Wirtschaft

Der EU-Bannstrahl trifft die Schweizer Börse: 7 Fragen und Antworten zum Streit über die Börsenäquivalenz

Nur noch in der Schweiz: Seit heute ist der Handel von Schweizer Aktien auf europäischen Börsen nicht mehr erlaubt.

Nur noch in der Schweiz: Seit heute ist der Handel von Schweizer Aktien auf europäischen Börsen nicht mehr erlaubt.

Der Streit um ein Rahmenabkommen zwischen der Schweiz und der EU strahlt seit heute direkt auf den Börsenhandel aus. Was sich hinter dem Wort «Börsenäquivalenz» verbirgt.

Nach einer seit heute Montag geltenden Verordnung des Bundesrates ist der Handel von Schweizer Aktien auf europäischen Börsen nicht mehr erlaubt.

1. Kommt es nun zu Störungen im Handel?

Die Schweizer Börse hat bislang keinerlei Störungen im Handelsgeschäft festgestellt, wie ein Sprecher am Morgen auf Anfrage erklärte. Störungen werden auch nicht erwartet. Die Schweizer Börsenbetreiberin Six hatte sieben Monate Zeit, sich auf diesen Moment vorzubereiten. Sie habe die Frist genutzt, um direkte Verbindungen zu allen Kunden aufzubauen und neuen Marktteilnehmern, die ihre Schweizer Aktien bislang nur auf EU-Börsen gehandelt haben, einen Schnellzugang zu ermöglichen, teilte die Six schon vor einer Woche mit.

2. Was sind die mutmasslichen Folgen der neuen Verordnung?

Es ist davon auszugehen, dass Schweizer Aktien in Zukunft viel mehr auf Schweizer Handelsplattformen, also vor allem auf der Six Swiss Exchange, gehandelt werden als bisher. 2018 wurden Schweizer Aktien im Wert von 1010 Milliarden Franken auf der Six Swiss Exchange gehandelt. Das Volumen entspricht etwa 70 Prozent des gesamten Handelsvolumens mit Schweizer Aktien. Die übrigen 30 Prozent wurden bislang auf verschiedenen paneuropäischen Plattformen gehandelt. Die grösste von ihnen heisst CBOE Europe.

3. Das tönt nach einem guten Geschäft für die Schweizer Börse. Warum freut sich diese trotzdem nicht?

Unter der theoretischen Annahme, dass sich der gesamte Handel mit Schweizer Aktien an der Schweizer Börse konzentriert, könnte die Six tatsächlich einen Zusatzgewinn von einigen Millionen Franken machen. Doch für deren Kunden ist die Konzentration des Handels ein Nachteil. CBOE ist zum Beispiel spezialisiert auf die Abwicklung grosser Einzeltransaktionen – sogenannte Auktionen. Da können die Kunden unter Umständen bessere Preise erhalten als auf der Six Swiss Exchange. Es kann nicht im Interesse eines Börsenanbieters liegen, seine Kunden um die Wahlmöglichkeit des Handelsplatzes mit den besten Ausführungsbedingungen zu berauben. Das wollen auch die Regulatoren in der EU nicht. Die 2007 in Kraft getretene erste Finanzmarktdirektive Mifid hatte nichts weniger als die Zerstörung der nationalen Börsenmonopole zum Ziel.

4. Warum erlässt der Bundesrat denn dieses Handelsverbot?

Der Bundesrat reagiert auf eine Massnahme der EU. Diese ist nicht mehr bereit, die Gleichwertigkeit beziehungsweise die Äquivalenz der Schweizer Börsenregulierung anzuerkennen solange sie bei der Umsetzung des geplanten Rahmenabkommens keine klaren Fortschritte sieht. Das bedeutet in der Konsequenz, dass Händler in der EU keine Aktien mehr auf Schweizer Börsenplattformen handeln dürfen. Die neue Verordnung des Bundesrates zielt darauf ab, diese Diskriminierung zu unterlaufen.

5. Das Verbot des Bundesrates funktioniert doch nur, wenn das Schweizer Recht stärker ist als das EU-Recht. Warum sollte das der Fall sein?

Es geht nicht um die Stärke der verschiedenen Rechtssysteme, sondern um die Liquidität im Handel. Mifid beziehungsweise das EU-Recht sieht vor, dass die Börsenakteure in der EU bei ungenügender Liquidität auf einem bestimmten Handelsplatz die Transaktionen dort durchführen müssen, wo der Umsatz am größten ist. Und dies ist für Aktien von Schweizer Unternehmen die Schweizer Börse. Wie erwähnt, wird hierzulande bereits 70 Prozent des Volumens umgesetzt. Diese Liquiditätsbestimmung stellt sicher, dass EU-Kunden die besten Ausführungsbedingungen erhalten. Denn grundsätzlich gilt, dass die Preise von Angebot und Nachfrage immer dort am nächsten beieinanderliegen, wo auch das meiste Geschäft getätigt wird.

6. Was geschieht, wenn die europäischen Börsen die bundesrätliche Verordnung ignorieren?

In diesem Fall müsste die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht bei der zuständigen Behörde im anderen Land intervenieren und eine Sanktionierung des Gesetzesverstosses verlangen. In der Schweiz geht aber kaum jemand davon aus, dass dieser Fall tatsächlich eintreten wird, denn dadurch würden sich die europäischen Handelsplattformen strafbar machen.

7. Und was, wenn das Vereinigte Königreich aus der EU ausscheidet?

Nach einem Brexit wären Handelsplattformen auf der Insel grundsätzlich wieder für den Handel mit Schweizer Aktien offen. Die Frage ist allerdings, ob diese Öffnung erst nach einer Übergangsfrist erfolgen würde. Es ist davon auszugehen, dass Bern und London diesbezüglich bereits in Gesprächen stehen um eine möglichst rasche Öffnung sicherzustellen.

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