Lieferverbot

Die Uhrwerkfabrik, die nicht liefern darf – ein Portrait

Beschäftigt die Wettbewerbshüter: Mechanisches Uhrwerk der ETA.

Beschäftigt die Wettbewerbshüter: Mechanisches Uhrwerk der ETA.

Über sie verhängt die Wettbewerbskommission ein Lieferverbot: Die ETA, Uhrwerkfabrik der Swatch Group von Nick Hayek.

Der beschauliche Ort Grenchen am Jurasüdfuss zwischen Solothurn und Biel wird baulich von einem gewaltigen Komplex beherrscht, der weitum sichtbar zwischen den beiden Bahnhöfen Grenchen Nord und Grenchen Süd aufragt. Hier befindet sich der Hauptsitz der Firma ETA, dem grössten Hersteller von Uhrwerken der Schweiz.

Die ETA gehört zur Swatch Group und ist eines der bestgehüteten Geheimnisse des Uhrenkonzerns unter der Leitung von Nick Hayek. Denn Uhrwerke, insbesondere mechanische, rational in hohen Stückzahlen herzustellen und dabei eine gleichbleibende Qualität zu erzielen, erfordert jahrzehntelange Erfahrung, und die teilt man nicht gerne mit der Konkurrenz.

Dieser Vorsprung ist einer der Gründe, weshalb die ETA kaum Konkurrenten hat, die preislich mit ihr mithalten können. In geschätzten achtzig Prozent der mechanischen «Swiss Made» Uhren ticken deshalb Kaliber der Grenchner Firma.

Diese einseitige Herkunft Schweizer Uhrwerke hat historische Ursprünge. Vor der sogenannten Quarzkrise, der Zeit ab Mitte der Siebzigerjahre, als billige Quarzuhren aus Fernost die Schweizer Uhrenindustrie in die Knie zwangen, herrschte eine grosse Vielfalt an Herstellern mechanischer Uhrwerke. Es gab sowohl Uhrenmarken, die ihre eigenen Werke herstellten, als auch spezialisierte Werkehersteller, welche die Uhrenmarken mit fertigen oder halbfertigen Uhrwerken belieferten.

Unter den externen Herstellern gab es grosse Generalisten und kleine Spezialisten, wie zum Beispiel Firmen, die nur Chronografen oder sonstige komplizierte Uhrwerke in kleinen Stückzahlen produzierten. Die Grenchner ETA befand sich damals bereits unter den grossen Generalisten. Sie war 1936 aus der «Eterna Werke Gebr. Schild & Co» herausgelöst worden, die unter dem Namen «Eterna» weiterhin Fertiguhren herstellte, unter dem Namen ETA jedoch sich selbst und andere Uhrenmarken mit Uhrwerken belieferte. Eterna und ETA gehörten der Superholding Asuag (Allgemeine Schweizer Uhrenindustrie AG) an, die von Deutschschweizer Uhrenbetrieben dominiert war. Ihr mächtiges welsches Gegenstück war die SSIH (Société Suisse pour l’Industrie Horlogère) mit einer ebenso grossen Uhrwerksfabrik, der Fabrique d’Horlogerie de Fonteinemelon (FHF).

Um die Schweizer Uhrenindustrie zu sanieren, ordnete der 1982 vom Schweizerischen Bankverein und der Schweizerischen Bankgesellschaft eingesetzte Manager Nicolas G. Hayek die Fusion von Asuag und SSIH an. Dabei blieb auch bei den Ebauches-Herstellern, welche die Uhrenmarken mit Uhrwerken belieferten, kein Stein auf dem anderen. Die ETA sollte als einziger solcher Lieferant in der neuen Holding mit dem Namen «Société de Microéléctronique et Horlogerie» (SMH), ab 1998 Swatch Group, übrig bleiben. Die restlichen noch vorhandenen Werkezulieferer, die zu einer der beiden grossen Holdings gehört hatten, wurden in die ETA integriert. Noch heute besitzt die ETA deshalb zahlreiche vor allem über den Jurabogen verstreute Standorte, die ursprünglich ihre eigenen Konkurrenten gewesen waren.

Eine halbe Million Uhrwerke im Jahr 2019 ausgeliefert

Für die Marken der Swatch Group produziert ETA Uhrwerke quer durch alle Preisklassen. Dazu gehört sowohl die Produktion der Swatch als auch die Herstellung exklusiver Uhrwerke für die Marke Omega. Für Marken ausserhalb der Gruppe hat die ETA einen Katalog von Standardkalibern in unterschiedlich raffinierten Versionen. Etwa eine halbe Million mechanischer Uhrwerke hat ETA im laufenden Jahr an Marken ausserhalb der Swatch Group verkauft. Dazu gehören sowohl bekannte Namen aus anderen Luxusgruppen als auch kleine unabhängige Uhrenmarken.

Verdikt gewissermassen selber heraufbeschworen

Diese Woche hat die Wettbewerbskommission (Weko) ein vorübergehendes Lieferverbot über die ETA verhängt. Nick Hayek kritisierte daraufhin, die Weko schade der Uhrenindustrie. Diese bezeichnete Hayeks Kritik als widersprüchlich. Es ist nicht das erste Mal, dass die Swatch Group mit der Weko im Clinch liegt. Mit der Gründung der SMH, der heutigen Swatch Group, geht Nicolas G. Hayek 1983 die Verpflichtung ein, die übrigen Marken mit Uhrwerken zu beliefern, zumal die ETA ein Quasi-Monopol auf die Produktion mechanischer Uhrwerke besitzt. Nur wenige Marken im oberen Preissegment haben damals noch die Kapazität, eigene Uhrwerke zu produzieren.

Rund zwanzig Jahren geht das gut. Dann möchte Hayek Junior allmählich selbst bestimmen, welche Marken er mit ETA-Werken beliefert. 2013 erlaubt ihm die Weko, die Lieferungen bis 2019 zurückzufahren. Die Kunden sollen Zeit haben, Alternativen zu suchen, oder eine eigene Uhrwerksproduktion aufzubauen.

In der Zwischenzeit gibt es tatsächlich ein paar alternative Uhrwerkshersteller, wie etwa Sellita in La Chaux-de-Fonds. Etliche Uhrenmarken produzieren auch eigene Werke, die sie jedoch nur für ihre Spitzenprodukte verwenden. Für Uhren der Einstiegsklasse sind Standardwerke von ETA jedoch nach wie vor unersetzlich. Für die ETA kommt das Verdikt der Weko, das ihr oberster Chef gewissermassen selbst heraufbeschworen hat, zum ungünstigsten Moment. Angesichts der rückgängigen Nachfrage nach Uhren hat sie Überkapazitäten und wäre nun wohl froh, weiterhin an Dritte liefern zu können.

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