Krankenkasse
Kleines Königreich: Chef von Groupe Mutuel verdiente 2,2 Millionen

Pierre-Marcel Revaz, Chef der Krankenversicherung Groupe Mutuel, verdiente zweieinhalb Mal so viel wie der Verwaltungsratspräsident und der CEO der Helsana zusammen. Das Salär von Revaz sprengt sämtliche Grenzen der Versicherungs-Branche.

Roman Seiler
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So funktionieren Königreiche: Den Zusatz zum Arbeitsvertrag von Olivier Revaz, Marketingchef des Krankenversicherers Groupe Mutuel, unterschreibt im Oktober 2010 Pierre-Marcel Revaz (61). Er war nicht nur oberster Chef der in Martigny VS domizilierten Kassengruppe. Er ist auch Oliviers Vater. Tochter Sophie ist Chefjuristin und Mitglied der Geschäftsleitung (GL).

Kleiner Kreis von Insidern

Der Verein Groupe Mutuel (GM) existiert seit 1993. Er ist für die Administration fast aller Gruppengesellschaften zuständig (siehe Box). Hier regierte Pierre-Marcel Revaz. Seit 1994 war er Generaldirektor, seit 2008 «geschäftsführender Präsident».

Aus einem kleinen regionalen Kässeli machte er die Nummer 2 der Branche (siehe Box). Um sich herum versammelte er einige wenige Vertraute. Pierre-Angel Piasenta stammt wie Revaz aus dem kleinen Bergdorf Salvan ob Martigny. Daniel Overney kommt aus Vétroz, wo Revaz heute wohnt. Vor seinem Wechsel zur Groupe Mutuel war er beim Bund für die Aufsicht über die Westschweizer Krankenversicherer zuständig.

Das Trio bildete den Vorstandsausschuss. Die drei verdienten sich im Verlauf ihrer Karriere eine goldene Nase. Allerdings wurden die effektiven Bezüge – im Gegensatz zu anderen führenden Krankenversicherern – nie offengelegt.

Mit gutem Grund, wie Informationen der «Nordwestschweiz» über eine Untersuchung der Finanzmarktaufsicht (Finma) belegen: Pierre-Marcel Revaz kassierte nach 2010 rund 2,2 Millionen Franken. Groupe-Mutuel-Vizepräsident und Generaldirektor Overney kam auf 1,2 bis 1,35 Millionen und GM-Sekretär und Vizedirektor Piasenta auf 1,1 Millionen Franken – Spesen inbegriffen. Deren Vergütungen sowie diejenigen dreier weiterer Top-Manager summierten sich auf 5,2 bis 5,35 Millionen Franken.

Diese Angaben stehen in Zusammenhang mit einem laufenden Prüfverfahren. Unter anderem kam aus, dass im gewinnorientierten Zusatzversicherungsgeschäft 9000 Kunden zu hohe und 15 000 zu tiefe Prämien bezahlt hatten. Gleichzeitig ging ein externer Prüfbeauftragter «allfälligen Schwächen der Corporate Governance» und der Compliance nach, der Einhaltung der Vorschriften. Zu diesem laufenden Verfahren äussert sich die Finma nicht.

Interessenkonflikte riskiert

Dabei stiessen die Prüfer offenbar auf eine Reihe von Ungereimtheiten. Revaz, Overney und Piasenta bezogen bis zu 49 verschiedene Entschädigungen pro Jahr. Dies könne zu Interessenkonflikten führen, kritisieren die Kontrolleure. Zudem entsprächen gewisse dieser Zahlungen überhaupt nicht denjenigen vergleichbarer Unternehmen. Das zeigt der Vergleich der Entschädigungen der drei grössten Krankenversicherer mit je rund 1,2 Millionen Grundversicherten:

  • Revaz kassierte 2011 bei der Groupe Mutuel insgesamt 680 000 Franken. Zudem erhielt er weitere 1,38 Millionen für seine Tätigkeiten beim Zusatzversicherer Groupe Mutuel Assurances (GMA). Allein seine Boni von 800 000 Franken bei den zwei Gesellschaften überstiegen das Salär von Helsana-CEO Daniel Schmutz. Er und sein VR-Präsident verdienen zusammen rund zweieinhalb Mal weniger als Revaz. Dessen Bezüge sind gar fast gleich hoch wie die zusammengezählten des CEO und des VR-Präsidenten der börsenkotierten Helvetia.
  • Die Boni von Overney und Piasenta betrugen mehr als 400 000 Franken.
  • Für jeden Sitz in den Stiftungs- und Verwaltungsräten des Konglomerats erhielt das Trio ein Honorar. Sie belaufen sich pro Mandat auf einige 100 bis zu 45 000 Franken.
  • Auch die Spesen wurden überprüft. Auffallend seien insbesondere die hohen jährlichen Bezüge von Overney mit 96 000 und von Piasenta mit 75 000 Franken. Revaz bezog 40 000 Franken. Zum Vergleich: Daniel Schmutz’ «sonstige Bezüge» bei der Helsana wie Spesen und Sachdienstleistungen des Arbeitgebers beliefen sich auf 42 000 Franken.

Verfehlungen von VR- oder GL-Mitgliedern seien nicht festgestellt worden. Bemängelt wird aber offenbar ein mangelndes Gespür für Kontrollfragen beim VR. Gerügt wird auch die unklare Trennung der Verantwortlichkeiten zwischen Verwaltungsrat und GL. Daher dürfte die Finma eine bessere Einhaltung der Regeln der guten Geschäftsführung verlangen, der sogenannten Corporate Governance.

Dies hat sich mittlerweile zumindest auf der Ebene der operativ tätigen Gesellschaften erledigt – wenn auch nicht freiwillig. Gemäss einer Medienmitteilung vom Mai war noch vorgesehen, dass sich Overney und Piasenta aus der GM-Generaldirektion zurückziehen: «Beide bleiben Mitglied des von Pierre-Marcel Revaz geleiteten Ausschusses», hiess es damals. Ende September verkündete der Sprecher des Kassenkonglomerats dann aber «die Gesamterneuerung des Vorstands». Verkauft wurde dies vollmundig als «Generationenwechsel».

Auch Revaz’ Kinder sowie GM-Generalsekretär Thomas Grichting gaben alle VR-Mandate in Gruppengesellschaften ab. Daher ist nun die Trennung von VR und GL gewährleistet. GM-Sprecher Yves Seydoux sagte kürzlich gegenüber der «Nordwestschweiz»:

«Wir erfüllen die heute gültigen Anforderungen an die Corporate Governance völlig.» Wie die operative Führungsmannschaft zusammengesetzt ist, wird aber erst im 2015 erscheinenden Tätigkeitsbericht publiziert. Die Saläre bleiben wohl weiter unter dem Deckel, bis das geplante Aufsichtsgesetz in Kraft tritt.

Vollständig weggefegt ist die alte Garde nicht. Sie hat weiter Mandate in Stiftungen wie Fondation Mutuelle. Diese kontrolliert die Gesellschaften, die das Zusatzversicherungs- und das Lebensversicherungsgeschäft betreiben.

An der GM Vie halten Overney, Piasenta, Revaz sowie zwei weitere GM-Manager eine Minderheitsbeteiligung von 20,7 Prozent.

Revaz gehören 10,5 Prozent. Die Titel sind mindestens drei Millionen Franken wert. GM-Sprecher Seydoux sagte zu diesen Informationen der «Nordwestschweiz» nur: «Gerüchte zu angeblichen Zahlen und Fakten kommentieren wir nicht.»

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