Wirtschaftsfaktor

Glühwein verdrängt Kleinkunst - nicht alle profitieren gleichermassen vom Weihnachtsmarkt-Boom

Für Glühwein geben die Leute am Weihnachtsmarkt am meisten Geld aus.

Für Glühwein geben die Leute am Weihnachtsmarkt am meisten Geld aus.

Weihnachtsmärkte sind ein riesiger Wirtschaftsfaktor. Stände mit Handwerkskunst haben es aber schwerer als jene mit Glühwein und Raclette.

Dieses Wochenende buhlen die vielen Weihnachtsmärkte nochmals um Besucher. Das Angebot ist inzwischen riesig. Schweiz Tourismus listete auf seiner Veranstaltungsseite dieser Tage noch 181 Weihnachts- und Adventsmärkte auf. Tausende weitere gibt es im umliegenden Ausland. Und jedes Jahr entstehen neue Märkte. Vor allem in den vergangenen fünf Jahren ist die Anzahl laut Schweiz Tourismus deutlich gestiegen. Viele dauern zudem länger als früher, vier statt nur zwei Wochen.

Die Gestaltung der Märkte hat sich in der jüngeren Vergangenheit gewandelt. «Die Märkte entwickeln sich von einfachen, kommerziellen Veranstaltungen mit Waren- und Essensständen zu geselligeren Veranstaltungen, bei denen die lokale Küche und die Unterhaltung eine immer wichtigere Rolle spielen», heisst es bei Schweiz Tourismus.

Deutsche Medien beklagen das «Verkommen der Weihnachtsmärkte zu Volksfesten»

Teilweise habe bereits der Pop-up-Trend Einzug erhalten: An gewissen Märkten gibt es etwa wechselnde Essensstände. Beispiele sind das Weihnachtsdorf Zürich oder der Markt auf dem Münsterplatz in Bern. Dieser Trend hin zu geselligeren Veranstaltungen zeigt sich in der Mischung der Stände. An manchen Märkten kann man praktisch nur noch Glühwein trinken und Raclette essen, aber keine handgeschnitzten Holzfiguren oder gestrickten Wollsocken kaufen.

Manche mögen das bedauern. In Deutschland beklagte der «Spiegel Online» jüngst das «Verkommen der Weihnachtsmärkte zu Volksfesten». «Kleinkunst wird rar, Glühwein und Fressbuden regieren die Städte», schrieb das Portal. Die Entwicklung gibt es in ganz Europa. Laut einer europaweiten Studie des britischen Zentrums für Einzelhandelsforschung geben die Leute das meiste Geld auf Weihnachtsmärkten für Essen aus. An zweiter Stelle steht Glühwein, gefolgt von Süssigkeiten wie gebrannten Mandeln. Nur ein knappes Drittel suche gezielt nach Geschenken.

Leute geben am meisten Geld für Glühwein aus

Hört man sich in der Marktszene in der Schweiz um, scheint Glühwein hier klar die Nummer eins zu sein. «Wenn Warenstände nicht etwas Exklusives anbieten, haben sie es sehr schwer», sagt der Präsident vom Schweizerischen Marktverband Jürg Diriwächter. Zum Verdrängungswettbewerb komme hinzu, dass das alte Handwerksgewerbe allmählich aussterbe. Drechsler oder Glasbläser seien etwa immer schwerer zu finden. Häufig wird deshalb der Vorwurf eines Waren-Einheitsbreis laut. Schweiz Tourismus findet jedoch, dass manche Märkte heute qualitativ besser sind und sich klarer positionieren – etwa auf ein junges, urbanes Publikum.

Einigkeit besteht darüber, dass Weihnachtsmärkte noch stärker zur Haupteinnahmequelle geworden sind. Wie hoch die Einnahmen sind, ist nicht bekannt – was ihre Umsätze angeht, hüllen sich die Aussteller in Schweigen. Etwas Aufschluss geben die Ausgaben der Besucher und die Höhe der Standmiete. Laut einer Studie von Tourismusstudenten aus dem Wallis gaben Besucher des Weihnachtsmarkts Montreux im Jahr 2017 durchschnittlich 66 Franken pro Tag aus. In Basel sind es laut Sabine Horvath, Leiterin des Stadtmarketings sogar 90 Franken pro Tag, wie sie gegenüber dem «Blick» sagte. Dazu kämen Ausgaben in Läden und Restaurants in der Höhe von noch einmal gut 100 Franken pro Person.

Die Höhe der Standmieten aufzuschlüsseln, ist schwieriger. Sie variiert von Stadt zu Stadt und von Stand zu Stand und wird von den jeweiligen Organisatoren festgelegt. Generell gilt: Kommunen, Vereine oder nicht-profit-orientierte Organisationen verlangen deutlich tiefere Mieten als Private und Eventfirmen. Letztere sind in der Mehrheit und veranstalten etwa sämtliche Weihnachtsmärkte in Zürich.

Standmieten werden zunehmend teurer

In der Regel finden die Märkte auf öffentlichem Grund statt, weshalb die Mieten von den Gebührenreglementen der Kommunen abhängig sind. Dem Vernehmen nach verlangen Vereine Mieten ab rund 2000 Franken, Eventfirmen ab 5000 Franken. Insgesamt würden die Mieten zunehmend teurer. Grundsätzlich bezahlen Schausteller mit stark nachgefragten Buden ausserdem mehr – Glühwein- und Essensverkäufer subventionieren dadurch sozusagen die Handwerker. Peter Howald, Präsident vom Schaustellerverband Schweiz, geht davon aus, dass Glühweinstände eine bis zu sechsmal höhere Standmiete als Handwerksstände bezahlen.

Am Weihnachtsmarkt Chur, wo er selbst ein Glühwein- und Fonduehaus betreibt, sei dies der Fall. «Auf diese Weise versuchen wir das einheimische Gewerbe und Handwerk zu fördern. Denn von einer guten Mischung am Markt profitieren alle.» Teilweise resultieren die Unterschiede durch die Nebenkosten. Etwa beim Weihnachtsmarkt auf dem Luzerner Franziskanerplatz müssen Glühwein- und Essensstände separat für Strom- und Wasserkosten aufkommen. Die Basismiete sei für sie dafür nur rund doppelt so teuer, heisst es beim Organisationskomitee. «Wir versuchen eine möglichst gerechte Miete zu generieren. Da wir aber keine Ahnung von den Umsätzen haben, ist das relativ schwierig», sagt Sekretär Peter Müller.

Schausteller kritisieren Umsatzbeteiligung

Eventfirmen verlangen darüber hinaus vermehrt eine Umsatzbeteiligung. Diese kann je nach Standort der Bude variieren und teils sogar die Standmiete ersetzen. Für viele Schausteller ist sie jedoch ein No-Go. Einer davon ist Michael Hägeli, der mit seinem Magenbrot- und Süsswarenstand seit Jahrzehnten quer durch die Schweiz reist. «Ich würde einen solchen Vertrag niemals unterschreiben. Die Firma würde mir auch nicht aus der Patsche helfen, wenn ich schlecht verdienen würde.» Es sei jedoch ein legitimes Geschäft, räumt Hägeli ein.

Vom Boom der Weihnachtsmärkte profitiert auch die Hotellerie. Die Logiernächte im Dezember sind seit 2005 überdurchschnittlich stark gestiegen. 2005 waren es rund 2,1 Millionen, 2018 waren es bereits 2,7 Millionen (plus 29 Prozent). Ein wichtiger Zielmarkt für die Weihnachtsmärkte ist Italien – am wichtigsten sind aber immer noch die Einheimischen.

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Autor

Gabriela Jordan

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