. So rasch ist jedoch kein Ende in Sicht. Im Gegenteil: Bleiben die Zinsen für Staatsanleihen auf Dauer so tief wie heute – in der Schweiz sind sie sogar negativ –, verschärft sich die Lage.

Das behaupten die Pensionskassenexperten des Fondsverwalters Swisscanto, der seit diesem Jahr ganz der Zürcher Kantonalbank gehört. Der Ursprung des Problems liegt darin, dass an den Finanzmärkten spätestens seit der Finanzkrise 2009 die Zielrenditen nicht erwirtschaftet werden können, die das System benötigt um die steigenden Lebenserwartungen abzufedern. Anders als in den 1990er-Jahren lässt sich der Mindestzinssatz nicht mehr mit einer nahezu risikolosen Anlage wie Schweizer Bundesobligationen erzielen. Ausserdem spielt hier die an sich erfreuliche Tatsache eine Rolle, dass die Bevölkerung immer älter wird.

Den Rentnern wurde bei Renten-Antritt eine Garantie abgegeben, ein Zinsversprechen also, das die Pensionskassen von Gesetzes wegen einhalten müssen. Diese Zinsgarantie beträgt in Einzelfällen bis zu 4,5 Prozent. Aus damaliger Sicht durchaus verständlich. Doch aus heutiger Sicht schafft dieses Versprechen Probleme.
Deshalb muss nun der beruflich aktive Teil der Bevölkerung mit seinen Vermögenserträgen einen Teil der Renten mitfinanzieren – und womöglich damit rechnen, dass in späteren Jahren weniger für die eigene Rente zur Verfügung steht.

Othmar Simeon, Leiter der Personalvorsorgeberatung von Swisscanto, schätzt den «Umverteilungs-Betrag» auf rund 800 bis 1000 Franken im Jahr, die jeder Aktive bezahlt. «Rentenbezüger haben in den letzten Jahren rund ein Prozent mehr Ertrag gegenüber den aktiv Versicherten beansprucht», sagt Simeon.

Das ist ein kleiner Betrag auf den ersten Blick. Es sind 0,4 Prozent der ganzen Bilanzsumme der Pensionskassen, erklärt der Swisscanto-Experte, gestützt auf eine Umfrage vom letzten Jahr. Doch bei einem «Volksvermögen» von rund 700 Milliarden Franken sind es immerhin 3,5 Milliarden, die von den aktiven Versicherten zu den Rentnern fliessen – Tendenz steigend.

Gleiches bei Versicherungen

Die Credit Suisse ist laut der «Neuen Zürcher Zeitung» mit ihren Berechnungen früher zu einer ähnlichen Zahl gelangt. Eine vom Bundesamt für Sozialversicherungen in Auftrag gegebene Studie kam bei 27 ausgewählten Pensionskassen zum Ergebnis, dass zwischen 2009 und 2013 die sogenannten «Pensionierungsverluste» von 310 Millionen auf 480 Millionen Franken angestiegen sind.

Die je nach Berechnung grösste Lebensversicherung der Schweiz, die AXA Winterthur, hat vor einem Monat bekannt gegeben, dass auch bei ihr der Effekt spielt. 2013 wurde für 416 Millionen Franken umverteilt. 2014 dürften es noch einige Dutzend Millionen mehr gewesen sein. Auf ähnliche Beträge kommen auch die Konkurrenten bei diversen Hintergrundgesprächen.

Der Mechanismus, der bei den Pensionskassen und den Lebensversicherungen durch die Umverteilung ausgelöst wird, hat zunächst vor allem bilanztechnische Auswirkungen. Niemand kann wissen, wie sich die Finanzmärkte in 10 oder 20 Jahren entwickeln. Einzelne Pensionskassenvertreter gehen jedoch davon aus, dass es noch zehn Jahre dauern wird, bis sich die Zinsen, die durch die Nationalbanken seit der Finanzkrise künstlich tief gehalten werden, wieder normalisieren.

Der politische Druck auf Sozialminister Alain Berset nimmt daher zu. Er hat im Rahmen der «Altersvorsorge 2020» die Senkung des entscheidenden Umwandlungssatzes von 6,8 Prozent auf 6,0 Prozent vorgeschlagen. Diese Anpassung soll innert vier Jahren stattfinden, um 0,2 Prozentpunkte pro Jahr. Das Ziel ist es, dass der Umwandlungssatz so festgelegt wird, dass die angesparten Altersguthaben – samt den Vermögenserträgen darauf – ausreichen, um die Renten während ihrer ganzen Laufzeit zu bezahlen. Diese Senkung hätte zwar nicht zur Folge, dass der Rententopf grösser wird. Doch er würde zumindest widerspiegeln, dass die Bevölkerung in der Schweiz immer älter wird.

Der Vorschlag selber wird von den Pensionskassen begrüsst. Einzelne Kassen sind jedoch von sich aus schon weitergegangen. Dazu gehört die SBB-Pensionskasse. Für einen 65-jährigen, der 2016 pensioniert wird, setzt die Pensionskasse den Umwandlungssatz auf 5,22 Prozent an. Zurzeit liegt er bei 5,85 Prozent. Die Anpassung hätte Rentenkürzungen von rund 11 Prozent zur Folge. Deshalb schiessen die SBB per Ende 2015 690 Millionen Franken in die Kasse ein.

Weitere Anpassungen geplant

Das starke Aktienjahr und Kursgewinne an den Obligationenmärkten bescherten den schweizerischen Pensionskassen 2014 erfreuliche Renditen und eine befriedigende bis gute Finanzierungssituation. Auch das zeigt die Swisscanto-Umfrage. Die Deckungsgrade der privatrechtlichen Kassen erreichten Ende 2014 113,6 Prozent. Im Vorjahr waren es noch 110,3 Prozent. Den Kassen sei es gelungen, die durch die Finanzkrise 2008 entstandenen Einbussen weitgehend auszugleichen. Für die Experten ist nun klar, dass die gute Situation ausgenützt werden kann, um die internen Berechnungsgrundlagen – dazu gehört der Umwandlungssatz – anzupassen.

Umstrittene Gewinne