Nahrungsmittelkonzern
«Nestlé wird 2030 wohl keine Schokolade mehr verkaufen»: Ein Finanzanalyst nimmt Stellung zur neuen Strategie

Diese Nachricht sorgte für Wirbel: Der Food-Riese aus Vevey VD bezeichnet intern einen Grossteil seiner Produkte als ungesund. Ein Experte erwartet grosse Umwälzungen bei Nestlé - die auch die Kultmarke Cailler betreffen könnten.

Benjamin Weinmann
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Noch gehören Schokoladenmarken wie Kitkat oder Cailler zum Nestlé-Sortiment - aber bleibt das so?

Noch gehören Schokoladenmarken wie Kitkat oder Cailler zum Nestlé-Sortiment - aber bleibt das so?

Keystone

Jean-Philippe Bertschy von der Bank Vontobel gilt als einer der fundiertesten Nestlé-Kenner. Der Finanzanalyst verfolgt die Strategie des Nahrungsmittelmultis seit Jahren. Im Interview äussert er sich über die künftige Ausrichtung des Konzerns, der diese Woche mit einer internen Präsentation für medialen Wirbel sorgte.

Nestlé bezeichnet intern 60 Prozent seiner Mainstream-Produkte als ungesund, wie die «Financial Times» berichtet. Überrascht Sie das?

Jean-Philippe Bertschy: Nein, Sie etwa? Denn wir sprechen hier von Produkten wie Kitkat-Schokolade, Nesquik-Pulver oder Smarties. Die Produkte, auf die sich die 60 Prozent beziehen, machen nur die Hälfte des Nestlé-Umsatzes von 97 Milliarden Franken um. Insofern wäre es fairer, man würde von 60 Prozent von 50 Prozent der Nestlé-Produkte sprechen. Dann relativiert sich das Ganze. Denn Tier- und Babynahrung, reiner Kaffee oder Produkte, die mit Vitaminen angereichert sind, sind nicht Teil dieser Analyse.

Jean-Philippe Bertschy ist Analyst bei der Bank Vontobel.

Jean-Philippe Bertschy ist Analyst bei der Bank Vontobel.

zvg

Dennoch: Gegen aussen positioniert sich Nestlé oft und gerne als Gesundheitskonzern. Das passt nicht zum eigentlichen Portfolio, das mit viel Zucker und Salz produziert wird.

Das ist mir zu hart formuliert. Klar, Schokolade und Tiefkühlpizzen sind nicht gesund, das weiss jeder. Und ich glaube, dass Nestlé 2030 keine Schokolade mehr verkaufen wird. Aber das Management des eigenen Portfolios muss mit Vorsicht angegangen werden, so dass alle Stakeholder profitieren.

Das hiesse, dass Cailler oder Kitkat verkauft würden?

Ich persönlich gehe davon aus, ja. Aber zurück zu Ihrer Kritik: Dass diese Produkte bei zu starkem Konsum ungesund sind, ist wohl jedem klar. Zudem hat Nestlé in den letzten Jahren den Anteil von Zucker und Salz in seinen Produkten stark reduziert. Der Konzern investiert massiv in die Forschung und Entwicklung – mehr als die Konkurrenz. Das geht im öffentlichen Diskurs über die Firma oft vergessen. Und noch etwas.

Ja?

Nestlé hat in den letzten drei bis vier Jahren 20 Prozent des Produkt-Portfolios erneuert. Das ist enorm! Denn solche Prozesse benötigen enorm viel Zeit und Energie. Konzernchef Mark Schneider hat zum Beispiel das Süssigkeiten-Geschäft in den USA veräussert, dafür aber die hippe US-Kaffeekette Blue Bottle übernommen, so wie auch zuletzt Kernmarken der US-Firma Bountiful für knapp 6 Milliarden Dollar, dem führenden Anbieter von Vitaminen, Mineralstoffen und Nahrungsergänzungsmitteln. Nestlé ist rasant unterwegs. Dieser Transformationsprozess hat sich signifikant beschleunigt.

Zu Schneiders Strategie gehört auch der Fokus auf pflanzenbasierte Fleisch-Alternativen. Ein guter Schachzug?

Absolut, das ist ein stark wachsender Markt. Doch auch hier muss man ehrlich sein: Bei diesen veganen Burger, Nuggets und Würsten handelt es sich ebenfalls um verarbeitete Produkte, oft mit vielen Aromen oder so genannten «Taste Modulators» angereichert von grossen Duft-Herstellern wie Givaudan in Genf oder IFF aus den USA.

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