Krankenversicherung
Finma-Hammer: Ex-Chefs der Groupe Mutuel verletzten Aufsichtsrecht

Die Finanzmarkt-Aufsicht Finma reicht nach Prüfverfahren gegen den Walliser Kassenkonzern Strafanzeigen ein.

Roman Seiler
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Der Hauptsitz der Groupe Mutuel in Martigny: Hier hatte Präsident Pierre-Marcel Revaz sein Büro bis im letzten Herbst. Keystone

Der Hauptsitz der Groupe Mutuel in Martigny: Hier hatte Präsident Pierre-Marcel Revaz sein Büro bis im letzten Herbst. Keystone

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Sternzeichen Löwe, Ökonom, einstiger Kassenkönig: Pierre-Marcel Revaz (62), Sohn eines Lastwagenfahrers aus dem Bergdorf Salvan ob Martigny VS, machte innert 33 Jahren aus einem Walliser Kässeli ein Versicherungskonglomerat mit 1,2 Millionen Grundversicherten. Die von Revaz geführte Groupe Mutuel, ein Verein, führt heute die Administration von aktuell fünf Grund- und zwei Zusatzversicherern durch.

Seit Donnerstag ist nun amtlich, warum Revaz im letzten Herbst seine Machtposition als letztlich geschäftsführender Präsident des Krankenversicherers abgegeben hat. Es war nicht freiwillig. Und es ging eben nicht, wie damals in einem Mutuel-Communiqué suggeriert worden ist, um «einen Generationenwechsel». Bei bei der Groupe Mutuel habe es «langjährige Missstände betreffend der guten Geschäftsführung, der internen Kontrollen und des Risikomanagements» gegeben, sagt der Sprecher der Finanzmarktaufsicht (Finma): «Wir kamen zum Schluss, dass Massnahmen zur Verbesserung dieser Missstände nur von einer neuen Führungscrew glaubwürdig durchgesetzt werden können.» Damals gaben auch Revaz engste Weggefährten, Daniel Overney und Pierre-Angel Piasenta, ihre Tätigkeiten bei der Groupe Mutuel auf.

Akquisitionsverbot erteilt

Die Finma führte ein aufwendiges Prüfverfahren bei der Groupe Mutuel durch. Im gewinnorientierten Zusatzversicherungsgeschäft zahlten 9000 Kunden zu hohe und 15'000 zu tiefe Prämien. Wer zu viel bezahlte, erhielt sein Geld zurück. Zudem ging ein externer Prüfbeauftragter «allfälligen Schwächen» der Corporate Governance und Compliance nach.

Die Finma schloss das Prüfverfahren ab, teilte sie gestern mit. Sie kam zum Schluss, «dass Groupe Mutuel über einen längeren Zeitraum in schwerer Weise gegen die Anforderungen an die Gewähr für eine einwandfreie Geschäftstätigkeit und damit gegen das Aufsichtsrecht verstossen hat». Daher verlangt die Aufsicht:

Die Groupe Mutuel dürfe bis Ende 2016 keine neuen Kundenportefeuilles in der Zusatzversicherung akquirieren.

Die Aufsicht will sämtliche Tarife der im Zusatzgeschäft tätigen Versicherer der Groupe Mutuel bis im Februar des kommenden Jahres überprüfen.

Zudem sollen Mutuel Zusatzversicherern Dienstleistungen zum Teil zu unterschiedlichen Preisen verrechnet worden sein. Bei der Groupe Mutuel wird geprüft, ob eine Einsprache gegen die Massnahmen gemacht werden soll.

Schmachvoll ist die Untersuchung für die abgetretenen Mutuel-Chefs. Die Finma fordert die Groupe Mutuel auf, «unangemessene Abgangsentschädigungen an ehemalige Gewährsträger zu verhindern». Das hat der im Herbst rundum erneuerte Verwaltungsrat offenbar bereits getan. Er verweigerte gemäss gut unterrichteten Quellen die Auszahlung von vertraglich festgelegten Abgangsentschädigungen in der Höhe von mehreren Millionen Franken. Betroffen sein dürften Revaz, Piasenta und Overnay. Sie waren nicht zu sprechen. Doch das ist längst nicht alles, was möglicherweise droht. Das Prüfverfahren habe «Hinweise auf mögliche Straftaten» ergeben: «Die Finma wird daher bei den zuständigen Behörden Strafanzeige erstatten.» Wer betroffen ist, blieb offen.

Ex-Chefs bald ohne Mandate

Die Finma rügt zum einen die ungenügende Gewaltentrennung und die «massive Ämterkumulation auf der Ebene der Organe sowie der Gruppengesellschaften»: So war Pierre-Marcel Revaz nicht nur Präsident der Gruppe, sondern letztlich auch operativer Chef. Zudem sassen er, Overney und Piasenta lange in fast allen Stiftungs- und Verwaltungsräten von Mutuel-Gesellschaften. Nun werden sie auch ihre letzten, verbliebenen Mandate in den Stiftungen noch abgeben, wie ein Mutuel-Sprecher bestätigt.

Zum anderen rügt die Finma die Saläre, welche sich die Ex-Mutuel-Chefs gönnten. Lux sagt: «Das Vergütungssystem war undurchsichtig. Die Vergütung bestand aus bis zu 49 Positionen pro Person und Jahr. Zur Höhe einzelner Bezüge nehmen wir keine Stellung.» Das Vergütungssystem hätte «überproportional die Interessen von Einzelnen» begünstigt und sei nicht «am nachhaltigen Erfolg der Gesellschaft» ausgerichtet gewesen. Eine Rückforderung von Bezügen ist offenbar nicht möglich. Geschädigt worden sei höchstens das Unternehmen, nicht Versicherte.

Lohnsystem: Millionen für die Chefs

Der Kassenkönig der Groupe Mutuel (GM), Pierre-Marcel Revaz, weigerte sich stets, seinen Lohn offenzulegen. Dass es mehr als eine Million sei, liess er durch seinen Sprecher stets dementieren. Im November 2014 enthüllte die «Nordwestschweiz»»: Allein Revaz Boni von 800 000 Franken bei den beiden Zusatzversicherern überstiegen 2011 die Saläre der Chefs von CSS und Helsana. Beide Krankenversicherungskonzerne haben wie die Mutuel mehr als eine Million Grundversicherte. Insgesamt kassierte Mutuel-Präsident Revaz nach 2010 rund 2,2 Millionen Franken.

Generaldirektor Daniel Overney kam auf 1,2 bis 1,35 Millionen und GM-Sekretär und Vizedirektor Pierre-Angel Piasenta auf 1,1 Millionen Franken. Die Saläre setzten sich, wie die Finma jetzt bestätigt, aus bis zu 49 verschiedenen Positionen zusammen. GM-Sprecher haben dies bis heute weder kommentiert, noch dementiert.

Inwieweit Revaz bei seinen Bezügen mitredete, ist offen. Fakt ist: Er war nicht nur Präsident der Groupe Mutuel. Er war laut Tätigkeitsbericht 2013 auch Mitglied des Entschädigungsausschusses.
Der im letzten Herbst neu besetzte Verwaltungsrat beendete das Versteckspiel bei den Salären. Gemäss Tätigkeitsbericht 2014 kann die neue Präsidentin, Karin Perraudin, höchstens 220 000 Franken beziehen. Bei Verwaltungsratsmitgliedern sind es 90 000 Franken. Wer genau das höchste Gehalt in der Generaldirektion bezogen hat, umschreibt die Groupe Mutuel nicht. Angenommen werden darf: Der im April 2014 zum Generaldirektor gewählte Paul Rabaglia bezog die 453 279 Franken. (sei)

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