Kolumne

Das Revival von Brot und Spielen

Gabriela Jordan

Gabriela Jordan

Das Coronavirus lässt die Nachfrage nach Gesellschaftsspielen in die Höhe schiessen. Wie schön für Monopoly, Jenga und Co, die lange Zeit ein Schattendasein fristen mussten.

Der Ausdruck «Brot und Spiele» ist ein Relikt aus früheren Zeiten. Römische Kaiser hielten das Volk auf diese Weise über Jahrhunderte in Bann und sicherten sich so die eigene Macht. Brot und Spiele scheinen allerdings auch in Zeiten des Coronavirus alles zu sein, was uns noch geblieben ist. Brändi-Dog-Partien und Online-Jassrunden helfen uns, in den eigenen vier Wänden nicht verrückt zu werden. Der Gang zum Supermarkt und ausgedehnte Kochsessions sind momentan das Höchste der Gefühle.

Sogar die Arbeit ist für viele inzwischen zur Nebensache verkommen – Kurzarbeit lässt grüssen. Statt von einem Geschäftstermin zum nächsten zu hetzen, beugen sich Frau und Herr Schweizer dieser Tage zu Hause also geduldig über Kartenspiele. Ob Eile-mit-Weile, Siedler von Catan oder UNO – Gesellschaftsspiele zählen neben E-Books und E-Readern eindeutig zu den Profiteuren der aktuellen Krise. Das machen folgende Zahlen deutlich: Bei den Schweizer Onlinehändlern Microspot und Digitec-Galaxus ist die Nachfrage nach Spielen bis zu viermal höher als noch vor ein paar Wochen.

Wie schön für die Spiele, die angesichts der grossen Konkurrenz von Kino, Konzerten und Sportanlässen lange Zeit ein Schattendasein fristeten. Klassiker wie Monopoly, Jenga und ABC SRF 3 erleben auf einmal wieder ein Revival. Und ob man es glaubt oder nicht, sogar langweilige Puzzles gehören aktuell zu den Topsellern. Ein Blick auf die Cinque Terre aus 1500 Teilen bei Galaxus gefällig? Vielleicht tröstet es ja über die geplatzten Italien-Ferien hinweg. Spannend und vielleicht auch lehrreich könnte «Pandemic Legacy» – das Erbe der Pandemie – sein, bei dem das Virus «Coda» spielerisch vernichtet und das Ende der Welt verhindert werden muss.

Bei aller Freude für die Spiele: Mitleid gebührt jenen, die Jasskarten und Brettspiele wie der Teufel das Weihwasser scheuen. Für sie sind es momentan besonders dunkle Stunden, werden sie doch von Familienmitgliedern oder Mitbewohnern mit Sicherheit zu der einen oder anderen Partie verdonnert. Vielleicht sind sie schlechte Verlierer, vielleicht können sie auch einfach den Ehrgeiz und die Emotionen ihrer übereifrigen Mitspieler nicht ertragen.

So lässt sich nur hoffen, dass die momentane Erfolgswelle der Spiele keinen Keil zwischen Familienmitglieder treibt. Sollten plötzlich doch Figuren herumgeschleudert und Würfel an die Wand geworfen werden, bleibt immerhin noch das Brot: Vielleicht lässt sich der Zwist ja mit einem versöhnlichen Essen kitten.

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Gabriela Jordan

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