Rekordtief für lange Hypotheken

Ungeachtet der hohen Verschuldung können führende Nationen ihre Defizite zu Tiefstzinsen finanzieren. Die international verbreiteten Deflationsängste haben in der Schweiz die Zinsen für langjährige Hypotheken auf ein Rekordtief sinken lassen.

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Rekordtief für lange Hypotheken

Rekordtief für lange Hypotheken

Willi Vogt

Laufen wir in eine Inflation mit steigenden oder in eine Deflation mit sinkenden Preisen und Löhnen? Das ist die grosse Frage, die auf den internationalen Kapitalmärkten seit Monaten heftig diskutiert wird. Derzeit haben offenbar die «Deflationisten» die Oberhand, vor allem in der nach wie vor den Takt angebenden amerikanischen Wirtschaft – aber auch in Europa.

Typische Deflationssymptome sind in den USA das gedämpfte Wirtschaftswachstum trotz tiefstmöglicher Zinsen, der Abbau der privaten Verschuldung, die schleppende Konsumnachfrage sowie der Lohndruck. Dazu kommen Europas Bemühungen zum Abbau der Staatsverschuldung. Das handfeste Ergebnis des deflationären Befunds: Trotz rekordverdächtiger staatlicher Schuldenanhäufung haben die Renditen der Staatspapiere unglaubliche Tiefs erreicht. Zehnjährige Staatsanleihen werfen in den USA unter 3 Prozent Rendite ab, in Deutschland unter 2,5 Prozent, in der Schweiz unter 1,2 Prozent und in Japan, dem Land mit einer seit Jahren diagnostizierten Deflation, unter 1 Prozent. Ungeachtet der mickrigen Renditen werden die staatlichen Schuldtitel stark nachgefragt. Litten die Investoren unter Inflationsängsten, würden sie für die zehnjährige Laufzeit viel höhere Renditen verlangen oder sogar in einen Käuferstreik treten.

Zinskosten fixieren

Im Gefolge der Deflationsängste sind die Hypothekarzinsen in der Schweiz auf ein historisch tiefes Niveau gefallen. Zehnjährige Hypotheken werden im Markt zu Jahreszinsen von 2,7 Prozent und weniger angeboten, fünfjährige zu 2 Prozent und weniger. Das erlaubt, die Zinskosten bei der Finanzierung von Wohneigentum auf lange Jahre auf einem tiefen Niveau zu fixieren. Wer sich jetzt für eine sieben- bis zehnjährige Festhypothek entscheidet, hat das Zinssteigerungsrisiko in diesem Zeitraum voll im Griff.

Dabei ist allerdings zu bedenken: In sieben bis zehn Jahren kann dem Kreditnehmer viel Unvorhergesehenes widerfahren: erzwungener Wohnwechsel samt Verkauf der Immobilie, Einkommenseinbusse, Arbeitslosigkeit, Scheidung, Krankheit, Unfall, Tod. Wenn man allenfalls die langfristige Festhypothek kündigen muss, kommt deren Nachteil zutage: Die vorzeitige Auflösung verursacht Kosten. Aus dieser Sicht drängt sich der Weg auf, den immer mehr Wohneigentümer einschlagen: die Hypothekarverschuldung und damit die Zins- und Auflösungskostenrisiken auf verschiedene Laufzeiten diversifizieren. Man wählt aufgrund seiner persönlichen Lage einen Mix aus Kurzfristhypotheken und längerfristigen Festhypotheken.

Schlüsselfrage: Wie profitieren?

Niemand weiss, wie sich die Zinsen in der nächsten Zeit entwickeln, wann die Notenbanken mit höheren Geldmarktzinsen die Wende einleiten. Deshalb stellt sich allen aktuellen oder potenziellen Wohneigentümern, die demnächst eine Hypothek erwerben oder erneuern, die Schlüsselfrage: Wie kann ich von der einmaligen Tiefzinsphase profitieren?

Wer glaubt, die Deflationsangst behalte die Zinsen einige Zeit im Keller, erwirbt eine kurze Festhypothek von bis zu zwei Jahren und hofft, die lange Tiefzinshypothek seiner Wahl bei deren Verfall immer noch abschliessen zu können. Wer dagegen erwartet, die Notenbanken würden aufgrund von Inflationsbefürchtungen oder andern Erwägungen bald eine Wende einleiten, kann sofort eine lange Festzinshypothek abschliessen und damit das jetzige Niveau auf lange Jahre fixieren. Die Diversifikation auf verschiedene Laufzeiten mindert dabei die Zins- und Auflösungsrisiken. Erst in der Zukunft fällige Festhypotheken oder zu leistende Kaufpreiszahlungen können unter Aufrechnung eines Forwardzuschlags bereits heute fixiert werden.

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