Hotellerie
Die Hotelkette Ruby expandiert in die Schweiz und ist damit nicht allein – droht jetzt der grosse Preiskampf in den Städten?

Mit der deutschen Kette Ruby eröffnet eine weitere Kette zwei grosse Hotels in der Schweiz. Das ist kein Einzelfall. Für unabhängige, kleinere Häuser wird die Situation immer schwieriger.

Stefan Ehrbar
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Blick in das neu zu eröffnende Hotel Ruby in Zürich.

Blick in das neu zu eröffnende Hotel Ruby in Zürich.

Ruby Hotels

Früher liefen Filme im Haus am Beatenplatz in Zürich, bald schlafen Reisende. Die Hotelkette Ruby aus Deutschland eröffnet in einem ehemaligen Kinogebäude einen Steinwurf vom Hauptbahnhof entfernt im Oktober ein neues Haus mit 208 Zimmern. 200 Franken pro Nacht wird ein Zimmer kosten. Es ist nicht das einzige Schweizer Projekt der rasch expandierenden Kette mit ihren bisher elf Häusern in Deutschland, Österreich und England. Im April 2023 eröffnet die Gruppe in Genf ein weiteres Hotel mit 221 Zimmern an bester Innenstadtlage zwischen Rue du Marché und Rue du Rhone.

Das erstaunt. Hotels in Städten leiden überdurchschnittlich unter der Pandemie. Während in den Bergen viele Hotels wieder ausgebucht sind und zum Teil Rekordpreise verlangen, warten Stadthotels sehnsüchtig auf die Rückkehr der Geschäftsreisenden. Doch ob und in welcher Zahl diese zurückkommen, weiss niemand mit Sicherheit.

Grosse neue Hotels in Zürich, Bern und Basel

Die aktuellsten Daten des Bundesamt für Statistik zeigen die Misere der Stadthotels auf: Zürich verzeichnete im Mai einen Viertel der Logiernächte des gleichen Monat im Jahr 2019, Luzern knapp vier Zehntel. Adelboden hingegen lag bei 95 Prozent der Vorkrisen-Auslastung, Laax sogar um das Fünffache darüber. Im Vergleich der ersten fünf Monate verzeichnete Laax bisher einen Viertel mehr Logiernächte als noch 2019.

Trotzdem bauen internationale Ketten Hotels in den Städten, als hätte es nie eine Krise gegeben. Ruby ist keine Ausnahme: In Zürich hat die deutsche Gruppe Meininger eben ihr neuestes Hotel mit 174 Zimmern eröffnet. Am Flughafen kommen mit zwei Hotels der Kette Hyatt über 550 neue Zimmer auf den Markt und die Gruppe Deutsche Hospitality eröffnet in Flughafen-Nähe bald ihr Intercity-Hotel mit 260 Zimmern. In Bern hat der Hotelriese Accor eben den früheren Kursaal als Swissôtel mit 171 Zimmern neu eröffnet, in Basel folgt im September das neueste Mövenpick-Hotel mit 234 Zimmern. In Genf steigt die deutsche Gruppe Oetker Collection mit dem «Woodward» ab September ins Rennen.

«Schweizer Städte sind spannend»

Diese Neueröffnungen trotz Krisensituation hätten ihre Logik, sagt Jürg Stettler. Er leitet das Institut für Tourismus und Mobilität an der Hochschule Luzern. «Die Schweiz bleibt attraktiv. An der relativen Wettbewerbsfähigkeit des Landes hat sich wenig geändert, vielleicht hat die Schweiz sogar gewonnen», sagt er. Stabilität, Sicherheit, Sauberkeit – all dies werde noch immer mit der Schweiz assoziiert. Zudem hätten Hoteleröffnungen eine Vorlaufzeit von einigen Jahren. «Solche, die jetzt anstehen, wurden viel früher entschieden. Es wurden Verträge unterschrieben und Bauarbeiten durchgeführt.»

Schweizer Städte seien spannende Orte, findet Stettler. Sie dürften bald wieder mehr Reisende begrüssen. «Events kommen wohl zuerst zurück, dann internationale Ferienreisende, danach Gruppenreisende und am Schluss die Geschäftsreisenden.»

Warum gehen die Ketten nicht in die Berge?

Zürich und Genf seien gut aufgestellt, Hotelprojekte hier seien zukunftsfähig. Dass es grosse internationale Ketten vermehrt in die Berge zieht, glaubt Stettler hingegen nicht. «Diese Firmen brauchen Standorte, die in allen Saisons funktionieren. Nur so erreichen sie eine hohe durchschnittliche Auslastung. In den Bergen funktioniert das allerhöchstens in ein paar wenigen Destinationen wie Zermatt.»

Ein «weiter wie bisher» werde aber auch in den Städten nicht funktionieren. «Hotels müssen heute anderen Bedürfnissen entsprechen als früher, als man einen riesigen Kasten an einigermassen guter Lage hinstellen konnte und der sich die Woche durch fast automatisch mit Geschäftsreisenden füllte.» Geschäfts- und Ferienreisen verschmölzen immer mehr, kleinere Formate seien gefragt. «Ein Hotel muss sich heute darauf einstellen, dass nicht mehr der klassische Geschäftsreisende kommt, sondern vielleicht Teams, die auch etwas erleben wollen.»

Kino, Bar und Dachterrasse

Im Hotel wird es ein kleines Kino geben (wie hier in einem Haus in Wien).

Im Hotel wird es ein kleines Kino geben (wie hier in einem Haus in Wien).

Ruby Hotels

Diesen Trends versuchen Hotels zu entsprechen, etwa, in dem sie auf mehr Unterhaltungsangebote setzen. Das Ruby Hotel in Zürich wird ein kleines Kino beherbergen und damit auch der Historie des Gebäudes Rechnung tragen. Es soll auch von Gästen gemietet werden können. Zudem wirbt die Kette auf ihrer Website mit einer 24-Stunden-Bar und einer Bibliothek. Das Haus in Genf erhält eine Dachterrasse.

Die Neueintritte internationaler Ketten könnten tiefere Preise bedeuten. Tourismus-Fachmann Jürg Stettler glaubt, dass es eine Transformation geben wird und dass ein Teil der existierenden Häuser aus dem Markt ausscheiden werden. Besonders unabhängige Drei-Sterne-Häuser, die in den letzten Jahren zu wenig investierten, seien stark unter Druck. «Neue Ketten-Hotels kommen hinzu, ältere unabhängige Häuser verschwinden», prophezeit Stettler. «Zwei neue Hotels werden eineinhalb alte ersetzen.»

«Temporär könnte es zu einem Preiskampf kommen», sagt er. «Dann nämlich, wenn neue Anbieter mehr Kapazität reinbringen als verschwindet und sich bestehende Anbieter mit tiefen Preisen zu behaupten versuchen.» Dauerhaft sehe er aber keine Preiserosion. Der Tourismus sei und bleibe eine Wachstumsindustrie. Das sehe man auch an aktuellen Entwicklungen: «Wo gereist werden kann, wird gereist».

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