Energiestrategie

Markus Blocher greift Doris Leuthard an: «Bin mit ihr nicht glücklich»

Markus Blocher ist Chef, Präsident und Mehrheitsaktionär von Dottikon.

Markus Blocher ist Chef, Präsident und Mehrheitsaktionär von Dottikon.

Markus Blocher, Sohn von alt Bundesrat Christoph Blocher, ärgert sich über die Energiepolitik des Bundesrates – und kritisiert die federführende Bundesrätin Doris Leuthard direkt. Er kritisiert das generelle Verbot der Atomenergie und befürchtet, dass die Schweiz auf eine Planwirtschaft zusteuert.

Herr Blocher, im Moment wird in der Pharma- und Chemiebranche fleissig übernommen und fusioniert. Wann wird Dottikon ES geschluckt?

Markus Blocher: Bei Dottikon haben wir den Vorteil, dass wir klare Eigentümerverhältnisse haben …

… Sie besitzen knapp 72 Prozent des Unternehmens.

Genau. Ich müsste einverstanden sein. Die Konsolidierung lässt sich als Spätfolge der Globalisierung in vielen Industriezweigen beobachten. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe. Viele Unternehmen haben mit bestehenden Produkten ihre Gewinne dank der Globalisierung gesteigert. Zudem haben sie ihre Grössenvorteile konsequent ausgenutzt. Die Entwicklung von neuen Produkten wurde dabei oft vernachlässigt. Jetzt, wo die Gewinnsteigerung durch globales Wachstum mit alten Produkten ausgereizt ist, versuchen die Unternehmen ihren Marktanteil und damit ihre Monopolprämien zu sichern. Der zweite Treiber ist das billige Geld für die Finanzierung aufgrund der Tiefzinsphase.

Und was heisst das für Dottikon?

Wir verfolgen eine Ein-Standort-Strategie. Von der Entwicklung über die Pilotierung bis zur Produktion befindet sich alles hier in Dottikon. Wir haben unsere eigene Entsorgung und Energieerzeugung sowie unsere eigenen Rohrschlosser und Ingenieure. Sogar die Kantinenköche sind Mitarbeiter der Dottikon. Wir spezialisieren uns darauf, anspruchsvolle Projekte mit anspruchsvoller Chemie in kurzer Zeit für unsere Kunden mit hoher Flexibilität, sicher und zuverlässig zum Ziel zu führen. Wollen Sie dies erfolgreich tun, ist nicht unbedingt die Grösse des Unternehmens entscheidend. Vielmehr benötigen Sie ein starkes Team mit guten Mitarbeitern, die wissen, was sie tun.

Die kritische Grösse ist in Ihrem Fall also nicht entscheidend?

Egal ob Sie übernommen werden oder selbst eine Firma kaufen, es stellt sich immer die Frage, wie Sie sich damit als Firma verbessern können. Da wir aber mit unserer Strategie erfolgreich unterwegs sind, haben wir keinen Grund, uns einem anderen Unternehmen an den Hals zu werfen.

Letztlich ist es eine Preisfrage. Wenn Sie in Ihrem Leben noch etwas anderes machen wollen, könnten Sie jederzeit verkaufen.

Es ist nun einmal nicht alles im Leben käuflich. Mir geht es vor allem um die unternehmerische Umsetzung einer Überzeugung, einer Idee. Durch einen opportunistischen Verkauf rasch viel Geld herauszuziehen, wäre ein Verrat an meinen Mitarbeitern, welche die Vision und Strategie mitgeprägt haben und mit Überzeugung täglich umsetzen. Auch hier möchte ich meine unternehmerische Verantwortung wahrnehmen.

Sie betonen die Bedeutung der Ein-Standort-Strategie. Gibt es irgendeine Entwicklung, die Sie doch dazu bringen könnte, Stellen ins Ausland zu verlagern? Stichwort Rahmenbedingungen ...

Diese sind sicher relevant. Wenn man in der Schweiz produziert, hat man höhere Lohnkosten. Im Gegenzug verfügen wir bislang über gut ausgebildete und pflichtbewusste Mitarbeiter in unserem Einzugsgebiet. Daneben gibt es weitere Rahmenbedingungen wie das Bildungssystem, die Rechtssicherheit, die Steuersituation oder das Arbeitsrecht. Wenn sich diese verschlechtern oder die Regulierungsdichte weiter zunimmt, kommt irgendwann ein Punkt, wo andernorts die Rahmenbedingungen besser sind.

Wie beurteilen Sie die Situation in der Schweiz derzeit?

Wir bewegen uns in diesem Land in eine Richtung, die für uns heikel wird. Ein aktuelles Beispiel ist etwa die soeben angenommene Energiestrategie 2050.

Sie waren also dagegen?

Ja. Ich finde es falsch, wenn der Staat vorschreibt, mit welcher Technologie der Klimawandel bewältigt werden soll. Deshalb bin ich gegen ein generelles Verbot der Atomenergie. Der Staat weiss sicher nicht, was die zukünftigen Technologien sind, welche die Klimaerwärmung dämpfen und gleichzeitig die Energieversorgung sicherstellen können. Das hat uns die Planwirtschaft, auf die wir in der Energiepolitik zusteuern, in der Vergangenheit mehrfach bewiesen. Nun subventionieren wir massiv die Solar- und Windenergie, obwohl es klar ist, dass diese alleine die Atomstromlücke nicht decken können. Dies wird unweigerlich zu höheren Energiekosten und weniger Versorgungssicherheit führen.

Was bedeutet das für Dottikon?

Gegenüber ausländischen Firmen kann uns durch steigende Produktionskosten ein Wettbewerbsnachteil entstehen. Letztlich hat unsere politische Führung schlicht die richtungsweisende Grundlagenarbeit nicht gemacht. Oder kennen Sie die Strategie der Schweiz? Viele verfallen dem süssen Gift der Subventionen, die von Partikularinteressen getrieben sind. Das langfristige Gemeinwohl steht hier schon lange nicht mehr im Vordergrund.

Was meinen Sie damit?

Wenn Sie aus der Atomenergie aussteigen wollen, dann sollten Sie zuerst Schritt für Schritt spezifisch aufzeigen, wie Sie die künftige Energieversorgung sicherstellen, bevor sie entscheiden, die AKWs abzuschalten oder nicht mehr zu ersetzen.

Sie sind also nicht so glücklich mit Ihrer Bundesrätin Doris Leuthard?

Nein, gar nicht. Zwar kann man ohne weiteres ein Elektroauto der Luxusklasse benützen und sich grün geben. Aber wenn das Auto mit billigem Kohlekraft- und Atomstrom aus dem Ausland aufgeladen wird, ist dies vom Wirkungsgrad sehr ineffizient und belastet die Umwelt stärker als ein benzinbetriebener Hybrid-Kleinwagen. Man muss die wahre CO2-Bilanz über den gesamten Lebenszyklus betrachten. Elektroautos sind letztlich Pflästerlipolitik.

Sie scheinen generell ein Problem mit der Politik zu haben.

Die politische Führung sollte das langfristige Wohl aller im Auge haben und Probleme weitsichtig angehen und diese langfristig und nachhaltig lösen. Die Politik wird zu stark durch Lobbyisten von Grossunternehmen oder Subventionsjägern beeinflusst. Wir haben in Bern zu viele Bauern, Juristen und solche, die vom Staat leben anstatt für den Staat. Ein paar Unternehmer hat es zwar auch noch. Aber auch diese sollten besser nicht nur ihre Partikularinteressen vertreten. Was ich vor allem vermisse, ist eine Strategie, wie sich die Schweiz im Vergleich zu unseren Nachbarländern langfristig wirtschaftlich positionieren soll. Daraus müsste dann die politische Agenda abgeleitet werden.

Da wäre konkret Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann gefordert?

Nicht nur er ist gefordert, sondern auch das Parlament.

Aber jemand müsste die Diskussion anstossen?

Zumindest diejenigen, die sich bürgerlich nennen, müssten zusammenkommen und eine Strategie im Konsens finden, für einmal ohne Medienpräsenz. Daraus abgeleitet müsste dann der Gesetzgebungsprozess starten. Schauen Sie sich etwa die Arbeitsrechtsrevision an. Dies wird nicht besser, wenn hier nun rumgewurstelt wird. Die Wirtschaft und die Arbeitnehmer haben sich mit dem jetzigen Gesetz arrangiert. Es ist genügend flexibel und überwiegt die wenigen Nachteile deutlich.

Wie Ihre Schwester Magdalena Martullo, die Chefin der Ems-Chemie, lange auch, haben Sie bisher stets verneint, in die Politik einzusteigen. Hand aufs Herz: Wann ist es so weit?

Die Frage kommt immer wieder. Letztes Mal habe ich gesagt, dass ein politisches Amt zu viel Zeit beansprucht und zu ineffizient ist.

Das hat Ihre Schwester lange Zeit auch gesagt …

Als Unternehmer bin ich gezwungen, mich mit gewissen politischen Themen herumzuschlagen. Aber ich glaube, ich kann hier bei Dottikon weit mehr verändern als in Bern.

Sie haben Ihre Jahreszahlen vorgelegt. Dabei haben Sie den Umsatz um 25 Prozent gesteigert. Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis?

Unsere Branche wächst derzeit rund sieben Prozent. Wir haben also mit unserem Wachstum den Marktanteil aus eigener Kraft ausgebaut. Die Pharmaindustrie lagert die Produktion für kleinmolekulare Wirkstoffe verstärkt aus, weil sie sich auf biotechnologisch hergestellte Medikamente fokussiert. Von dieser Auslagerung profitieren wir. Da wir Marktanteile gewinnen, stimmt unsere Strategie.

Wo können Sie noch besser werden?

Unsere Herausforderung ist es, bei diesem Wachstum rasch genügend viele qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Am liebsten ziehe ich natürlich eigene Angestellte in Führungsfunktionen nach, damit die Firmenkultur nicht allzu sehr verwässert wird. Gleichzeitig wollen wir aber natürlich auch interessante Mitarbeiter von aussen dazugewinnen. Leistungsbereite Leute zu finden, die unsere Werte teilen, ist eine Herausforderung. Wichtig ist dabei die Wahrnehmung von Dottikon, damit die potenziellen Mitarbeitenden, die zu uns passen, uns auch finden und wir diese kennen lernen können.

Sie sind daran, Ihre Produktion auszubauen. Wie weit sind Sie damit?

Eine Anlage zur Wirkstofftrocknung haben wir bereits Ende letzten Jahres in Betrieb genommen, jetzt bauen wir eine zweite aus. Dafür investieren wir zusammen rund 25 Millionen Franken. Hinzu kommt der Ausbau einer Mehrzweckanlage für die chemische Produktion. Diese kostet zusätzlich über 20 Millionen Franken. Zudem bauen wir Büros und Labors für die Forschung und Entwicklung und das Qualitätsmanagement für rund 50 Millionen Franken. Im Endausbau werden dort 150 Mitarbeiter Platz finden. Schliesslich ziehen wir die Infrastruktur nach und prüfen den Bau einer weiteren Mehrzweckanlage.

Wie viele Mitarbeiter werden nach diesem Ausbau hier arbeiten?

Derzeit verfügen wir über 565 Vollzeitstellen. Im laufenden Jahr wollen wir nochmals 50 Mitarbeiter anstellen, nachdem wir in den letzten sechs Jahren bereits rund 145 Stellen geschaffen haben.

Es fällt auf, dass Sie vergleichsweise wenig Schulden haben. Misstrauen Sie den Banken?

Wenn die Sonne scheint, geben Banken einem einen Regenschirm, und wenn es regnet, nehmen sie ihn wieder weg. Daher bin ich vorsichtig. Es ist möglich, dass wir kurzfristig auf einen Kredit angewiesen sind. Aber bis jetzt haben wir kein verzinsliches Fremdkapital etwa in Form von Obligationen.

Woher stammt diese Skepsis der Finanzindustrie gegenüber?

Als ich noch Berater war, hatte ich öfters mit der sogenannten Finanzindustrie zu tun. Leute, die viel Geld per Knopfdruck von links nach rechts verschieben, verlieren die Relation dazu, was es braucht, um diesen Geldwert zu erarbeiten. Das hat wenig mit «Industrie» zu tun. Wenn das Geld nur zum Selbstzweck dient, wird es gefährlich.

Sie verdienen rund 600 000 Franken pro Jahr. Erachten Sie die Millionensaläre der Grossbanken und der Pharmaindustrie als überrissen?

Letztlich müssen die Aktionäre wissen, wie viel sie zu zahlen bereit sind. In unseren Statuten ist geregelt, dass eine Einzelperson nicht mehr als eine Million Franken verdienen kann. Das ist viel Geld. Sie müssen auch immer die Relation zur nächsten Hierarchiestufe sehen. Dabei stellt sich die Frage, ob die Differenz im Vergleich zu den Aufgaben und der Verantwortung gerechtfertigt ist. Irgendwo wird da eine Grenze überschritten, die nicht mehr nachvollziehbar ist. Nur weil man ein grosses Unternehmen führt, heisst das ja nicht, dass man in der Folge viel mehr verdienen soll als die anderen im Unternehmen, schliesslich kann man die Aufgaben auch auf viel mehr Schultern verteilen.

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