Ärzte-Netzwerke
Pharmaindustrie sponsert munter Ärzte

Ärzte sind oft einem Netzwerk angeschlossen. Verwaltung und Software kosten aber viel Geld. Unterstützung kommt hier von der Pharmaindustrie, die die Ärzte eifrig sponsert.

Sermîn Faki
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Medikamentenflut. key

Medikamentenflut. key

Ärzte, die einem Versorgungsnetz angeschlossen sind, können unabhängiger und patientengerechter entscheiden. Das behaupten die Befürworter der Managed-Care-Vorlage, die am 17.Juni an die Urne kommt, in einem Flugblatt. Dies im Gegensatz zu heute, wo Ärzte zum Teil direkt bei den Krankenversicherern angestellt seien.

Dabei vergessen die Befürworter, dass die Unabhängigkeit der Ärzte auch durch einen anderen Akteur als die Kassen beeinträchtigt werden kann: durch die Pharmaindustrie. «Die Pharma bestürmt die Netzwerke regelrecht – das ist natürlich bequemer, als jeden Arzt einzeln bearbeiten zu müssen», sagt ein Brancheninsider.

Draufzahlen ohne Sponsoren

Tatsächlich wird fast jedes bereits bestehende Ärzte-Netzwerk von Pharmaunternehmen gesponsert. Immerhin passiert das in Ansätzen transparent. Die meisten Netzwerke weisen auf ihrer Website aus, von wem sie unterstützt werden. Auf der Website des Berner Netzwerkes Mednet Bern heisst es etwa: «Der Aufbau und Betrieb eines derartigen Netzwerkes ist sehr aufwändig. Er wäre im Moment ohne die ideelle und finanzielle Unterstützung durch unsere Sponsoren nicht möglich. Wir möchten ihnen an dieser Stelle herzlich danken.» Darunter finden sich die Logos von Sandoz, Mepha, Novartis, Lundbeck, Spirig und weiterer Firmen.

«Ohne die Unterstützung der Pharmaunternehmen müssten wir Ärzte jedes Jahr draufzahlen», sagt Amato Giani, Hausarzt und Verwaltungsratspräsident von Mednet Bern. Netzwerkarbeit sei mit Unkosten verbunden. So müsse man die Verwaltung und das Aushandeln der Verträge mit den Krankenkassen aus Kapazitätsgründen an eine Betriebsgesellschaft übergeben: Das kostet im Fall von Mednet Bern 60000 Franken im Jahr.

Kostenübernahme für Referate

Auch das Qualitätsmanagement – etwa die Erarbeitung von Richtlinien für die Therapie bestimmter Krankheiten – koste viel, so Giani. Mednet Bern sei dabei, die Praxen auf elektronische Patientendossiers umzustellen. «Die Behandlungsqualität wird dadurch besser», so Giani. Internationale Studien würden dies einwandfrei beweisen. Allein die dafür nötige Software für wenige Praxen habe 20000 Franken gekostet. Das Netzwerk habe davon 7000 Franken übernommen, eine Pharma-Firma weitere 8000. So habe man den finanziellen Aufwand für den einzelnen Arzt auf ein vertretbares Niveau senken können.

Pharmaunternehmen zahlen jedoch auch anderes, etwa die Erstellung von Websites. Sie übernehmen manchmal auch die Raummiete und die Verpflegungskosten für Treffen der Netzwerkärzte, die sogenannten Qualitätszirkel. Der Aargauer Hausärzteverein Bremgarten beispielsweise lädt je nach Thema des Treffens eine geeignete Pharmafirma ein, deren Vertreter dann auch seine Produkte präsentieren darf. Im Gegenzug beteiligt sich das Unternehmen an den Kosten für das Treffen. Wie Andreas Weisshaar, Präsident des Netzwerks, sagt, liegen die Kosten für ein Treffen bei etwa 5000 Franken, die die Ärzte aus eigener Tasche zahlten. «Wenn sich die Kosten durch Sponsoring verringern lassen, ist das natürlich angenehm.» Bereichern würden sich seine Kollegen und er daran jedoch nicht.

Dass sich die Ärzte durch das Sponsoring beeinflussen liessen und mehr Medikamente der Sponsoren verschreiben würden, glaubt Weisshaar ebenso wenig wie sein Berner Kollege Giani. Auch Felix Huber, Managed-Care-Pionier und Gründer des ersten Schweizer Ärztenetzes Medix, sagt: «Das Sponsoring hat kaum Einfluss auf die Verschreibungen. Netzwerke können ihren Ärzten nämlich nichts vorschreiben.» Medix allerdings lässt sich nicht sponsern. «Wir wollen zeigen, dass wir komplett unabhängig sind von der Pharmaindustrie», so Huber.

«Sponsoring ist verheerend»

Andere sind da skeptischer. So sagt Christian Jordi von der politisch links stehenden Vereinigung unabhängiger Ärzte: «Das Sponsoring von Netzwerken wirkt sich gleich verheerend aus wie das Sponsoring von Weiterbildungen oder die kleinen Geschenke für die einzelnen Ärzte: Schaffung von Abhängigkeiten, auch wenn man es sich nicht eingestehen will.» Der Pharmariese Novartis und seine Tochter Sandoz unterstreichen, dass sie nur Projekte unterstützen, welche direkten Patientennutzen haben. «Die Unterstützungen haben keinen Einfluss auf Verschreibungen, denn dies würde gegen das Heilmittelgesetz sowie interne Richtlinien verstossen», teilt die Presseabteilung mit.

Die Schweizerische Akademie der medizinischen Wissenschaften (SAMW) hat gemeinsam mit der Standesorganisation der Ärzte, FMH, Richtlinien für die Zusammenarbeit von Ärzten und Industrie erlassen. Das Sponsoring von Netzwerken ist nicht explizit erfasst. Laut SAMW-Generalsekretär Hermann Amstad waren diese damals noch kein Thema. Seiner Meinung nach ist wichtig, dass sich ein Netzwerk nicht allein von einem Unternehmen unterstützen lässt. Was das bezahlte Essen bei den Qualitätszirkeln angeht, sagt er: «Das ist sicher nicht im Sinn der Richtlinien.»

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