Industrie
Weg mit den Waffen: Die Ruag krempelt ihr Geschäft um

Vom Staatskonzern Ruag International bleibt nicht mehr viel übrig. Der neue Chef, André Wall, zerlegt den Konzern und verkauft Firmenteile. Er setzt dafür voll aufs All.

Roman Schenkel
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Blick in den Space-Geschäftsbereich der Ruag am Standort Emmen LU.

Blick in den Space-Geschäftsbereich der Ruag am Standort Emmen LU.

Bild: Ruag International

Der Rüstungs- und Technologiekonzern Ruag schlägt in Sachen Veränderung ein hohes Tempo an. Im vergangenen Jahr wurde der Konzern mit seinen gut 9000 Mitarbeitern aufgespalten: in einen Teil, der die Schweizer Armee ausrüstet und etwa Flugzeuge, Helikopter sowie Waffensysteme wartet – die Ruag MRO Schweiz –, und in die Ruag International. Letztere ist im Raumfahrtbereich und im Bau von Rumpfteilen für Flugzeuge tätig.

Nun stehen bei Ruag International bereits die nächsten Umbaupläne an. Diese erläuterte André Wall, seit hundert Tagen CEO des Geschäftsbereichs, im Videocall. «Wir werden uns künftig voll auf das Weltraumgeschäft konzentrieren», sagt Wall. Hier sieht der 55-jährige Deutsche, der von der spanischen Flugzeuggesellschaft Iberia in die Schweiz gewechselt hatte, viel Potenzial. «Der Markt wird in den nächsten Jahren stark wachsen», sagt er. Die Investitionen der Telekombranche, der TV-Stationen oder der Wetterbeobachtung in Satellitensysteme seien enorm.

Umsätze im Weltraumgeschäft dürften stark steigen

Wall erwartet in den nächsten Jahren eine Verdreifachung des Umsatzes auf über eine Milliarde Franken. 2019 setzte Ruag Space 349 Millionen Franken um. In Europa will Wall zum dominierenden Akteur werden. «Dafür werden wir unsere Investitionen in Forschung und Entwicklung hochfahren», sagt er. Zudem soll das Unternehmen künftig einen grösseren Anteil aus den Honigtöpfen der Weltraumorganisationen ESA und NASA ergattern. Auch in den USA will Ruag expandieren und in Asien soll der Markteintritt geschehen. Dies wird aber nicht mehr unter dem Namen Ruag Space geschehen, sondern unter der neuen – etwas gewöhnungsbedürftigen – Marke «Beyond Gravity».

Der Fokus auf den Weltraum fordert in der Konsequenz den kompletten Ausstieg aus dem verbleibenden rüstungsnahen Geschäft. Dies betrifft die Munitionsfabrik Ammotec in Thun, das Militärunterhaltsgeschäft in Malaysia und Australien sowie das Simulatoren- und Trainingsgeschäft. Die Wartungs-, Reparatur- & Betriebstätigkeiten für Geschäftsflugzeuge und militärische Helikopter sowie die Produktion der Dornier 228 am Standort Oberpfaffenhofen sind bereits Ende Februar 2021 verkauft worden.

Thuner Munitionsfabrik als Zankapfel

Insbesondere der Verkauf der Munitionsfabrik Ammotec dürfte noch zu reden geben. Der Nationalrat will den Verkauf des grössten Vermögenswerts von Ruag International torpedieren. Er hat vergangene Woche eine entsprechende Motion aus der SVP-Fraktion mit 110 zu 79 Stimmen und bei zwei Enthaltungen angenommen. Allerdings hat der Ständerat dem Anliegen vergangenen Sommer bereits eine Absage erteilt. Er muss sich nun ein zweites Mal darüber beugen.

Wall sieht für eine privatisierte Munitionsfabrik viel mehr Möglichkeiten. «Ammotec war bislang aufgrund des Eigentümers eingeschränkt.» Ein neuer Eigentümer dürfte dem Unternehmen zusätzliche Marktchancen für mehr Wachstum eröffnen, ist er überzeugt. Laut Wall gibt der Bund bei der Wahl des Käufers klare Bedingungen vor. Es liegt auf der Hand, dass eine Arbeitsplatzgarantie für die 400 Mitarbeitenden in Thun an oberster Stelle stehen dürfte.

Was passiert mit dem Flugzeugstrukturbau?

Bleibt der Flugzeugstrukturbau mit Standorten in Ungarn, Deutschland und Emmen LU. Der Bereich hat in der Pandemie am stärksten gelitten. «Wir haben gut 45 Prozent an Umsatz verloren», sagt Wall. Das Geschäft mit neuen Flugzeugen sei komplett eingebrochen: «Derzeit bestellt niemand mehr Flugzeugteile.» Es daure sicherlich bis ins Jahr 2025, bis die Sparte das Vorkrisenniveau erreiche. Ruag stellt unter anderem Rumpf- oder Flügelteile her.

Wall glaubt aber noch an das Geschäft. «Wir haben gute Chancen, dass wir uns als Dienstleister für Kunden weiter etablieren können.» Dafür führt er nun Gespräche mit den grössten Kunden wie Airbus, Boeing, Pilatus, Saab und GE. Allerdings müssten nun die Prozesse stark angepasst werden – die auch personelle Folgen haben könnten. Und trotz aller Zuversicht schliesst Wall den Verkauf des Geschäfts an einen strategischen Partner nicht aus.

Börsengang dürfte sich stark verzögern

Mit dem Umbau von Ruag International wird sich der angepeilte Börsengang des Unternehmens stark verzögern. «Der Börsengang ist nach wie vor eine Option. Er steht nun aber nicht mehr im Vordergrund», sagt Wall. Das Hauptziel sei nun, Beyond Gravity wettbewerbs- und zukunftsfähig zu machen. «Wenn der Erfolg da ist, stehen alle Wege offen.»

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