Wirtschaft

Negativzinsen: Wer ist schuld daran?

Muss sich ständig verteidigen: Die Nationalbank habe den Negativzins ja nicht eingeführt, um den Menschen zu schaden

Muss sich ständig verteidigen: Die Nationalbank habe den Negativzins ja nicht eingeführt, um den Menschen zu schaden

Eine neue Analyse zeigt, dass die demografische Alterung bisher wenig bekannte Folgen hat.

Dem Megatrend der demografischen Alterung fehlte immer etwas vom Glamour, der technologischen Trends anhaftet. Digitalisierung etwa klingt nach Disruption, Revolution und neuer Welt. Die Alterung wirkt hingegen langsam und vorhersehbar. Sie klingt langweilig und wird gern unterschätzt. Es gibt Technologie-Evangelisten, aber keine Demografie-Prediger.

Doch zeigt die demografische Alterung mittlerweile ihre Macht. Am Montag warnte Valentin Vogt, Präsident des Arbeitgeberverbands, in dieser Zeitung vor einem «unabwendbaren Zerfall der beruflichen Vorsorge». Im gleichen Interview erinnert Vogt an eine weitere Folge der Alterung: den drohenden Mangel an Fachkräften. Laut Vogt werden der Schweiz in zehn Jahren ungefähr 700'000 Arbeitskräfte fehlen.

Die globale Alterung führt zu einer Sparschwemme

Zerfall der beruflichen Vorsorge und zu wenig Arbeitskräfte, um den aktuellen Wohlstand aufrechtzuerhalten – das dürfte an sich genügen um die Demografie ernst zu nehmen. Doch solche Szenarien geben den Einfluss der Demografie noch lange nicht angemessen wieder. So wirkt die Alterung beispielsweise auf die Finanzmärkte. Laut einer Analyse des emeritierten Basler Wirtschaftsprofessors Peter Kugler ist die Alterung der wichtigste Grund dafür, dass die Zinsen heute derart tief sind.

Negativzinsen verunsichern und verärgern weite Teile der Bevölkerung. Sie gelten einigen Ökonomen als Enteignung oder als Verstoss gegen die wirtschaftliche Logik. Sie müssen regelmässig verteidigt werden von der Nationalbank. Ihr Präsidenten Thomas Jordan muss gar beteuern, man habe den Negativzins ja nicht eingeführt, um den Leuten zu schaden.

Für eben diese Negativzinsen ist laut Kugler die oft unterschätzte Alterung die wichtigste Erklärung. Die Kausalkette von demografischer Alterung zu negativen Zinsen verläuft über die Ersparnisse.

In der Bevölkerung, und zwar weltweit, ist der Anteil jener Altersgruppe gestiegen, die tendenziell am meisten spart. Das sind die Menschen im Alter von 40 bis 64 Jahren. Mit ihrem Bedeutungsgewinn ist global das Angebot an Ersparnissen gestiegen. US-Ökonomen sprechen gar von einer Schwemme. Kugler: «Dieses Überangebot an Ersparnissen hat den Realzins stark gesenkt.»

Das Ausmass dieses Absinkens sei historisch einzigartig, schreibt Kugler in einem Essay für das Magazin «Die Volkswirtschaft». Sinkende Zinsen an sich sind nichts Neues. Die gesamte Zinsgeschichte von der Antike bis ins 19. Jahrhundert war davon geprägt.

Nur im 20. Jahrhundert kommt es zu einer Abweichung, weil in den Industriestaaten die Teuerung stark anzieht. In der Schweiz etwa übersteigen die Zinsen zeitweise die Marke von 6 Prozent. Doch in den 1990er-Jahren kehrt der alte Trend zu sinkenden Zinsen zurück, mit bisher ungekannter Wucht. Die Zinsen fallen in immer neue Tiefen.

Die Alterung war laut Kugler der mächtigste Treiber, jedoch nicht der einzige. Verstärkt wurde seine Wirkung auch durch die Integration von China in die Weltwirtschaft. Das extrem sparsame Riesenland vergrösserte die globale Schwemme an Ersparnissen zusätzlich. Nach Ausbruch der Finanzkrise kamen die Gegenmassnahmen der Notenbanken hinzu. Dadurch wurden die Zinsen noch etwas tiefer nach unten gedrückt.

Tradition der demografischen Schwarzmalerei

Was die Demografie angeht, sind Ökonomen quasi vorbelastet. Es gibt sozusagen eine Tradition: den Menschen wird Angst eingejagt mit finsteren Vorhersagen. Der Begründer dieser Tradition war der Brite Thomas Malthus. Seiner Theorie nach wird landwirtschaftlicher Fortschritt immerfort zunichte gemacht von Überbevölkerung. Die Menschheit wird darum ständig von Hungersnöten geplagt.

(Damit lag Malthus natürlich daneben. In den 200 Jahren nach Veröffentlichung seiner Theorie wuchs die Weltbevölkerung von 1 Milliarde auf 7 Milliarden. Doch seine Theorie war wohl korrekt für die vorhergehenden 5800 Jahre.)

Zinsen steigen in nächsten Jahrzehnten wieder

Kugler dagegen gehört mit seiner Analyse nicht in diese Tradition. Im Gegenteil, aus seinen Beobachtungen leitet er ab, dass die Zinsen in den nächsten Jahrzehnten wieder ansteigen sollten. Denn der Bedeutungsgewinn der Altersgruppe zwischen 40 und 64 Jahren läuft allmählich aus. In den kommenden Jahrzehnten wird er sich ins Gegenteil verkehren. Der Anteil dieser Bevölkerungsgruppe wird wieder sinken, und dies weltweit.

In der Schweiz sollten durch diesen Effekt die realen Zinsen wieder steigen. Gemäss Schätzungen von Kugler um etwa 1,8 Prozent. «Die heutige Zinssituation wird langfristig nicht bestehen bleiben.»

Die demografische Alterung ist damit jedoch längst nicht am Ende. Es werden lediglich Altersgruppen wichtiger, die weniger Ersparnisse anhäufen, als jene Gruppe von 40 bis 64 Jahren. In der Schweiz wird im Jahr 2040 der Anteil der über 64-Jährigen über ein Viertel der Bevölkerung ausmachen. Die Alterung wird die Schweiz allmählich verwandeln.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1