Wirtschaft

In der Coronazeit wird wieder mehr gelesen – warum kleinere Buchhandlungen davon mehr profitieren als grosse

Die Hirschmatt Buchhandlung in Luzern spürt wenig von der Krise.

Die Hirschmatt Buchhandlung in Luzern spürt wenig von der Krise.

In Zeiten von Corona wird in der Schweiz wieder mehr gelesen. Die Onlineumsätze von Buchhändlern sprudeln, aber auch der stationäre Handel erholt sich allmählich – allerdings nicht überall gleich.

In Oran kriechen plötzlich die Ratten aus den Löchern und verenden zu Tausenden auf den Strassen. Kurz darauf sterben die Menschen an einem heimtückischen Fieber. Schnell ist klar: Eine tödliche Krankheit hat sich in der Stadt eingenistet. Doch trotz unmissverständlicher Warnungen lehnen die örtlichen Behörden Vorsichtsmassnahmen ab – bis nur noch das Mittel der Massenquarantäne bleibt.

Wer in diesen Zeilen schaurige Parallelen zur Gegenwart erkennt, ist nicht allein. In Zeiten von Corona erlebt «Die Pest» des französischen Romanciers Albert Camus ein fulminantes Comeback. Seit Monaten findet sich der Klassiker in den Auslagen vieler Schweizer Buchhandlungen, zwischenzeitlich war er gar vergriffen.

Doch nicht nur Camus verkauft sich während der Coronapandemie gut, auch sonst wird hierzulande wieder mehr gelesen. Selbst der stationäre Buchhandel, der während des Lockdowns im Frühling und in den unmittelbaren Wochen danach starke Umsatzeinbussen hinnehmen musste, befindet sich wieder im Aufwind.

Buchbestellungen mit dem Velo ausgetragen

«Nach dem Lockdown bis Ende Oktober ist eine Aufholjagd gelungen», sagt Tanja Messerli, Geschäftsführerin ad interim des Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verbandes. Noch liege der Umsatz zwar 1,8 Prozent unter dem Vorjahr, doch hofften die meisten Händler, den Rückstand bis Ende Jahr noch aufzuholen – vor allem mit Hilfe des bevorstehenden Weihnachtsgeschäfts.

Bei einem genaueren Blick auf den Schweizer Buchmarkt lasse sich dabei etwas Erstaunliches feststellen: Im Gegensatz zu anderen Branchen habe die Krise hier den Grossen teilweise mehr zugesetzt als den Kleinen. Messerli:

Dem pflichtet etwa Samuel Budmiger bei, der in Sursee die kleine Buchhandlung Untertor mit neun Angestellten führt. Er blickt auf einen guten Sommer und noch besseren Herbst zurück. «Wir haben leicht höhere Verkaufszahlen als im Vorjahr», sagt er und glaubt auch, die Gründe für die positive Entwicklung zu kennen:

Um seine Kunden auch während des Lockdowns mit Lesestoff zu versorgen, schwang sich Budmiger zwischenzeitlich gar auf sein Velo und lieferte die reinflatternden Buchbestellungen gleich selber aus.

Reine Onlinehändler im Vorteil

Wenig von der Krise gespürt haben auch die Buchhandlungen Susanne Giger in Zug und Von Matt in Stans. «Im stationären Buchhandel scheinen kleine, flexible Händler gerade im Vorteil zu sein», sagt Giger. Ähnlich gut erging es der Hirschmatt Buchhandlung in Luzern. Nur in den Wochen des Lockdowns habe man einen Umsatzrückgang verzeichnet, sagt Ladenchef Silvio Kohler. «Dafür haben in dieser Zeit die Bestellungen im Onlineshop deutlich zugenommen, auch von vielen Neukunden.»

Online lautete denn auch das Zauberwort bei den grösseren Buchhandlungen. So heisst es bei Ex Libris, dass die ohnehin schon hohe Nachfrage im eigenen Onlineshop «nochmals stark zugelegt» habe. Orell Füssli und das Buchhaus Lüthy Balmer Stocker sprechen gar von «doppelt so hohen Onlinebestellungen» im Vergleich zum Vorjahr. Allerdings habe das Onlinegeschäft die Verluste aus dem Lockdown nicht kompensieren können, wie die grossen Händler unisono beklagen. Zudem habe sich der stationäre Handel noch nicht ganz erholt. Bei Ex Libris heisst es:

Keine derartigen Probleme hatten dagegen reine Onlinehändler wie Amazon oder CeDe. «Unsere Bücherverkäufe haben in der Coronazeit um über 40 Prozent zugenommen. Eine wahnsinnige Entwicklung, die uns natürlich sehr freut», sagt Philippe Stuker, Geschäftsleiter bei CeDe.

Koch- und Kinderbücher laufen besonders gut

Vor allem die grossen Buchhandlungen hoffen nun, das Jahr mit einem erfolgreichen Weihnachtsgeschäft doch noch positiv abschliessen zu können, online wie stationär. «Das Weihnachtsgeschäft hat bei uns bereits begonnen und war bis anhin erfreulich», heisst es etwa bei Orell Füssli. Man sei entsprechend gut vorbereitet für die kommenden Wochen – vorausgesetzt, die Bedingungen verschlechtern sich nicht.

Und welche Bücher wünschen sich die Schweizer nun zu Weihnachten? Neben Romanen wie Camus’ «Die Pest» laufen laut den Händlern derzeit vor allem Koch- und Kinderbücher sowie Biografien gut. «Barack Obama, Karl Lagerfeld, Friedrich Dürrenmatt – die Schweizer haben offenbar wieder Zeit zum Lesen», so Stuker von CeDe.

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