Terror in Sydney
Hat die Marke Lindt wegen der Geiselnahme nun einen Kratzer?

Bei der Geiselnahme von Sydney ging das Logo von Lindt & Sprüngli um die Welt. Hat das für den Schokoladenhersteller negative Konsequenzen? Oder profitiert die Firma gar davon? Zwei Experten erklären.

Antonio Fumagalli
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Das Lindt-Logo geht wegen der Geiselnahme um die Welt.

Das Lindt-Logo geht wegen der Geiselnahme um die Welt.

Keystone

«Lindt – merry christmas». Der geschwungene Schriftzug des Schweizer Schokoladenherstellers Lindt & Sprüngli ging am Montag um die Welt – eigentlich genau das, was sich die Verantwortlichen einer grossen Marke wünschen.

Lindt & Sprüngli-Konzernleitung "schockiert" von Geiselnahme

Der Schokoladenhersteller Lindt & Sprüngli hat den Familien der Opfer nach der Geiselnahme in Sydney seine "tiefe Betroffenheit" zum Ausdruck gebracht. Das Unternehmen werde den Opfern und deren Angehörigen jegliche Unterstützung zukommen lassen, hiess es in einer Mitteilung vom Firmenhauptsitz in Kilchberg im Kanton Zürich.

Er sei "schockiert und zutiefst traurig", schreibt CEO Ernst Tanner in der Mitteilung vom Montagabend.

Die Lindt-Chocolat-Cafés in Australien hatten sich nach der Geiselnahme in einer ihrer Filialen in Sydney bereits an die Öffentlichkeit gewandt. Sie dankten allen für ihre Unterstützung in dieser schwierigen Situation, hiess es auf der Unternehmensseite auf Facebook.

Sie seien sehr besorgt über diesen schlimmen Vorfall, und ihre Gedanken und Gebete richteten sich an die Angestellten des Cafés und deren Verwandten und Freunden.

Gemäss der Internetseite des Unternehmens existieren in Australien acht Lindt Chocolat Cafés, davon vier in Sydney.

Der Anlass für die weltweite Verbreitung ist allerdings unschön: Ein Geiselnehmer hat sich ausgerechnet in der fürs Geschäft so wichtigen Weihnachtszeit das Lindt-Café im Zentrum Sydneys ausgesucht und Angestellte und Kunden gezwungen, eine schwarze Flagge mit dem islamischen Glaubensbekenntnis ans Fenster zu halten. Direkt vor das Logo des Schweizer Traditionsunternehmens.

Was bedeutet das nun für den durchwegs mit positiven Konnotationen besetzten Ruf der Marke? Leidet dieser unter der Geiselnahme oder profitiert Lindt & Sprüngli möglicherweise gar von der ungeplanten Publicity? Das Unternehmen selbst wollte sich gestern nicht dazu äussern.

Nur aus Zufall betroffen

Marketingexperten gehen davon aus, dass die Auswirkungen aufs Image des Schokoladenherstellers letztlich verhältnismässig gering sein werden. Entscheidend dafür ist, dass gemäss jetzigem Kenntnisstand aus purem Zufall ins Fadenkreuz terroristischer Aktivität gekommen ist.

Eine verletzte und sichtlich mitgenommene Geisel muss weggetragen werden.
26 Bilder
Nach der Stürmung des Cafés: Sanitäter bringen eine verletzte Geisel zu einem Krankenwagen.
Geiselnahme in Lindt-Café in Sydney
 Dann wird ein Spezialroboter zum Entschärfen von Sprengsätzen in das Café gesteuert.
Die Polizei stürmt das Lindt-Café.
Polizei stürmt Café in Sydney.
Man Haron Monis, der Geiselnehmer von Sydney, nannte sich selbst einen Scheich.
Nach Beginn der Geiselnahme: Die Polizei riegelt das Gelände im Stadtzentrum von Sydney ab.
Der Geiselnehmer während der Geiselnahme - hier kaum erkennbar im Café.
Die Polizei ist mit einem Sonderkommando vor Ort
Die Polizei ist mit einem Sonderkommando vor Ort
Die Polizei ist mit einem Sonderkommando vor Ort
Diese Geisel kann aus dem Café entkommen.
Im Lauf des Tags können drei Männer und zwei weibliche Angestellte dem Geiselnehmer entkommen. Mit schreckverzerrten Gesichtern rennen die jungen Frauen in die Arme wartender Polizisten.
Passanten in der Umgebung werden weggebracht
Passanten in der Umgebung werden weggebracht
Sicherheitskräfte sind überall im Stadtzentrum postiert.
Am Schaufenster war eine Flagge in arabischer Schrift zu sehen
Das australische Fernsehen zeigte diese Bilder
Das australische Fernsehen zeigte diese Bilder
Der australische Premierminister Tony Abbott spricht an einer Medienkonferenz über die aktuelle Situation

Eine verletzte und sichtlich mitgenommene Geisel muss weggetragen werden.

Keystone

«Die Kunden assoziieren die Marke nicht mit dem Negativereignis. Lindt & Sprüngli hat mit der Aktion eigentlich gar nichts zu tun», sagt Peter Fischer vom Institut für Marketing an der Uni St. Gallen. Wichtig sei, dass das Unternehmen nun nicht selbst versuche, Profit aus der Situation zu schlagen – diesen Fehler würden die Marketingverantwortlichen aber «niemals begehen», so Fischer.

Keine Schoggi aus Mitleid

Klar ist: Die Bekanntheit der Schweizer Marke hat mit dem gestrigen Tag zugenommen – nicht nur aufgrund der spektakulären Bilder auf den Onlineportalen. Auch in den sozialen Medien wurde das Ereignis unter dem Stichwort «Lindt-Café» diskutiert.

Ein verbreiteter Markenname kann den Kaufentscheid eines Konsumenten zwar beeinflussen, er reicht allerdings nicht aus. «Eine Marke muss sich auch profilieren. Das heisst, der Kunde muss ein Produkt gut finden», sagt Markenexperte Stefan Vogler. Dieser zweite Aspekt habe sich nicht verändert. Niemand kaufe nun Schokolade aus Mitleid mit der Marke.

Denkbar ist einzig, dass einige Kunden die betroffene Filiale des Lindt-Cafés nun nicht mehr besuchen. Doch auch dies sei nur eine Frage der Zeit, so Marketing-Forscher Fischer: «Spätestens in einem halben Jahr wird der Ort wohl wieder genau gleich wie zuvor frequentiert.»