Luftfahrt
Cockpit-Knatsch: Entlassene Helvetic-Piloten reichen Klage gegen Airline ein

Die Schweizer Regionalfluggesellschaft ist mit einem Justizfall konfrontiert. Crew-Angestellte, denen zu Beginn der Corona-Krise gekündigt wurde, ziehen gegen die Airline von Milliardär Martin Ebner vor Gericht.

Benjamin Weinmann
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Helvetic Airways kämpft mit Herausforderungen: Zu den Corona-Sorgen gesellt sich nun ein Rechtsstreit hinzu.

Helvetic Airways kämpft mit Herausforderungen: Zu den Corona-Sorgen gesellt sich nun ein Rechtsstreit hinzu.

Tobias Siebrecht Photography / Helvetic Airways

Der Fall liegt ziemlich genau ein Jahr zurück. Das Ausmass der Corona-Pandemie begann sich abzuzeichnen. Auch bei der Schweizer Regionalfluggesellschaft Helvetic, die bis dahin von Erfolg zu Erfolg flog und ihre Flotte stetig ausbauen konnte. Doch nun waren auch ihre Flugzeuge fast komplett am Boden.

Am 13. März reagierte das Helvetic-Management rund um Chef Tobias Pogorevc. Die Airline, die dem Milliardär Martin Ebner gehört, verschickte intern die Nachricht, dass zehn Piloten im Zuge der Corona-Krise entlassen würden. Denn wie alle Fluggesellschaften habe man nun Überkapazitäten.

Die Erklärung klang logisch. Nur: Kurz darauf beantragte Helvetic, wie auch die Swiss, beim Bund Kurzarbeit für das gesamte fliegende Personal. Wie diese Zeitung damals berichtete, gehörten zu den Entlassenen teils Piloten, die intern in der Vergangenheit gegenüber der Firma Kritik geäussert hatten, so auch der Präsident der neu gegründeten Pilotenvereinigung Helvetic Pilots Association, welcher der Grossteil der Cockpit-Crew angehört. So stand für manche Insider die Frage im Raum, ob die Firma die Gunst der Stunde genutzt hatte, um sich von unliebsamen Angestellten zu trennen.

Waren die Kündigungen unrechtmässig?

Ob dem so war oder nicht, wird nun ein Gericht entscheiden müssen. CH Media weiss: Eine Mehrheit der entlassenen Piloten hat gegen die Firma eine Klage wegen unrechtmässiger Kündigung eingereicht. Schlichtungsverhandlungen waren zuvor fehlgeschlagen. Das Verfahren wird nun am Bezirksgericht Höfe im Kanton Schwyz verhandelt, wo die Airline ihren rechtlichen Sitz hat.

Investor Martin Ebner hat Helvetic Airways zu einer erfolgreichen Fluggesellschaft gemacht - nicht zuletzt dank einem Deal mit der Swiss.

Investor Martin Ebner hat Helvetic Airways zu einer erfolgreichen Fluggesellschaft gemacht - nicht zuletzt dank einem Deal mit der Swiss.

Melanie Duchene / KEYSTONE

Die Pilotenvereinigung Aeropers, welche die Cockpit-Angestellten der Swiss und Edelweiss vertritt, hat Kenntnis von der Klage, wie Sprecher Thomas Steffen bestätigt. Zum laufenden Gerichtsverfahren könne man sich nicht äussern. Man unterstütze jedoch das Anliegen der betroffenen Berufskollegen. «Helvetic hat völlig unsozial gehandelt und beim Ausbruch der Krise sofort einigen Piloten gekündigt, noch bevor man kurz darauf Kurzarbeit für alle anderen Angestellten beantragte», sagt Steffen.

Helvetic ist die Ausnahme im Lufthansa-Konzern

Die Aeropers stört sich schon länger an der Partnerschaft der Swiss mit Helvetic, da diese im so genannten Wet-Lease-Verfahren für die Swiss zahlreiche Flüge ausführt. Heisst: Die Passagiere buchen bei der Swiss ein Ticket, nehmen aber in einem Helvetic-Flugzeug Platz, das von der Helvetic-Crew operiert wird. Es ist der einzig verbliebene Wet-Lease-Deal im gesamten Lufthansa-Konzern. Ansonsten hat die Lufthansa wegen der Corona-Krise damit aufgehört, Flüge auszulagern, um zuerst ihre eigene Flotte wieder in die Luft zu bringen.

Aeropers-Sprecher Thomas Steffen.

Aeropers-Sprecher Thomas Steffen.

zvg

Die Helvetic-Kooperation ärgert Aeropers in der Krise denn auch erst recht: «Dass die Swiss daran festhält, obwohl Helvetic keinen GAV hat und sie die interne Piloten-Vereinigung nicht als Verhandlungspartner akzeptieren will, ist störend», sagt Steffen. Und weiter: «Helvetic saugt an den Finanzen der Swiss, während die Swiss-Piloten um ihre Stelle bangen müssen.» Die Lufthansa-Tochter füttere Helvetic indirekt mit staatlich abgesichertem Geld. Die Swiss und Edelweiss haben letztes Jahr vom Bund garantierte Bankkredite in der Höhe von 1,3 Milliarden Franken erhalten.

Staatshilfe in den kommenden Monaten kein Thema

Ein Helvetic-Sprecher sagt, man äussere sich nicht zu internen Angelegenheiten oder über mögliche, laufende Rechtsverfahren. Entlassungen seien zurzeit keine geplant. Ziel sei es, mit der gesamten Belegschaft durch die Krise zu kommen. Auch Staatshilfe sei «in den kommenden Monaten» kein Thema, da allfällige Liquiditätsengpässe vom Helvetic-Eigentümer Martin Ebner überbrückt würden. Dank Martin Ebner sei Helvetic sogar etwas besser als die Konkurrenz aufgestellt: «Airlines, die Staatshilfe in Anspruch genommen haben, dürften in den nächsten Jahren damit beschäftigt sein, ihre Kredite und Zinsen zu tilgen.»

Die Helvetic-Flugzeuge sind derzeit selten im Einsatz, dafür aber zum Beispiel drei Mal pro Woche zwischen Zürich und Pristina.

Die Helvetic-Flugzeuge sind derzeit selten im Einsatz, dafür aber zum Beispiel drei Mal pro Woche zwischen Zürich und Pristina.

Tobias Siebrecht Photography / Helvetic Airways

Dennoch gibt auch der Helvetic-Sprecher zu bedenken, dass eine kurzfristige Verbesserung bei der historisch niedrigen Nachfragesituation nicht in Sicht ist. Man rechne zurzeit mit einem Einsatz von 20 bis 30 Prozent der Vor-Corona-Kapazitäten, was drei bis vier Flugzeugen entspreche. Aktuell führe man Flüge für die Swiss durch, private Charterflüge sowie Linienflüge wie zum Beispiel drei Mal pro Woche die Strecke Zürich-Pristina.

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