Interview

Neuer Direktor des Bauernverbands über Selbstversorgung und fehlende Erntehelfer: «Wir sind stark gefordert»

Martin Rufer, neuer Direktor des Schweizer Bauernverbandes und FDP-Kantonsrat in Solothurn.

Martin Rufer, neuer Direktor des Schweizer Bauernverbandes und FDP-Kantonsrat in Solothurn.

Martin Rufer hat sein neues Amt als Direktor des Schweizer Bauernverbandes mitten in der Coronakrise angetreten. Im Gespräch äussert sich der Solothurner über mangelnde Erntehelfer, neue Vertriebskanäle der Bauern und die Grundsatzfrage des Selbstversorgungsgrades.

Seit Anfang April kümmern Sie sich um die Anliegen von 50'000 Bauernfamilien. Klingelt Ihr Telefon jetzt ständig?

Martin Rufer: Es klingelt schon sehr viel, aber nicht erst seit Anfang April. Ich leite die fünfköpfige Task-Force, die sich mit Themen im Zusammenhang mit dem Coronavirus beschäftigt. Dort sind wir natürlich stark gefordert, versuchen Fragen der Bauern zu klären und Unterstützung zu bieten.

Was beschäftigt die Bauern momentan am meisten?

Es kommen verschiedenste Fragen, etwa von Betrieben, die von den Verboten betroffen sind. Aber auch Fragen wie: was geschieht mit meinem Hof, wenn ich ein Aufgebot für die Armee bekomme? Welche versicherungstechnischen Fragen muss ich klären, wenn ich neue Erntehelfer einstelle? Arbeitsrechtliche Fragen sind ein grosses Thema: In ein paar Wochen werden wir sehen, wie viele osteuropäische Saisonniers tatsächlich noch in die Schweiz kommen und wie gross der Mangel sein wird. Hier können die zahlreichen inländischen Arbeitskräfte, die jetzt in der Kurzarbeit sind, etwas Abhilfe schaffen.

Werden manche Bauern wegen der Coronakrise Einbussen haben?

Einzelne Branchen haben Einbussen. Zum Beispiel Wein- oder Rind- und Kalbfleischproduzenten, die vor allem die Gastronomie beliefern. Ihr Absatz ist jetzt teilweise zusammengebrochen. Mühe haben auch Produzenten, die ihre Ware primär an Wochenmärkten verkaufen. Die Marktversorgung ist deshalb auch ein Thema, das die Bauern beschäftigt. Durch die Coronakrise hat es eine grössere Verschiebung in den Verkaufskanälen gegeben.

Es scheint paradox. Einerseits fürchten sich die Leute vor Versorgungsengpässen und machen Hamsterkäufe. Andererseits bleiben Bauern auf ihrer Ware sitzen.

Die Verkaufskanäle schnell umzuschalten, ist nicht ganz einfach. Die Bauern müssen neue Wege finden, sie können einen Hofladen eröffnen oder alternative Lieferkanäle aufbauen. Doch grundsätzlich verschieben sich die ganzen Warenströme jetzt in Richtung Detailhandel. In diesen Kanal reinzukommen, ist nicht ganz einfach. Wir versuchen alles, damit keine Produkte verderben und die Versorgung sichergestellt ist.

Die Frage nach der Versorgung wird fast täglich gestellt. Zu Recht?

Sie bringt zum Ausdruck, dass die Versorgungssicherheit ein sehr emotionales Thema ist. Essen ist ein Grundbedürfnis und die Landwirtschaft setzt alles daran, dass es abgedeckt ist. Aktuell ist die Versorgung gewährleistet, auch dank der Pflichtlager. Das ist ein gutes System. Wenn jedoch viele Erntehelfer und Mitarbeiter in der Lebensmittelverarbeitung ausfallen würden, könnten Engpässe ein Thema werden.

Könnte die Selbstversorgung jetzt an Bedeutung gewinnen? Dazu findet ja gerade eine politische Grundsatzdiskussion statt. Der Bund will den Selbstversorgungsgrad ab 2022 senken.

Die Coronakrise zeigt auf, dass kurze, nicht globalisierte Wertschöpfungsketten durchaus ihre Vorteile haben. Die regionale Produktion mit kürzeren Wegen ist zuverlässiger und robuster, die globalisierte anfälliger. Das gilt auch im Nahrungsmittelbereich. In der agrarpolitischen Diskussion werden wir dieses Thema sicher vertieft anschauen. Ein gewisser Grad an Selbstversorgung ist wichtig.

Wie hoch sollte er Ihrer Meinung nach denn sein?

Bisher hatten wir einen Selbstversorgungsgrad von knapp 60 Prozent. Unser Ziel ist, dieses Niveau zu halten. Geht es nach dem Bundesrat, soll der Selbstversorgungsgrad mit der neuen Agrarpolitik auf 52 Prozent sinken. Das ist für uns nicht akzeptabel.

In Krisenzeiten macht eine hohe Selbstversorgung sicher Sinn. Gleichzeitig schützen die heutigen Zölle aber auch die konventionelle Landwirtschaft.

Wir haben keinen abgeschotteten Markt. Aber wir brauchen einen gewissen Grenzschutz, um ein angemessenes Preisniveau halten zu können. Im Ausland werden viele Produkte nicht kostendeckend hergestellt und zu Dumpingpreisen auf den internationalen Märkten verscherbelt. Wichtig ist, dass neben Zöllen künftig bei Importen auch Qualitätsstandards und Nachhaltigkeitskriterien eine Bedeutung gewinnen. In diesem Bereich haben wir bisher Defizite. Die Landwirte in der Schweiz sind bereit, mehr Bio-Produkte herzustellen. Eine Herausforderung ist aber, dass die Nachfrage nach ökologisch hergestellten Produkten dem Angebot nach wie vor hinterherhinkt.

Was eigentlich erstaunt. Das Thema Nachhaltigkeit lässt sich nicht mehr als temporärer Trend abtun. Das zeigt der Wahlerfolg der Grünen. Wird es in dieser Legislatur eine engere Agrar-Allianz zwischen Grünen und Bauern geben?

Wir haben keine Berührungsängste und arbeiten grundsätzlich mit allen Parteien und Organisationen zusammen. Auch in Zukunft werden wir dort kooperieren, wo wir gleiche Ziele haben. Mit den Grünen hatten wir auch in der Vergangenheit gute Allianzen, etwa im Bereich Gentechnologie. Bauern haben naturgemäss ein grosses Interesse an Klimaschutz, da sie von Wetterextremen selbst stark betroffen sind. Auf der anderen Seite beschäftigen uns auch wirtschaftliche Themen, weshalb wir auch mit Wirtschaftsverbänden zusammenarbeiten. Kurz und gut: Hinsichtlich der Allianzen gibt es eigentlich keine grossen Veränderungen, wir werden punktuell auf unsere Partner zugehen.

Das Interesse der Bauern am Klimaschutz ist sicherlich da. Aber tun sie auch selber genug und leisten einen eigenen Beitrag?

Der Klimawandel fordert die Landwirte gleich doppelt heraus: Einerseits müssen sie den Ausstoss an schädlichen Gasen verringern, andererseits selber auf zunehmende Wetterextreme wie Spätfrost oder extreme Trockenheit reagieren. Wir haben deshalb ein grosses Interesse daran, im Klimaschutz schnell voranzukommen. Einen eigenen Beitrag zu leisten, ist jedoch eine Herausforderung, auch deshalb, weil sich unsere Bemühungen nicht so leicht quantifizieren lassen. In der Landwirtschaft laufen relativ komplexe biologische Prozesse ab. Ein Haus zu isolieren und die Reduktion der ausgestossenen Treibhausgase zu messen, ist einfacher.

Wie möchten Sie dem Bauernverband grundsätzlich Ihren Stempel aufdrücken? In der Öffentlichkeit dominierte schliesslich lange die Stimme des Verbandspräsidenten Markus Ritter.

Mein Hauptziel ist, dass wir auf den Agrar- und Lebensmittelmärkten eine gute Wertschöpfung erzielen. Die Zukunft der Landwirtschaft liegt in den Schweizer Märkten, dort müssen wir uns verbessern. Das erreichen wir, indem wir eine gewisse Produktion im Inland beibehalten, qualitative Produkte herstellen und uns ökologischer Anliegen annehmen. Auf diese Weise werden wir auch die Schweizer Konsumenten überzeugen können. Für gewisse Produkte wie Käse ist aber natürlich auch der Export wichtig.

Das damit verbundene Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten ist momentan in den Hintergrund geraten. Welche Entwicklung erwarten Sie dort?

Es kann sein, dass das Abkommen rasch wieder aufs Tapet kommen wird, vermutlich noch im laufenden Jahr. Es gibt gewisse Verzögerungen, weil in Argentinien die Regierung gewechselt hat. Wir haben selbst noch keine Stellung bezogen und schauen zunächst das Abkommen im Detail an. Zwei Punkte werden dominieren: Menge und Qualität. Sprich, wie viel und zu welchen Standards die Produkte in die Schweiz importiert werden dürfen.

Ein Thema, das Sie nach der Coronakrise ebenfalls beschäftigen wird, sind die zwei Initiativen zum Einsatz von Pestiziden. Der Bauernverband ist dagegen und wird kritisiert, das Problem auf die lange Bank schieben zu wollen.

Die Initiativen sind aus meiner Sicht nicht zielführend, sie würden vor allem zu einer Reduktion der Produktion im Inland führen. Die Ansprüche der Gesellschaft sind aber hoch und wir nehmen die Themen der Initiativen sehr ernst. Beispielsweise hat der Bundesrat schon 2017 den Aktionsplan Pflanzenschutz ins Leben gerufen. Wir können aufzeigen, dass wir den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wo immer möglich reduzieren.

Dass die Initiativen zu einer Reduktion der Inlandproduktion führen würden, wird von Anhängern der Initiativen in Frage gestellt.

Eine Studie des landwirtschaftlichen Forschungszentrums Agroscop besagt, dass der Selbstversorgungsgrad durch die Initiativen um bis zu 20 Prozent sinken würde. Bauern dürften praktisch kein Futter mehr zukaufen. In der Produktion wären sie so sehr stark eingeschränkt, allen voran in der Schweine- und Pouletmast oder in der Eierproduktion. Damit würde die Lebensmittelproduktion einfach ins Ausland verlagert, wo häufig viel tiefere Produktionsstandards gelten. Das kann kaum das Ziel sein.

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