Lira
Die türkische Währung stürzt ab, die Bevölkerung ist unzufrieden und europäische Banken wollen raus

Die Lira verliert an Wert. Viele europäische Geldinstitute sind exponiert. Manche möchten die Türkei verlassen. Die türkische Bevölkerung reagiert zunehmend wütend.

Gerd Höhler
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Der Absturz der Lira führt zu Protesten (am 26. November in Istanbul).

Der Absturz der Lira führt zu Protesten (am 26. November in Istanbul).

Keystone

Rund 45 Prozent hat die Lira in diesem Jahr bereits abgewertet. Allein in den vergangenen zwei Wochen verlor die türkische Währung gegenüber Dollar und Euro ein Fünftel ihres Werts. Der Lira-Verfall könnte für europäische Banken zu einem ernsten Problem werden. So rasant ging es mit der Lira zuletzt während der schweren türkischen Finanzkrise von 2001 bergab.

Ein Ende der Talfahrt ist nicht in Sicht, so lange der autoritäre Staatschef Recep Tayyip Erdogan an seiner umstrittenen Niedrigzinspolitik festhält. Die Teuerung liegt bei 20 Prozent, die Preise vieler Lebensmittel sind sogar weitaus stärker gestiegen. Die Inflation trifft vor allem die Kleinverdiener und die Mittelschicht, Erdogans Kernklientel. Die Demoskopen registrieren wachsende Unzufriedenheit in der Bevölkerung.

Angst vor Firmenpleiten geht um

Aber nicht nur die Verbraucher leiden. Der Lira-Verfall trifft auch viele Firmen, die Kredite in Fremdwährungen aufgenommen haben, aber ihre Erlöse in Lira erwirtschaften. Sie müssen nun immer höhere Lira-Beträge für den Schuldendienst aufwenden. Das kann für viele Unternehmen an die Substanz gehen. Sogar mehrere Grosskonzerne mussten deshalb mit den Banken bereits Umschuldungen aushandeln.

Die türkischen Banken sind wegen des Lira-Verfalls mit wachsenden Risiken konfrontiert. In den Chefetagen der Geldinstitute geht nicht nur die Angst vor Firmenpleiten um. Der Verfall der heimischen Währung treibt den Lira-Wert von Fremdwährungskrediten. Das wirkt sich negativ auf das verfügbare Kapital der Banken aus. Wohin das führen kann, zeigte die Krise von 2001. Damals gingen 21 Banken binnen weniger Monate in Konkurs.

Ausländische Banken sind in der Türkei engagiert

Betroffen von der Lira-Krise sind aber diesmal nicht nur die türkischen Geldinstitute. Das türkische Finanzsystem ist heute viel stärker international vernetzt als 2001. Vor allem spanische, italienische, französische und niederländische Banken sind in der Türkei engagiert. Die niederländische ING betreibt in der Türkei eine Tochtergesellschaft, die im Privatkunden- und Firmengeschäft aktiv ist.

Die Türkei war für ING 2020 der drittgrösste aussereuropäische Markt nach den USA und Australien. Auch die französische BNP Paribas ist in der Türkei aktiv, beispielsweise in einem Joint Venture mit der türkischen Colakglu-Gruppe.

Allein in den vergangenen zwei Wochen verlor die türkische Währung gegenüber Dollar und Euro ein Fünftel ihres Werts. (Archivbild: 23.11.2021)

Allein in den vergangenen zwei Wochen verlor die türkische Währung gegenüber Dollar und Euro ein Fünftel ihres Werts. (Archivbild: 23.11.2021)

EPA

Spanier wollen Bank zum Schnäppchenpreis

Deutsche Banken sind hingegen in der Türkei vergleichsweise schwach vertreten. Am stärksten ist die spanische Grossbank BBVA in der Türkei exponiert. Ihr gehören 49,9 Prozent der türkischen Garanti Bank, der zweitgrössten türkischen Privatbank.

Mitte November machte BBVA ein Übernahmeangebot für die verbleibenden 50,1 Prozent der Anteile. Das wollen sich die Spanier 25,7 Milliarden Lira kosten lassen. Der Betrag entsprach Mitte November, als BBVA das Angebot machte, 2,55 Milliarden Dollar. Aktuell muss BBVA für die Aktien nur noch 2,04 Milliarden Dollar bezahlen.

Das zeigt, worum es den Spaniern geht: Sie wollen im Windschatten des Lira-Absturzes die Bank zum Schnäppchenpreis übernehmen. Einen anderen Weg geht die italienische Unicredit. Sie hat bereits schrittweise ihre Beteiligung an der Yapi Kredi Bank von 40 auf 20 Prozent reduziert. Jetzt wollen die Italiener auch ihre verbleibenden Anteile an dem türkischen Geldhaus verkaufen.

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