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«Welcher Teufel hat Swiss-Ski geritten?»: Heimische Drucker kritisieren Skiverband für Autogrammkarten aus dem Ausland

Wenn die Schweizer Ski-Stars Wendy Holdener, Lara Gut oder Marco Odermatt Autogrammkarten verteilen, stammen diese neuerdings aus dem Ausland. Das sorgt beim hiesigen Druckerverband für Ärger. Die Kritik ist symptomatisch für die Talfahrt der Branche.

Benjamin Weinmann 4 Kommentare
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Von Zenhäusern bis Nufer: Künftig werden die Autogrammkarten der Swiss-Ski-Stars im Ausland gedruckt.

Von Zenhäusern bis Nufer: Künftig werden die Autogrammkarten der Swiss-Ski-Stars im Ausland gedruckt.

zvg

Sie fahren wieder: Die Schweizer Ski-Asse wie Wendy Holdener, Lara Gut oder Marco Odermatt sind in die neue Weltcup-Saison gestartet und kämpfen auch diesen Winter um Podestplätze und Weltcup-Punkte. Stets im Gepäck sind ihre Autogrammkarten für die Fans. Doch diese sorgen nun für Ärger.

Denn Ende September hat der Verband Swiss Ski das grösste deutsche Online-Druckunternehmen Flyeralarm neu zum offiziellen Partner erkoren. Zum Vertrag, der bis zur Saison 2023/24 abgeschlossen wurde, gehören nebst den Autogrammkarten auch Plakate und andere Print-Produkte.

«Swiss-Ski richtet volkswirtschaftlichen Schaden an»

Dieser Deal passt der hiesigen grafischen Industrie gar nicht. Thomas Gsponer, Direktor von Viscom, dem Verband der Druckerindustrie, ist deshalb aktiv geworden und hat sich mit einem Brief Ende September vor dem Saisonstart an Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann gewandt. CH Media liegt das Schreiben vor (siehe Ausriss unten). «Welcher Teufel hat Swiss-Ski geritten?» fragt Gsponer darin rhetorisch. Offensichtlich bewege sich der Verband schon vor Saisonstart «hors Piste».

Ausriss des Viscom-Briefs an die Adresse von Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann.

Ausriss des Viscom-Briefs an die Adresse von Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann.

Gsponer bestätigt das Schreiben - und doppelt nach: «Swiss Ski richtet damit volkswirtschaftlichen Schaden an.» Denn in der Schweiz gäbe es zahlreiche Druckunternehmen und Medienhäuser, die diesen Auftrag genauso gut ausüben könnten. «Gerade von einem Verband wie Swiss-Ski, der in den Genuss von Bundesgeldern kommt und sich für seine Nachwuchsförderung lobt, dürfte man mehr Fingerspitzengefühl erwarten», sagt Gsponer. «Denn auch in unserer Branche spielt die Nachwuchsförderung eine genauso wichtige Rolle - und die ist nur mit genügend Aufträgen möglich.»

Viscom-Chef Thomas Gsponer.

Viscom-Chef Thomas Gsponer.

Viscom

Aussprache mit Urs Lehmann gefordert

Gsponer hat Lehmann zu einer Aussprache bei der nächsten Viscom-Vorstandssitzung Anfang Dezember eingeladen, um mit ihm über die Vorzüge des Druckstandorts Schweiz zu sprechen - und die Tatsache, dass die grafische Industrie mit über 1700 Lehrverhältnissen eine wichtige Ausbildnerin sei.

Urs Lehmann, Abfahrtsweltmeister von 1993 und Präsident von Swiss-Ski.

Urs Lehmann, Abfahrtsweltmeister von 1993 und Präsident von Swiss-Ski.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Tatsächlich ist der Auftragsverlust und die Kritik daran symptomatisch für den Niedergang der hiesigen grafischen Industrie in den vergangenen Jahren. Dies zeigen neuste Branchenzahlen. Vor zehn Jahren gab es 2700 Firmen mit knapp 27'000 Angestellten. Heute sind es noch 1300 Firmen und gerade mal 11'000 Angestellte (siehe Grafik unten). «Der Abbau - und Konzentrationsprozess in den vergangenen Jahren war brutal», sagt Gsponer.

1000 Druckbetrieben drohen zu verschwinden

Der Viscom-Direktor, der kommenden Sommer nach 15 Jahren an der Verbandsspitze abtritt, nennt zwei Haupttreiber für diese Negativentwicklung: Die ausländische, oft günstigere Konkurrenz und der allgemeine Trend zur Digitalisierung. Dabei gehe oft die hohe Qualität der heimischen Betriebe vergessen, sagt Gsponer. «Weil es preislich schwer ist, mit dem Ausland mitzuhalten, investieren hier viele Betriebe in moderne, effiziente Druckmaschinen.» Die teure Effizienz habe allerdings wiederum zur Folge, dass sie den Preiskampf weiter anheizt - und das bei sinkender Nachfrage.

Der Abbau sei noch bei weitem nicht vorbei, glaubt Gsponer. Langfristig rechne er mit 300 bis 400 Betrieben. Das heisst, dass rund 1000 Firmen verschwinden dürften, darunter viele Kleinbetriebe. «Leider hatte der Bund bisher kein Gehör, um die Branchenmitglieder bei diesem Strukturwandel zu unterstützen, während er Millionen in den Tourismus oder die IT-Branche investiert.» Tatsächlich waren gleich mehrere politische Vorstösse dazu in den vergangenen zwei Jahren erfolglos.

Auch Schweizer Briefmarken stammen aus dem Ausland

Umso störender seien Auslagerungen wie jene von Swiss-Ski, sagt Gsponer. Es gäbe immer wieder Fälle, in denen man als Verband interveniere. Die Schweizer Telefonbücher würden schon seit einigen Jahren im Ausland produziert, genauso wie die meisten Reise-Kataloge, manche Briefmarken der Post und auch viele Werbebroschüren von Migros, Coop und Co. Als Erfolg wertet Gsponer den Branchen-Slogan «printed in Switzerland», der von manchen Firmen auf ihren Druckmaterialien erwähnt wird, als Bekenntnis zum Standort Schweiz.

Swiss-Ski-Sponsoring-Chefin Annalisa Gerber.

Swiss-Ski-Sponsoring-Chefin Annalisa Gerber.

Screenshot: www.swiss-ski.ch

Annalisa Gerber, Sponsoring-Leiterin bei Swiss-Ski, sagt auf Anfrage, dass Flyeralarm mit einem Gesamtpaket überzeugt habe. Dabei übernehme die Schweizer Tochtergesellschaft einerseits den Druck von Werbematerialien, verpflichte sich aber auch als Sponsor bei Schweizer Weltcup-Events wie zum Beispiel in Engelberg oder Veysonnaz, die von Swiss-Ski vermarktet werden. Insgesamt erhalte der Verband dadurch einen mittleren, sechsstelligen Betrag.

Aus für SBB- und Swiss-Magazine

Die Kritik von Viscom nimmt sie zur Kenntnis. «Auch wir müssen schauen, dass wir gut wirtschaften können, um unser sportliches Leistungsniveau zu halten oder zu verbessern», sagt Gerber. Wie viel günstiger das Angebot aus Deutschland war, sagt sie nicht. «Zudem arbeiten wir weiterhin mit einer Schweizer Druckerei zusammen für gewisse Materialien.» Unbeantwortet bleibt die Frage, ob Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann das Gesprächsangebot von Thomas Gsponer annehmen wird.

Immerhin: Zwei Problemfälle aus Viscom-Sicht, die ebenfalls im Ausland gedruckt wurden, haben sich von selbst gelöst. Das Bordmagazin der Swiss wird wegen der Pandemie nicht mehr hergestellt. Und das Pendlerheft Via der SBB wird per März eingestampft, wie die Bundesbahnen kürzlich bekanntgaben.

Papiermangel: Branche erwartet 2022 Preisschub

Der weltweite Papiermangel bringt auch die grafischen Betriebe in der Schweiz unter Druck. Eine solche Situation hat es noch nie gegeben, sagt Viscom-Direktor Thomas Gsponer. Die Papierpreise, die dieses Jahr schon um rund 20 Prozent gestiegen seien, dürften auch kommendes Jahr nochmals 20 Prozent zulegen. «Denn der Zellstoff, an dem es weltweit fehlt, ist nach wie vor Mangelware und zusätzlich zum Spekulationsobjekt an den Börsen geworden.» Grund für die schwierige Situation ist die Pandemie. Sie hat dazu geführt, dass die Produktion von grafischem Papier zurückgefahren wurde zugunsten von Verpackungen  für den boomenden Onlinehandel und Hygienepapier, wie es für Damenbinden zum Einsatz kommt. Hinzu kommen die globalen Transportprobleme, welche die Zufuhr von Zellstoff in die Papierfabriken störten. Und zuletzt treibt auch die Verknappung von Altpapier den Preis für grafische Papiere, weil weniger Zeitungen gedruckt wurden, wie der Chef der Schweizer Papierfabrik Perlen Klemens Gottstein kürzlich gegenüber CH Media sagte(bwe)

4 Kommentare
Daniel Cortellini

…sehe ich anders. Unser Land, unsere Preiskraft werden systematisch ausgehöhlt, getrieben vom Wunsch nach Verdienstoptimierung. Gerne den Schweizer Lohn aber bitte die EU-Preise…. Wenn jetzt ausgerechnet eine Organisation von der Strahlkraft wie Swiss Ski einknickt, von wem wollten wir dann überhaupt noch Solidarität erwarten dürfen? 

Christian Müller

Wo wohl die Kleider der Skifahrenden hergstellt werden? Oder die Autos, die sie fahren. Oder was kommt als nächstes? Skirennen im Ausland???? Lächerliche Diskussion, nur weil die Druckerindustrie noch eine Lobby hat...

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