Potenzielle Käufer können wählen: 658 Eigentumswohnungen sind aktuell im Oberengadin zum Verkauf ausgeschrieben. Das sind 45 mehr als Ende 2016 und gar 383 mehr als Ende 2007. Dies zeigen aktuelle Zahlen des Immobilien-Beratungsunternehmens Wüest Partner, die der «Nordwestschweiz» vorliegen.

Nun herrscht Katzenjammer im Hochtal mit dem «Champagnerklima». Angesichts des Überangebots an Wohnungen intervenierten die Gemeindepolitiker. Ende Januar hob St. Moritz selbst eingeführte Beschränkungen für dieses und das kommende Jahr für den Erwerb von Grundstücken für Ausländer auf – «vorläufig». Zuvor durften nur 20 Prozent des Wohnungsangebots einer Gesamtüberbauung an Ausländer abgesetzt werden.

Preise zu hoch

Neu ist Schweizern zudem gestattet, Immobilien an Ausländer zu verhökern. Erlaubt ist zudem der Handel mit Einzelobjekten unter Ausländern. «Die Nachfrage ist auf dem Tiefpunkt angelangt», schrieb die Exekutive in einem Papier zuhanden des Gemeinderats zur Begründung des Vorstosses. Finanzkrise, Frankenstärke und die Zweitwohnungsinitiative hätten dazu beigetragen: «Ebenso haben die ständig steigenden Preise den Markt beinahe zum Erliegen gebracht.»

Der Beschluss ist ein Notnagel. Zum einen für Inhaber von Baufirmen, die sich Aufträge mit der Übernahme von Zweitwohnungen statt mit Geld abgelten liessen. Weil so erworbene Objekte kaum mehr absetzbar sind, seien Handwerker in Schwierigkeiten gekommen, sagt ein Branchenkenner. Zum anderen sind nach der Annahme der Zweitwohnungsinitiative nun mehr oder weniger alle Feriendomizile gebaut worden, die noch gebaut werden durften. Darunter leidet die Bauindustrie. Belebt sich der Markt für ältere Objekte, locken wenigstens Renovationsarbeiten.

Weitere Gemeinden dürften folgen

Nach dem Vorpreschen von St. Moritz war gestern Abend eine Lockerung der Beschränkung von Immobilienverkäufen von Schweizern an Ausländer auch an der Gemeindeversammlung von Samedan traktandiert. Über die Aufhebung bestehender Einschränkungen für Verkäufe an Ausländer wie Quoten bei Wohnobjekten in Überbauungen dürfte in den kommenden Monaten auch in Oberengadiner Gemeinden wie Celerina, Silvaplana und Zuoz diskutiert werden, wie Gemeindevertreter bestätigen. Nicht geplant ist dies vom Gemeindevorstand Pontresina, wie Gemeindeschreiber Urs Dubs sagt. Mehr Ferienwohnungen verkaufe man deswegen kaum: «Offensichtlich fehlt ja die Nachfrage, auch von Schweizer Interessenten.» In St. Moritz ist allerdings zu hören, die Massnahme habe dazu geführt, dass es für mehrere Objekte Interessenten gebe.

Allerdings gibt es nicht nur im Oberengadin ein Überangebot an Feriendomizilen: 3178 Eigentumswohnungen sind gemäss Wüest Partner im Kanton Graubünden zu haben. Sie zu verkaufen, bleibt im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld eine Herausforderung. Ein weiterer Grund – neben der Eurokrise und der Frankenstärke – ist der Fall des Bankgeheimnisses. Weil kaum mehr ausländisches Schwarzgeld in Immobilien fliesst, gönnen sich hierzulande weniger Ausländer eine Ferienabsteige.

In Graubünden dürfen jährlich 290 Bewilligungen für den Verkauf von Zweitwohnungen an Personen im Ausland erteilt werden. «Dieses Kontingent wird bei weitem nicht ausgeschöpft», sagt der Bündner Grundbuchinspektor Ludwig Decurtins. Die Zahl der Bewilligungen sank seit 2009 um 182 auf 84 im vergangenen Jahr, wie die gestern vom Grundbuchinspektorat und Handelsregister des Kantons Graubünden publizierte Statistik belegt. 2016 kamen dazu 97 Bewilligungen für den Erwerb von Feriendomizilen, die einem früheren Kontingent belastet worden waren.

Lockerungen halfen bisher nicht

Dabei haben Vaz/Obervaz (Lenzerheide) sowie Lantsch/Lenz und Arosa bereits früher Beschränkungen wie Quoten für den Verkauf von Objekten an Ausländer aufgehoben. «Die Zahl der eingereichten Bewilligungen ist deswegen aber nicht markant angestiegen», sagt Decurtins. Im vergangenen Jahr belief sich die Zahl der Grundbucheinträge auf 299, die Käufe von Ausländern betrafen. Das sind 174 weniger als 2009. Gleichzeitig wurden 159 Verkäufe von Ausländern an Schweizer eingetragen. 2015 waren es gar 210.

Was für Graubünden gilt, trifft auf die ganze Schweiz zu: Jährlich dürften gemäss Lex Koller 1500 Einheiten von Ausländern gekauft werden. Dieses Kontingent wird seit längerem nicht ausgeschöpft. 2015 wurde gerade noch ein Drittel davon in Anspruch genommen, nach 44 Prozent im Vorjahr.