Der Vorgang ist wohl einmalig: Die Schlachtpreise für Kühe fielen übers Wochenende stark zusammen. Statt dem empfohlenen Richtwert des Branchenverbands Proviande, der bei Fr. 8.20 liegt, gab es am Montag etwa beim Fleischverarbeiter Bell nur noch 7 Franken. Dieser Preissturz ist für die Bauern brutal.

Am Donnerstag verbreitete sich deshalb ein Aufruf zu einem Bell-Boykott auf sozialen Medien wie Facebook. Man solle in den nächsten Monaten kein Fleisch von Bell kaufen, heisst es in den Postings. Zudem wird ein Lösungsansatz herumgeboten: Wer könne, soll seine Kühe noch zurückhalten, um die anderen zu unterstützen. Damit soll der Markt wieder beruhigt werden.

Für die Coop-Tochter Bell ist die Situation höchst unangenehm. Plötzlich kommen viel mehr Schlachtkühe auf den Markt, als dieser absorbieren kann: «Für die laufende Woche müssen wir mit einem etwa doppelt so hohen Angebot rechnen als üblicherweise in dieser Jahreszeit», sagte Bell-Sprecher Fabian Vetsch dem «Schweizer Bauer».

Das geht so weit, dass Bell auch am Samstag den Schlachtbetrieb aufrechterhalten muss, um die Menge an Kühen zu verarbeiten. «Dies bedeutet einen signifikanten Anstieg der Personalkosten sowie höhere Betriebskosten», schreibt Bell-Sprecherin Sara Heiniger auf Anfrage der «Nordwestschweiz».

Demgegenüber verharre der Absatz auf einem vergleichbaren Niveau. «In der Folge steigen unsere Lagerbestände und die damit verbundenen Kosten stark», sagt Heiniger. Dies sei die Ursache für die tieferen Preise. Die Bell-Sprecherin sagt zudem, dass Bell trotz allem einer der wenigen Schlachtbetriebe sei, der momentan noch alle angebotenen Kühe verarbeite.

Im Gegensatz dazu würden die Betriebe, die 8 Franken pro Kilo zahlen, nur die benötigte Menge an Kühen schlachten und wiesen die restlichen ab.

Hohes Importkontingent

Das plötzliche Überangebot hat viele Faktoren. Die anhaltende Trockenheit führt in einigen Gebieten der Schweiz dazu, dass es praktisch kein frisches Gras mehr als Nahrung für Milchkühe gibt. Deshalb haben die Landwirte nun drei Optionen: Entweder man schlachtet die Tiere früher als geplant, die Landwirte kaufen teures Futter zu oder gehen an die Futterreserven für den Winter.

Die Lösung, welche etliche Bauern nun wählten, ist die frühere Schlachtung. Viele der Kühe wären erst im Herbst oder dann im Frühling geschlachtet worden. Die Kühe werden etwa zu Würsten oder Hamburgern verarbeitet.

Bizarr: Die Branchenorganisation Proviande hat ein Importkontingent von 800 Tonnen Kuhhälften für diesen Monat beantragt. Auch weil man die Situation falsch eingeschätzt hat. Dies drückt weiter auf den Preis. Allerdings wurde davon noch praktisch kein Gebrauch gemacht, sagt Regula Kennel, Mediensprecherin von Proviande.

Beim Entscheid, ob ein so hohes Kontingent beantragt werden sollte, sassen auch die Landwirte mit am Tisch. Dass sich die Situation so schnell verschärfte, hat wohl auch damit zu tun, dass die Landwirte tiefere Preise erwarteten und so noch früher schlachten liessen, um noch rechtzeitig vom höheren Preis zu profitieren.

Die Situation ist vertrackt. Einerseits wollen die Bauern stabile Preise, andererseits geht es ins Geld, wenn sie mit der Schlachtung zuwarten. Deshalb treffen sich nun die Branchenvertreter heute zu einer ausserordentlichen Sitzung. «Dabei geht es darum, dass eine gesamtschweizerische Marktübersicht gemacht wird», sagt Kennel. Ebenfalls sollen mögliche Massnahmen diskutiert werden, wie der Markt wieder beruhigt werden könne.

Möglich wäre, dass etwa Bauern nicht sofort ihre Kühe zur Schlachtung bringen, sondern noch eine Woche oder zwei warten, damit nicht alles auf einmal kommt. «Panikverkäufe überfordern den Markt. Zu hohe Angebote führen zu Preisabstürzen», sagt Kennel. Grundsätzlich sei der Preis für diese Kühe zurzeit recht gut. Aber ein Preiszerfall in so kurzer Zeit sei aussergewöhnlich, sagt Kennel.

Diese Preisentwicklung werde an der morgigen Sitzung sicher zum Thema werden. Also auch die Frage, ob Fleischverarbeiter die Situation ausnützen, um Profit daraus zu schlagen. Genau das wirft der Bauernverband denjenigen Schlachtbetrieben im «Schweizer Bauer» vor, welche die Preise in kurzer Zeit so gesenkt haben.

Bis der Preisabschlag bei den Konsumenten in Form von tieferen Preisen ankommt, könnte es dauern. Sowohl Coop wie auch Migros betonen, dass sie allfällige Preisabschläge weitergeben werden. Konkret sei aber momentan noch nichts.

Aber: «Wir kurbeln als Partner der Landwirtschaft mit zusätzlichen Aktionen den Absatz an», sagt Migros-Sprecher Patrick Stöpper. «Wir appellieren zudem an die Bauern, nicht sofort alle Kühe abzustossen, sodass sich Angebot und Nachfrage stabilisieren», sagt er weiter.