Es handelt sich um eine lukrative Beute. Als attraktiver Fang lockt ein Unternehmen mit knapp 7 Milliarden Dollar Umsatz und weltweit über 20'000 Mitarbeitern. Die Rede ist von der Augenheilmittel-Sparte Alcon, die derzeit noch zum Pharmakonzern Novartis gehört. Die Basler gaben vor drei Wochen bekannt, Alcon abzuspalten und als eigenständiges Unternehmen an die Börse zu bringen. Alcon wäre so gross, dass sich das Unternehmen in den erlauchten Kreis der 20 grössten börsenkotierten Schweizer Unternehmen einreihen dürfte.

Der Hauptsitz des Unternehmens soll sich in der Schweiz befinden. In welchem Kanton dies sein wird, dazu hält sich Novartis bedeckt. Diese Details würden noch geklärt, sagt ein Sprecher. Man werde zu gegebener Zeit informieren. Bis die Abspaltung vollzogen wird, dauert es voraussichtlich noch knapp ein Jahr. In der ersten Hälfte 2019 soll es so weit sein.

Für jenen Kanton, der als Standort des Hauptsitzes auserkoren wird, winkt also ein potentes Unternehmen, das als Steuerzahler und Arbeitgeber überall gern gesehen würde. Derzeit ist Alcon an vier Standorten in der Schweiz tätig: Freiburg, Genf, Schaffhausen und Rotkreuz ZG. Da das Unternehmen hier also schon präsent ist, dürfen sich die vier Kantone realistische Chancen ausrechnen.

Von den vier Kantonen geht allerdings nur Schaffhausen in die Offensive: «Wir sind überzeugt, dass der Kanton Schaffhausen auch für das Alcon Spin-off sowie dessen möglichen Hauptsitz gute Voraussetzungen bietet», sagt Christoph Schärrer, Delegierter für Wirtschaftsförderung des Kantons. Dies zeige die Tatsache, dass verschiedene global tätige Medizinaltechnikfirmen in Schaffhausen ihren Hauptsitz hätten sowie Produktions- und Entwicklungseinheiten betreiben würden.

Die anderen drei Kantone betonen vor allem, dass man mit Alcon einen regelmässigen und offenen Austausch pflege, wie dies auch mit anderen Firmen geschehe. Der Schaffhauser Wirtschaftsförderer legt ebenfalls Wert auf diese Aussage.

Genf und Freiburg im Vorteil

Die Wahl des Hauptsitzes sei eine Frage, die im Raum stehe, sagt Christoph Aebischer, Sprecher der Wirtschaftsförderung des Kantons Freiburg. Vordringlich sei das Thema derzeit allerdings noch nicht. Auch die Behörden in Genf halten sich bedeckt. Man pflege gute Beziehungen zum betreffenden Unternehmen und tausche sich regelmässig aus, sagt ein Sprecher. Über die Errichtung eines Hauptsitzes im Kanton Genf sei bisher jedoch nicht diskutiert worden. Dies sei frühestens für das nächste Jahr vorgesehen. Das Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zug will sich gar nicht zum Thema äussern.

Aus rein operativer Sicht dürften Genf und Freiburg gute Chancen haben. Mit 300 Mitarbeitern ist Freiburg der grösste Schweizer Standort von Alcon. Dort sind strategische Funktionen für die Regionen Europa, Naher Osten und Afrika angesiedelt. Die Stadt ist vor allem aus dem Raum Bern gut zu erreichen, aber auch einigermassen rasch von der Genferseeregion. In Genf selber arbeiten rund 80 Mitarbeiter in unmittelbarer Nähe zum Flughafen. Hier befindet sich der Hauptsitz für die erwähnten Weltregionen, die wie bei vielen anderen Firmen zu einer Einheit zusammengefasst werden.

In Rotkreuz teilen sich derzeit alle drei Novartis-Einheiten – Pharma, die Generika- Tochter Sandoz und Alcon – die Räumlichkeiten. Im Gebäude selber habe es dort keinen Platz, um den Hauptsitz von Alcon einzurichten, sagt ein Kenner der dortigen Verhältnisse. Allenfalls könnte Alcon aber auf dem Areal selber oder an einem anderen Ort im Kanton Zug fündig werden. Mit grosser Sicherheit ein neues Gebäude müsste vermutlich Alcon in Schaffhausen suchen. Denn die dort 170 beschäftigten Mitarbeiter arbeiten in der Produktion.

Wie viele Angestellte am künftigen Hauptsitz von Alcon arbeiten, ist noch unklar. Gewisse administrative Funktionen wie Finanzen, Personal oder Investorenpflege müssen aber neu aufgebaut werden, da dies bislang von der Novartis-Zentrale erledigt werden.

Steuersätze nähern sich an

Natürlich wird auch die Frage der Steuern eine wichtige Rolle spielen. Liegen die Steuersätze für Unternehmen in den vier Kantonen heute noch weit auseinander, werden sie sich im Falle eines Jas zur Steuervorlage 17 deutlich annähern. Zumindest sehen dies die Szenarien der Kantone vor, die der Bund im Zusammenhang mit dem politischen Geschäft zusammengetragen hat. Ein Kandidat wäre somit auch Basel-Stadt. Der Kanton wird – kommt er mit seinem Vorhaben durch – im Vergleich zu heute dem Kanton Zug deutlich näher kommen. Konkret plan Zug mit einem Maximalsteuersatz von 12,09 Prozent, Basel-Stadt mit 13,04 Prozent. Und: Der Stadtkanton ist bereits Haupt- sitz des gesamten Novartis-Konzerns.

Der Basler Volkswirtschaftsdirektor Christoph Brutschin will sich nicht dazu äussern, ob Gespräche mit Novartis stattfinden. «Es wäre aber auch unüblich, wenn wir angesichts der Tatsache aktiv würden, dass Alcon in vier anderen Kantonen präsent ist, nicht aber in Basel-Stadt», sagt er ergänzend und nimmt sich damit aus dem Rennen.

Wie hoch die Steuereinnahmen von Alcon dereinst ausfallen werden, lässt sich noch nicht abschätzen. Stefan Kuhn, Leiter Unternehmenssteuern von KPMG, will sich nicht zum konkreten Fall äussern. Generell lasse sich aber sagen, dass für Standortkantone im Fall von forschungsintensiven Firmen insbesondere die Verwertung von Patenten steuerlich interessant sei. Abhängig von der Zahl und der Bedeutung der Patente können daraus Lizenzeinnahmen generiert werden, die in der Schweiz zu versteuern sind. Mit Blick auf die Reform der Unternehmenssteuern in der Schweiz werde mittels der Patentbox zudem der Anreiz für Konzerne geschaffen, zumindest Teile der Forschung und Entwicklung hier anzusiedeln.