Konjunktur
Wer hätte das gedacht? Auf die Coronakrise folgt in der Schweiz ein beispielloser Konsumrausch

Konsum, Jobs, Investitionen: Der Einbruch ist viel tiefer als in der Finanzkrise 2008/2009, doch die Wirtschaft erholt sich deutlich schneller. Die Pessimisten scheinen falsch zu liegen.

Niklaus Vontobel
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Vorbereitungen für den Boom? Putzarbeiten in einem Modegeschäft.

Vorbereitungen für den Boom? Putzarbeiten in einem Modegeschäft.

Keystone

Es mehren sich die Anzeichen: Die Coronakrise könnte schneller vorbei sein als erwartet. Obschon die Wirtschaft viel stärker einbrach als in der Finanzkrise, wird sie sich gemäss Prognosen gleich schnell erholen. Und nach der Krise könnte kommen, was die Schweiz in diesem Ausmass noch nicht erlebt hat: Aufgestaute Konsumfreude wird entfesselt. Ein vergleichbarer Schub an Konsumausgaben findet sich in den Statistiken nicht, die bis ins Jahr 1980 zurückreichen.

Ein Anzeichen für die Erholung kam vor Ostern, wurde jedoch wenig beachtet. Was vielleicht daran liegt, dass der Absender gerade mit Aufräumen beschäftigt ist nach der jüngsten Serie von Skandalen: Die Grossbank Credit Suisse hat ihren Konjunkturindikator für die Industrie versandt, den PMI. Die Schlagzeile lautet: «PMI auf Rekordstand».

Indikator: Schnelle Erholung für die Schweiz

Noch bessere Zeiten signalisierte der Indikator nur im Wirtschaftsboom von 2006 und 2007. Damals wurde im Boulevard vom «Boomland Schweiz» geschwärmt. Es gab so viel zu tun, es müssten schon Überstunden gemacht werden: «Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt.»

Der Absender Credit Suisse mag derzeit in fraglichem Lichte erscheinen. Doch im Gegensatz zu den Bankerkollegen in den USA und Grossbritannien haben die Ökonomen in Zürich keine Fehlkalkulationen gemacht. Unweit des Zürcher Paradeplatz, wo die Credit Suisse den Sitz hat, wird an der weniger berühmten Leonhardstrasse nämlich ein ähnliches Bild von der Wirtschaft gezeichnet.

Die KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich hat jüngst ihren Barometer veröffentlicht. Und auch dieser Indikator steht so hoch oder sogar höher, wie zu Zeiten des «Boomland Schweiz». Der Indikator zeigt also «eine schnelle Erholung».

Animalische Instinkte von der Leine gelassen

Und diese Erholung wäre gar erstaunlich schnell, liegen die KOF-Ökonomen richtig. Obschon die Wirtschaft in der Coronakrise ungleich stärker einbricht als in der Finanzkrise, soll sie die Verluste gleich schnell wettmachen wie damals. Nach dem Ausbruch der Finanzkrise vergingen damals sieben Quartale, bis die alte Grösse von vor der Krise wieder erreicht war. Genauso lang dauert es gemäss Prognosen in der aktuellen Jahrhundertkrise. Schon im Spätsommer 2021 wäre das Bruttoinlandprodukt wieder so gross wie vor Ausbruch der globalen Pandemie – als «Corona» noch für eine Biermarke stand.

Natürlich hängt in der Coronakrise alles vom Coronavirus ab. Doch in den reicheren Ländern dürfte es bald einmal unter Kontrolle sein, trotz aller Rückschläge. Und weicht das Virus erst einmal, dominieren in der Wirtschaft vertrautere Kräfte: Die Ausgabenfreude von Konsumenten; zu welchen Bedingungen die Banken ihre Kredite vergeben; in welcher Stimmung die Unternehmer sich befinden. Das ist nicht immer rational. Der berühmte britische Ökonom John-Maynard Keynes prägte dafür den Ausdruck von den «animalischen Instinkten». Doch verstehen die Ökonomen dieses Kräftespiel zumindest besser als globale Pandemien.

In diesem Kräftespiel entdecken die Ökonomen viele Regelmässigkeiten, die an der KOF so gedeutet werden:

«Im Sommerhalbjahr schaltet in der Schweiz der Turbo ein.»

Und der flitzt schneller als in der Finanzkrise. Denn in der Coronakrise ist der Konsum eingebrochen, was ganz und gar ungewöhnlich ist für Wirtschaftskrisen. Sonst gilt, dass da kommen kann, was will, auch Finanzkrisen – die Shopper shoppen weiter.

Nur einmal, inmitten der schweizerischen Immobilienkrise, gaben Konsumenten weniger aus als im Vorjahr. Das waren gerade einmal 0,4 Prozent weniger. Doch in der Coronakrise waren sie zu Einschränkungen gezwungen, daran gab es kein Rütteln. So brach der Konsum um nie dagewesene 4,5 Prozent ein. Und wenn Shopper derart am Shoppen gehindert werden, bleibt das nicht ohne Folgen.

Es hilft, dass die Banken nicht wieder schief stehen

Einen wahren Konsumboom dürfte es geben, glauben die Experten der KOF. Noch in diesem Jahr werden 3 Prozent mehr ausgegeben als im Coronajahr 2020. Für einen gleich grossen Anstieg muss man 33 Jahre zurückgehen, ins Jahr 1987. Damals hob in der Schweiz ein gewaltiger Immobilienboom die allgemeine Konsumlaune. Auf Warnungen vor einem Crash wollten die Wenigsten hören.

Und was 2022 ansteht, das findet sich überhaupt nicht in Zeitreihen, die bis ins Jahr 1980 reichen. Ein Konsumplus von sage und schreibe 5,7 Prozent. Die aufgestaute Kauffreude wird vor allem bei den folgenden Vergnügungen landauf und landab zu beobachten sein: Reisen, Hotels und Restaurants sowie Kultur und Freizeit.

Was heute die Indikatoren wie «PMI» oder «Barometer» in die Höhe treibt, ist jedoch nicht der Konsum. Sondern es sind Industriebetriebe, die in den Umfragen von guten Aussichten berichten. Diese wiederum kommen von den Aufschwüngen, die in Asien und den USA zu beobachten sind. Vor allem die US-Wirtschaft wird von gigantischen Staatsausgaben in ein konjunkturelles Hoch gepusht.

Starker Industriestandort hilft aus der Krise

Die USA kommen so von allen grossen Volkswirtschaften am besten aus der Krise, berichtet der Internationale Währungsfonds (IWF). Ihre Industrie investiert, und die Schweiz profitiert. Der Schweiz kommt zugute, dass ihr Industriestandort vergleichsweise stark ist. Gemäss IWF kommen solche Länder generell besser aus der Krise.

Und der Schweiz wird auch dies helfen: Am Ende kommen wohl alle reichen Länder besser aus der Coronakrise als aus der Finanzkrise. So schätzt es der IWF für die kommenden fünf Jahre ein. In einem vergleichbaren Zeitraum in der Finanzkrise sei der Schaden etwa drei Mal grösser gewesen.

Diese Einschätzung erklärt sich vor allem mit der grossen zerstörerischen Wucht der Finanzkrise. Sie brachte besonders in der Eurozone zig Banken in Schieflage. Die Banken wiederum vergaben weniger Kredite, auch wenn sie von der Europäischen Zentralbank geradezu zur Geldaufnahme gezwungen wurden. Und wenn Kredite knapp sind, können die Betriebe weniger investieren. Eine solche Negativspirale ist derzeit nicht zu erkennen – das hilft auch der Schweiz.