Energiestrategie 2050
Die Energiewende steht bevor – nun krempeln Stromproduzenten ihre Firmen um

Bekannt ist, dass der Energiekonzern Alpiq knapp die Hälfte ihres Wasserkraftportfolios verkaufen will. Seit Montag ist klar: Es werden weitere Unternehmensteile dazukommen.

Fabian Hock
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Stromproduzenten wie Alpiq stehen vor grossen Herausforderungen. (Symbol)

Stromproduzenten wie Alpiq stehen vor grossen Herausforderungen. (Symbol)

Keystone

Die Schweizer Energiekonzerne stemmen sich mit allem, was sie haben, gegen die tiefen Strompreise. Bereits vor einem Jahr sorgte Alpiq-Chefin Jasmin Staiblin für Aufsehen, als sie knapp die Hälfte des Wasserkraftportfolios der Stromproduzentin ins Schaufenster stellte. Ein Käufer wurde bis heute nicht gefunden – was Staiblin gegenüber der «Nordwestschweiz» so begründet: «Wir nehmen uns die Zeit, damit wir nicht unter Wert verkaufen müssen.»

Der Preis müsse stimmen, die vertraglichen Konditionen müssten passen und die Sicherheit der Transaktion gewährleistet sein. «Wir sind sehr streng mit diesen Kriterien», versichert Staiblin. «Nur wenn alle drei erfüllt sind, verkaufen wir.» Bis heute gibt es offensichtlich niemanden, der ein genügendes Angebot abgeliefert hat.

Trotzdem kam Staiblin mit Neuigkeiten im Gepäck zur Bilanzmedienkonferenz. So soll die Wasserkraft nicht der einzige Unternehmensteil bleiben, der in Teilen zum Verkauf steht. Alpiq bündelt ihre profitablen Geschäftsfelder und öffnet sie für Investoren. Maximal zu 49 Prozent, Alpiq will die Kontrolle behalten.

Alpiq-Chefin Jasmin Staiblin will den Energiekonzern umbauen.

Alpiq-Chefin Jasmin Staiblin will den Energiekonzern umbauen.

KEYSTONE/ALEXANDRA WEY

Zu diesen Geschäftsbereichen, in denen 80 Prozent der 8500 Mitarbeitenden tätig sind, zählen: das Zukunftsfeld Digitalisierung, der Stromhandel, die neuen Erneuerbaren und auch das Service-Geschäft. Der defizitäre Bereich der Schweizer Energieproduktion, nämlich die Wasser- und Atomkraftwerke, bleibt komplett in Händen von Alpiq – mit der Besonderheit, dass die Einheit Wasserkraft ebenfalls geöffnet wird.

Axpo hat es vorgemacht

Der Alpiq-Plan erinnert an das, was Konkurrentin Axpo Ende 2016 ankündigte. Das heisst, im Dezember veranlasste Axpo-Chef Andrew Walo die Auslagerung der profitablen, in Teilen subventionierten Unternehmensteile, etwa der neuen Erneuerbaren, in eine Tochtergesellschaft. Diese soll mehrheitlich zwar in Händen der Axpo bleiben, aber – genau wie jetzt bei Alpiq – Investoren offen stehen.

Für Staiblin steht eine «industrielle Logik» hinter dem Entscheid. Andere Versorger würden etwa erst ins Dienstleistungsgeschäft einsteigen, so die Alpiq-Chefin. «Wir sind dagegen schon sehr gross in diesem Geschäft, etwa bei der Gebäudetechnik und beim Industrieanlagenbau». Dieser Teil der Alpiq sei profitabel und könnte weiter wachsen. Doch dafür brauche es Geld. «Wir müssen sicherstellen, dass genügend finanzielle Mittel bereitstehen, um dieses Geschäft weiter wachsen zu lassen», sagt Staiblin.

Die Öffnung für Investoren habe noch einen zweiten Grund: «Wir wollen damit auch Mittel beschaffen, um die Nettoverschuldung weiter zu reduzieren.» Dahinter steht folgende Überlegung: Die Erträge werden im laufenden Jahr weiter zurückgehen. Auch, weil der Strompreis weiterhin tief ist. 2016 kostete dies die Alpiq rund 100 Millionen Franken. Dass ausgerechnet während einer Hochpreisphase zum Winteranfang das Kernkraftwerk Leibstadt stillstand, kostete die Oltner weitere 42 Millionen Franken. In den ersten beiden Monaten des laufenden Jahres fiel das Kraftwerk bekanntlich ebenfalls aus, was sich auf das Ergebnis 2017 auswirken wird. Und in diesem Jahr kommt noch ein Faktor erschwerend hinzu: der Frankenschock.

Kein kalter Kaffee für Versorger

Für viele Unternehmen tönt «Frankenschock» bereits wie kalter Kaffee. Nicht so für die Energiekonzerne. Denn die Versorger sichern sich gegen Preisschwankungen ab, indem sie ihren Strom verkaufen, Jahre bevor sie ihn tatsächlich produzieren. «Hedging», nennt das der Stromhändler. So liefert Alpiq heute den Strom an Kunden, den sie ihnen bereits vor bis zu drei Jahren zu einem bestimmten Preis verkauft hat.

Damals war der Frankenschock vom 15. Januar 2015 noch nicht abzusehen. Alpiq muss also heute Strom zu wesentlich teureren Bedingungen produzieren, als sie beim Verkauf eingepreist hat. Im Laufe des Jahres wird sich das bemerkbar machen und Alpiq den Gewinn weiter wegfressen. Staiblin will deshalb wenigstens die Verschuldung senken, um kein Missverhältnis aufkommen zu lassen. Deshalb die Idee, frisches Geld ins Unternehmen zu holen.

Schon 2016 meinte es Staiblin ernst mit dem Schuldenabbau: durch Devestitionen verringerte sich die Schuldenlast von 1,3 Milliarden Franken auf 0,86 Milliarden. Dass Alpiq 2016 überdies wieder in den schwarzen Zahlen angekommen ist, beruhigt jedoch nur wenig. Zu ernst ist die Lage für die Wasserkraft.

Axpo-Chef Walo brachte daher kürzlich eine Idee aufs Tableau, die auch Staiblin schätzt: Kohlestrom aus dem Ausland zu besteuern und damit teurer zu machen. «Langfristig ist das eine Überlegung wert», sagt sie. Die Wasserkraft und die Kernkraft seien jedoch mit den heutigen tiefen Grosshandelspreisen defizitär. «Deshalb brauchen wir jetzt und heute eine Sofortmassnahme.» Auf lange Sicht müsse es jedoch eine CO2-Komponente geben, betont Staiblin.

Wie es langfristig weitergeht mit der Schweizer Energie, entscheidet sich am 21. Mai. Dann stimmt das Volk über das erste Paket der Energiestrategie 2050 ab. Dazu Staiblin: «Die Energiestrategie 2050 ist ein Schritt in die richtige Richtung. Ich möchte aber deutlich machen, dass die Massnahmen des ersten Pakets nicht ausreichen, um das Defizit der Schweizer Wasserkraft und der Kernenergie im Markt auszugleichen.»

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