Interview

CS-Präsident Urs Rohner im grossen Interview: «Ich habe keine Angst vor einer Abwahl»

Wehrt sich gegen den Vorwurf, zu spät gehandelt zu haben: Urs Rohner, Verwaltungsratspräsident der Credit Suisse.

Wehrt sich gegen den Vorwurf, zu spät gehandelt zu haben: Urs Rohner, Verwaltungsratspräsident der Credit Suisse.

Urs Rohner bleibt, CEO Tidjane Thiam geht. Warum nicht umgekehrt? Und wie will Rohner das Vertrauen aufmüpfiger Aktionäre gewinnen? Im einzigen ausführlichen Interview nach dem Knall bei der Credit Suisse nimmt Rohner in der «Schweiz am Wochenende» Stellung.

Warum tritt Tidjane Thiam zurück – und wieso gehen nicht Sie als oberster Verantwortlicher?

Urs Rohner: Mit den Überwachungen von Geschäftsleitungsmitgliedern wurden im operativen Bereich schwere Fehler gemacht, für die letztlich der CEO die Verantwortung trägt. Wir haben die Gesamtsituation im Verwaltungsrat mehrfach besprochen und beurteilt. Insbesondere, nachdem vor Weihnachten 2019 ein zweiter Überwachungsfall bekannt geworden war (es ging nach dem Fall Iqbal Khan um die Observation des früheren Personalchefs Peter Goerke, die Red.). Diese internen Diskussionen waren ergebnisoffen, auch jene mit dem CEO. Letztlich waren wir uns einig, dass die Bank einen Reputationsverlust erlitten hat und dass es darum unumgänglich ist, wenn Tidjane Thiam nun zurücktritt.

Wann wurde Ihnen klar, dass die Affäre einen Rücktritt ganz oben erfordert?

Als sich diese in den letzten Wochen weiter zugespitzt hat. Es war absolut nicht unser Ziel, jemanden abzusetzen. Ziel des Verwaltungsrates war es, im Interesse der Bank eine Beruhigung herbeizuführen. Es hat sich schliesslich gezeigt, dass dies dem bisherigen CEO nicht mehr möglich sein würde. Danach haben wir im VR einstimmig entschieden.

War all das nicht schon im Dezember klar, nachdem der Fall Goerke aufgeflogen war? Warum haben Sie so lange zugewartet?

Von einem so erfolgreichen CEO trennt man sich nicht vorschnell. Tidjane Thiam hat die Credit Suisse in einem äusserst schwierigen Umfeld restrukturiert und neu aufgestellt. Eine Aufgabe, an der die meisten CEO anderer europäischer Banken gescheitert sind. Was den Beschattungsfall betrifft, so musste auch dieser zuerst seriös untersucht werden.

Diese Untersuchung kam zum Schluss, dass Thiam nichts von der Beschattung gewusst hat. Haben Sie ihm das am Ende nicht mehr geglaubt?

Wir sind keine Glaubensgemeinschaft, sondern halten uns an Fakten. Die Untersuchungsergebnisse waren klar: Der CEO war nicht in die Observationen involviert. Aber als oberster operativer Leiter trägt er die Gesamtverantwortung für sein Managementteam. Dies ist klar zu trennen von der Frage, ob er persönlich involviert war.

Bekommt Thiam eine Abgangsentschädigung?

Nein. Solche sind bekanntlich nach schweizerischem Recht seit der Minder-Initiative ohnehin nicht zulässig.

Wie lange läuft sein Lohn noch weiter?

Der CEO hat einen normalen Vertrag mit der üblichen Kündigungsfrist für Konzernleitungsmitglieder. Sie beträgt sechs Monate.

Im kleinen Kreis sagte Thiam – und öffentlich auch einzelne Grossaktionäre –, die Beschattungsaffäre sei eine schweizerische Aufregung. International sei sie kein Thema. Teilen Sie diese Ansicht?

Nein. Ich wurde auch im Ausland sehr oft darauf angesprochen. Es geht um Grundsätzliches. Ich habe stets klar gesagt, dass solche Aktionen nicht Teil unserer Firmenkultur sind und es nicht werden dürfen. Für uns ist Vertrauen zentral, sowohl gegenüber den Mitarbeitenden als auch gegenüber den Kunden.

Wie wollen Sie das verlorene Vertrauen nun wieder herstellen?

Mit Transparenz in der Aufarbeitung, mit Offenheit und in einem ständigen Dialog mit allen Anspruchsgruppen: Das sind die entscheidenden Faktoren. Nur mit der richtigen Kultur kann ein Unternehmen über Jahrzehnte erfolgreich bestehen – im Fall der CS bereits seit über 160 Jahren.

Beabsichtigen Sie, wegen der Turbulenzen länger im Amt zu bleiben – also über die Generalversammlung im Frühjahr 2021 hinaus?

Nein. Eine Verlängerung der Amtszeit kommt nicht in Frage. Anderslautende Medienberichte sind schlicht falsch. Ich habe die Amtszeitbeschränkung auf zwölf Jahre selber beantragt; vorher betrug sie 15 Jahre. An diese Limite werde ich mich selbstverständlich halten. Ich habe ja nun noch über ein Jahr lang Zeit, den neuen CEO Thomas Gottstein zu begleiten.

Kritische Grossaktionäre aus den USA und Grossbritannien – etwa Harris Associates und Eminence Capital –, haben sich hinter Thiam gestellt und stellen Sie als Verwaltungsratspräsident in Frage. Haben Sie Angst, an der Generalversammlung abgewählt zu werden?

Persönlich habe ich keine Angst vor einer Abwahl. Es geht jetzt auch nicht um meine Person. Der Verwaltungsrat hat wie erwähnt einstimmig getan, was er als das Beste für die Credit Suisse erachtet. Aktionäre können zu anderen Schlüssen kommen als der Verwaltungsrat, das ist ihr gutes Recht. Auch, dass sie gegen meine Wiederwahl sind. Wir werden allen Aktionären erklären, warum wir als Verwaltungsrat mit Tidjane Thiam zusammen diese Entscheidung getroffen haben. Im Übrigen habe ich aus dem Aktionariat klare Rückmeldungen, dass der Kurs des Verwaltungsrats unterstützt wird.

Haben Sie sich abgesichert, dass Sie an der GV eine Mehrheit für die Wiederwahl haben?

Sicherheit hat man nie. Aber ich habe keine Hinweise darauf, dass meine Wiederwahl gefährdet sein könnte.

Die kritischen Aktionäre sind aber sehr einflussreich: Harris Associates ist mit einem Anteil von gut 8 Prozent der grösste Einzelaktionär. Eine schwierige Ausgangslage, um Ruhe in die Bank zu bringen.

Wir müssen unsere Aktionäre permanent davon überzeugen, dass wir das Beste für die Bank tun – das gehört zu unseren Aufgaben. Die Voraussetzungen sind sehr gut: Der Verwaltungsrat ist ebenso geeint wie das Managementteam, das hinter Thomas Gottstein steht.

Wie hat Thomas Gottstein reagiert, als Sie ihm den CEO-Posten angeboten haben?

Mit Respekt, aber auch mit Freude, dass wir ihm diese Aufgabe zutrauen. Als Chef des Schweizer Geschäfts und aufgrund seines Leistungsausweises über 20 Jahre in unserer Bank kennt er die Divisionschefs und das Managementteam bestens und hat auch bereits mit allen gesprochen. Er geniesst die volle Unterstützung. Als einer der wenigen Topmanager unserer Branche arbeitete er lange sowohl in der Vermögensverwaltung als auch im Investmentbanking. Unter Thomas Gottstein wurde die Schweizer Universalbank innerhalb der letzten drei Jahre zur profitabelsten Einheit, mit einem Gewinnzuwachs von rund einem Drittel. Insofern war seine Ernennung zum CEO logisch.

Es musste schnell gehen. Gab es andere Namen auf der Liste für den CEO-Posten?

Wir haben verschiedene Kandidaten evaluiert. Wir tun das regelmässig, und zwar zweimal im Jahr. Denn ein Unternehmen wie die CS muss immer bereit sein für Nachfolgelösungen, für jede höhere Position. Das ermöglichte uns jetzt, schnell zu einer Entscheidung zu kommen.

Mit Gottstein wird der Chef des Schweiz-Geschäfts und – erstmals seit Lukas Mühlemann – wieder ein Schweizer Chef der CS. Hat das symbolischen Wert?

Wir haben Thomas Gottstein nicht wegen seines Passes ausgewählt, sondern wegen seiner Fähigkeiten im Banking und als Führungskraft. Dass er Schweizer ist, ist gewiss kein Nachteil: Wir sind eine Bank mit Sitz und Wurzeln in der Schweiz, aber mit grosser Internationalität.

Thiam wurde bisweilen vorgeworfen, ihm fehle der Schweiz-Bezug.

Damit tut man ihm unrecht. Tidjane Thiam zog für diesen Job in die Schweiz und sagte mir immer, er fühle sich hier sehr wohl.

Mit André Helfenstein, dem neuen Chef des Schweiz-Geschäfts, zieht ein dritter Schweizer in die Konzernleitung ein. Also doch ein wenig «zurück zu den Wurzeln»?

Die Wurzeln sind wichtig und uns allen bewusst. Immerhin steuert das Schweiz-Geschäft 40 Prozent zum Gewinn bei. Die Schweizer bleiben in der Konzernleitung in der Minderheit. Das ist aber nicht entscheidend. Unsere obersten Führungskräfte haben alle in mehreren Ländern gearbeitet.

Mit einem Schweizer CEO könnte dafür Ihr Nachfolger als Verwaltungsratspräsident einen ausländischen Pass haben.

In beiden Positionen braucht es sicher eine Schweiz-Nähe, die sich aber nicht unbedingt im Pass ausdrücken muss. Was meine Nachfolge betrifft, wird der Verwaltungsrat diejenige Persönlichkeit vorschlagen, die am besten dafür geeignet ist.

Es gibt die These, dass Sie mit Ihrem Entscheid bezüglich Thiam darum lange gewartet haben, weil dieser oft rassistisch motivierte Zuschriften und sonstige Reaktionen erhalten hat. Trifft das zu?

Es gab sogar Medienberichte, die einen rassistischen Einschlag hatten. Das ist inakzeptabel und aufs Schärfste zu verurteilen. Auf Entscheidungen des Verwaltungsrats durfte dies allerdings keinen Einfluss haben.

Sie loben Thiam im Communiqué für seine Verdienste für die CS seit 2015. Fakt ist aber, dass sich in dieser Zeit der Aktienkurs halbiert hat – und die Investmentbank immer noch überdimensioniert und zu wenig rentabel ist.

Schauen Sie auf andere Banken, insbesondere in Europa, und Sie werden sehen, wie gut Tidjane Thiam die Restrukturierung gelungen ist. Wir haben die Strategie von Anfang an gemeinsam entwickelt. Er setzte sie erfolgreich um. Dass der Aktienkurs tiefer ist, hängt mit der Branche insgesamt zusammen, aber auch damit, dass wir in der Schweiz wegen der neuen Kapitalanforderungen viel neues Eigenkapital aufnehmen mussten. Das führte zu einer Verwässerung der einzelnen Aktie.

Was ist – neben der Reputation – die grösste Herausforderung der CS?

Die Digitalisierung unseres Geschäfts. Und der Umgang mit der anhaltenden Tiefzinsphase. Wir müssen auch weiterhin unsere Effizienz verbessern.

Das heisst, Thomas Gottstein wird ein Spar- und Abbau-Manager?

Jedes gut geführte Unternehmen muss seine Effizienz laufend verbessern. Darüber hinaus wird sich die Art und Weise, wie man das Bankgeschäft technisch betreibt, stark verändern. Der Kern unseres Geschäfts bleibt aber gleich. Er beruht auf Vertrauen, Urteilsfähigkeit und Beratungskompetenz – also auf sehr menschlichen Faktoren.

Politisch steht nicht mehr «Too big to fail» im Fokus, sondern die Rolle der Banken beim Klimawandel. Die CS steht im Kreuzfeuer der Klimabewegung. Sehen Sie das nur als kurzfristigen Hype?

Auf keinen Fall. Diese Themen sind zentral für uns. Die Finanzindustrie ist ein wichtiger Teil der Gesellschaft - gerade wenn es darum geht, welche Projekte finanziert werden sollen und welche nicht. Wir reden nicht nur, sondern tun auch etwas. Nur um ein Beispiel zu nennen: Die CS hat seit 2010 Anleihen in der Höhe von über 94 Milliarden Franken für alternative Energien mitbegeben.

Gilt die Einladung von Tidjane Thiam an die Klimajugend, die CS sei bereit zu einem Treffen, auch nach seinem Abgang?

Selbstverständlich. Wir wollen die Diskussion mit allen Seiten führen.

Meistgesehen

Artboard 1