Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte im März ein massives quantitatives Lockerungsprogramm vom Stapel gelassen. Seither kauft sie monatlich Wertschriften über 60 Milliarden Euro. Mit einer Laufzeit bis September 2016 brachte es 1140 Milliarden Euro auf die Waage.

Im Dezember 2014 hatte die EZB die Absicht geäussert, ihre Bilanzsumme um rund 1 Billion Euro ausdehnen zu wollen. Wie bei jeder EZB-Massnahme davor schossen die Spekulationen ins Kraut, ob das Programm genüge, um die Ziele zu erreichen.

Schon im März hatte sich die EZB daher eine Hintertür offengelassen, sollte die Inflationsrate in der Eurozone nicht wieder deutlich in Richtung der Zielrate von knapp unter 2 Prozent tendieren.

In diesem Fall würde das Programm so lange weiterlaufen, bis sich die Inflation diesem Wert nähert. Die EZB könnte schon an ihrer Ratssitzung von heute Donnerstag genau dies bekannt geben.

Deflationsgefahr nicht gebannt

Die schwache Inflationsentwicklung scheint Skeptikern unterdessen recht zu geben. Vor einem Jahr lag die Inflation noch bei 0,4 Prozent, Ende Jahr bei –0,2 Prozent. Im Januar 2015 folgte mit –0,6 Prozent ein massiver Rückgang.

Kaum erstaunlich, dass die EZB just dann weitere Massnahmen angekündigt hatte. Im Februar sank das Preisniveau um 0,3 Prozent, im März legte es mit +0,1 Prozent zwar leicht zu. Im April kam der Aufwärtsdruck indes bereits zum Stillstand, im September rutschte die Teuerung um 0,1 Prozent unter null.

Der Sog unter die Nulllinie droht die Eurozone in die Deflation zu stürzen, ein Prozess sich selbst erfüllender Erwartungen, bei dem sinkende Preise von den Konsumenten als Signal dafür gesehen werden, dass die Güter in Zukunft noch billiger werden.

In der Folge nimmt ihre Nachfrage ab, weil sie den Kauf aufschieben. Dadurch fallen die Preise tatsächlich, der Prozess verstärkt sich selbst.

Kaum Entwarnung geben die neusten Schätzungen der Statistikbehörde Eurostat: Im November dürfte die Inflation wie im Oktober schwache 0,1 Prozent betragen.

Wie das Kaninchen vor der Schlange

Der Markt geht mehrheitlich davon aus, dass die EZBam Donnerstag weitere Massnahmen bekannt gibt, in Form einer Verlängerung beziehungsweise Aufstockung des Kaufprogramms und/oder einer weiteren Senkung des Einlagensatzes von –0,2 auf –0,3 Prozent. Geschürt wurden diese Erwartungen wiederholt durch EZB-Präsident Mario Draghi selbst.

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) dürfte dem Entscheid noch gebannter entgegensehen als die Investoren. Für sie wäre eine noch lockerere EZB-Geldpolitik eine Hiobsbotschaft. Die Erwartung einer Euroschwemme im März hatte sie den Euromindestkurs von Fr. 1.20 pro Euro am 15. Januar aufheben lassen.

Sie hätte sonst noch mehr Euros kaufen müssen, um die Gemeinschaftswährung auf diesem Niveau zu halten. Die Risiken künftiger Verluste auf ihren Eurobeständen wollte sie nicht eingehen.

Die SNB-Bilanzsumme ist fast so gross wie die Wertschöpfung der Schweizer Wirtschaft in einem ganzen Jahr (Bruttoinlandprodukt, BIP). Das ist in keinem anderen Industriestaat ausser in Japan der Fall. Um den Wegfall des Euromindestkurses abzufedern, hatte die SNB ihre Zinsen mit –0,75 Prozent bereits weiter ins Negative rutschen lassen als die EZB. Viel könnte sie daher nicht mehr tun.

Dass der Markt inzwischen so sehr an weitere Massnahmen glaubt, birgt aber eine grosse Enttäuschungsgefahr. Liefert Draghi nicht genug, könnten die Börsen verschnupft reagieren. Denn billiges Geld stützt die Aktienkurse.