Lonza, Tesla, Netflix
Aktienkurse purzeln aus Angst vor der Zinswende und einem Krieg in der Ukraine

Sie geht mal wieder um, die Angst vor einem Crash. Bringen Zinserhöhungen die angebliche «Superblase» schon zum Platzen? In den USA geht es böse abwärts, Elon Musk hat nichts zu lachen.

Niklaus Vontobel
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Die Aktien verlieren an Wert – auch an der New Yorker Börse.

Die Aktien verlieren an Wert – auch an der New Yorker Börse.

Courtney Crow/AP New York Stock Exchange

Stürzt der Vampir doch schon ab? Derlei Fragen muss man sich mittlerweile stellen, weil Analysten zu immer neuen Analogien greifen. Jeremy Grantham, seines Zeichens legendärer und altgedienter Investor, hat erst letzte Woche den Börsenboom mit einem Vampir verglichen: Er sei zwar schon tot, fliege aber noch eine Weile weiter.

Nun geht jedoch schon diese Woche das grosse Bibbern los, einmal mehr. Es geht abwärts an den Börsen, in rasantem Tempo. Passiert das, womit Grantham erst in einigen Monaten rechnete? Wenn alle glauben würden, der Vampir sei durch nichts totzukriegen, Covid könne ihm nichts anhaben, Inflation und Zinserhöhungen ebenso nicht – dann kippe er um und sterbe. Auf den Boom folge ein Crash.

Niemand weiss, ob es tatsächlich der Januar 2022 ist, der den Anfang vom Ende des Börsenbooms bringt. Auf jeden Fall entweicht gerade viel Luft aus dieser, wie es Grantham nennt: «Superblase».

Lonza als Symbol einer Zeitenwende?

In der Schweiz hat der Bluechip-Index allein heute 3,8 Prozent eingebüsst. Im Vergleich zum Jahresanfang ist es schon ein Verlust von fast 7 Prozent. Am schnellsten geht es dieses Jahr bisher für Lonza abwärts: um fast 20 Prozent. Der Pharmazulieferer wird vielleicht in der Schweiz zum typischen Beispiel für die Zeitenwende an den Finanzmärkten.

Die Aktien von Lonza sind heute viereinhalb Mal so viel Wert wie noch vor fünf Jahren. Es ist der weltgrösste Auftragsfertiger von Biotech-Wirkstoffen. Und es beliefert den Impfstoffhersteller Moderna. Allein seit Bekanntgabe dieser Partnerschaft ging der Börsenkurs um 60 Prozent in die Höhe. Schon seit längerem warnen Experten, die Aktie bewege sich in «schwindelerregender Höhe». Nun, da die Zinsen in den USA stark steigen könnten, wirken Aktien nicht mehr ganz so alternativlos wie zuvor, und gerade bei Höhenfliegern wie Lonza wird ein tiefer Fall befürchtet.

Stieg der Börsenkurs allzu hoch? Blick mit der Drohne auf das Lonza-Hochhaus an der Münchensteinerstrasse beim Bahnhof Basel SBB.

Stieg der Börsenkurs allzu hoch? Blick mit der Drohne auf das Lonza-Hochhaus an der Münchensteinerstrasse beim Bahnhof Basel SBB.

Benjamin Wieland

In den USA krachte es am Montag. Aktien wurden «vernichtet», schreibt ein Nachrichtendienst. Der Börsenindex S&P 500 stand am Montagabend tiefrot da. Im Vergleich zum Jahresanfang hatte er ein Minus von rund 10 Prozent angehäuft.

Musk hat Grund zu prahlen, doch der Börse ist es egal

Hart trifft es Technologiefirmen. Wie in der Schweiz Lonza, entschwebten auch sie in besonders hohe Sphären. Nun könnten vor allem sie auf den Boden zurückgeholt werden, sofern sie US-Notenbank tatsächlich ihre Zinsen stark erhöht und zugleich die Hilfe zurücknimmt.

Einige Techgiganten sehen böse lädiert aus. Apple hatte am Montagabend über 10 Prozent verloren, Microsoft gar über 15 Prozent. Beim sonst erfolgsverwöhnten Onlinewarenhaus Amazon waren es fast 20 Prozent. Netflix ist im freien Fall, das Minus betrug 40 Prozent. Der Streamingdienst überbrachte schon letzte Woche «bad news»: Es werde sich deutlich verlangsamen, das Wachstum seiner Abonnentinnen und Abonnenten. Tesla taumelt. Die Börse beeindruckt es nicht, dass Elon Musk neuerdings prahlen kann, er habe die produktivste Autofabrik der USA. Sie kommen allesamt auf weniger Autos pro Woche: BMW, Ford, Toyota. Dennoch hat Tesla um die 28 Prozent verloren.

Zur Abwechslung hat Elon Musk mal nichts zu lachen: Die Aktien von Tesla sind seit Jahresanfang stark gefallen

Zur Abwechslung hat Elon Musk mal nichts zu lachen: Die Aktien von Tesla sind seit Jahresanfang stark gefallen

Keystone

Taucher an der russischen Börse wegen des Ukraine-Konflikts

Trotz der hohen Verluste bleibt offen, wie es weitergeht. Der schwelende Konflikt an der ukrainischen Grenze dürfte die schon recht unsichere Ausgangslage noch unsicherer machen. Die Anleger jedenfalls fliehen aus den russischen Aktien. Der Moskauer Leitindex fiel um mehr als 8 Prozent. Das ist der grösste Kursrutsch seit dem Corona-Börsentaucher im März 2020.

Doch wer weiss: Vielleicht überwinden die Aktienmärkte ihre Ängste vor einer Zinswende und die Kurse erreichen noch höhere Rekordsphären. Dann hätte der Boom auch eine Zinswende weggesteckt.

Der «Vampir» von Grantham würde tatsächlich weiterfliegen. Wenn der Aktienboom irgendwann endet, wird es seiner Ansicht nach gehörig krachen. Er spricht nicht grundlos von einer «Superblase». Nicht nur Aktien seien in den USA überbewertet, sondern auch Obligationen und Immobilien. Tatsächlich sind Immobilien heute in den USA rekordteuer: Sie sind höher bewertet als auf dem Höhepunkt der letzten Immobilienblase im Jahr 2006. Damals folgte bekanntlich eine globale Finanzkrise.

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